Aus "Beobachtern" werden "Brüder"

Am 4. Dezember 1965 feierte Papst Paul VI. den ersten ökumenischen Gottesdienst. Eigentlich war Katholiken eine aktive Teilnahme an nicht-katholischen Gottesdiensten streng untersagt. Doch das Zweite Vatikanische Konzil ging andere Wege.

Zeitgeschichte | Rom - 03.12.2015

"Meine Herren, meine lieben Beobachter". Mit dieser distanzierten Anrede eröffnete Papst Paul VI. wenige Tage vor Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils seine Ansprache. Gemeint waren damit Protestanten, Orthodoxe, Anglikaner und weitere Vertreter anderer christlicher Konfessionen, die als sogenannte Beobachter am Konzil teilgenommen hatten.

Doch dann passierte in der römischen Kirche Sankt Paul vor den Mauern etwas Unerhörtes. Der Papst korrigierte sich selbst und fuhr fort: "Lasst mich besser jenen Namen sagen, der in diesen vier Jahren des Ökumenischen Konzils wieder lebendig geworden ist: Brüder, Brüder und Freunde in Christus".

Paul VI. verwirklicht ein Anliegen des Konzils

Neu war nicht nur diese Anrede für Angehörige nichtkatholischer christlicher Konfessionen, sondern auch das Ereignis selbst: Vor 50 Jahren, am 4. Dezember 1965, feierte ein Papst erstmals einen ökumenischen Gottesdienst. Damit verwirklichte Paul VI. (1963-1978) ein großes Anliegen des Konzils: den ökumenischen Dialog.

Das Konzil (1962-1965) hatte in seinem Ökumene-Dokument ausdrücklich dazu ermuntert, mit Vertretern anderer christlicher Konfessionen Gottesdienste zu feiern. Die Wiederherstellung der Einheit der Christen erklärte es zur zentralen Aufgabe der katholischen Kirche. Zugleich gestand es auch nichtkatholischen Konfessionen erstmals zu, "Kirche" oder zumindest "kirchliche Gemeinschaft" zu sein.

Ökumene: Was verbindet? Was trennt?

Ein Haus mit vielen Wohnungen: So lässt sich - vereinfacht - die Ökumene beschreiben. Das Haus, das viele Kirchen und Gemeinschaften beherbergt, umspannt die ganze Welt. Die Familien in diesem Gebäude sind Katholiken, Protestanten, Orthodoxe, Kopten, Altkatholiken, Anglikaner und Freikirchler.

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Nach dem damals geltenden, wenn auch wohl kaum mehr angewandten Kirchenrecht von 1917 hätte es den ökumenischen Gottesdienst in Sankt Paul vor den Mauern nicht geben dürfen. Es untersagte eine aktive Teilnahme an nicht-katholischen Gottesdiensten und Gebeten. Bereits wer ein Vaterunser in einem evangelischen Gottesdienst mitbetete, stand demnach unter Häresieverdacht.

Abfall vom Katholizismus?

"Dem Katholiken ist jede aktive Teilnahme am Gottesdienst der Akatholiken durchaus verboten", heißt es darin. Eine passive Teilnahme, also die bloße Anwesenheit, war in bestimmten Fällen erlaubt, etwa bei Hochzeiten und Beerdigungen - aber nur, wenn nicht die Gefahr eines Abfalls vom Katholizismus oder eines Ärgernisses bestehe und gesellschaftliche, amtliche oder "Höflichkeitsgründe" dafür sprächen.

An dem ökumenischen Gottesdienst in Sankt Paul nahmen alle aktiv teil: Paul VI. sprach ein Gebet, der US-Methodistenpfarrer Albert Butler, der katholische Ordensmann Pierre Michelon und der griechisch-orthodoxe Archimandrit verlasen Stellen aus der Bibel. Zum Abschluss rief Paul VI. alle 103 Beobachter auf, das Vaterunser in ihrer Sprache zu beten. Ein "Magnificat" aus dem Gregorianischen Choral beendete den Gottesdienst. Anschließend empfing der Papst die Vertreter der christlichen Konfessionen im angrenzenden Benediktinerkloster. Jedem von ihnen schenkte er eine Glocke.

Papst Franziskus und der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. in der Grabekirche in Jerusalem.
Papst Franziskus und der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. in der Grabekirche in Jerusalem.
 KNA

Heute sind ökumenische Gottesdienste, auch mit dem Papst, nichts Besonderes mehr. Jedes Jahr feiert er zum Ende der Gebetswoche für die Einheit der Christen im Januar in Sankt Paul vor den Mauern mit Vertretern anderer christlicher Konfessionen eine Vesper. Außer solchen ökumenischen Gottesdiensten, die nach einem eigenen Schema ablaufen, kommt es vor, dass der Papst an Gottesdiensten anderer christlicher Konfessionen teilnimmt und dort dann die Predigt hält.

Bis heute keine Eucharistiefeier

So war es auch am 15. November, als Papst Franziskus die deutschsprachige evangelisch-lutherische Gemeinde in Rom besuchte. In der Türkei predigte er im November 2014 in einem orthodoxen Gottesdienst mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I.

Das Konzil habe die Hoffnung aufkommen lassen, dass das Problem der Einheit der Christen "langsam, schrittweise, loyal" und "großherzig" gelöst werden könne, sagte Paul VI. damals weiter. Eine wesentliche und für viele Gläubige schmerzliche Einschränkung bleibt allerdings bis heute bestehen: Ein ökumenischer Gottesdienst findet ohne Eucharistiefeier statt, ist also keine Messe. Damit fehlt ihm nach katholischem Verständnis etwas Wesentliches: Denn die Eucharistie ist nach den Worten des Konzils "Quelle und Höhepunkt des ganzen kirchlichen Lebens".

II. Vaticanum: Macht die Fenster weit auf!

Vieles, was heute in der Kirche als selbstverständlich gilt, ist eine Folge von fast revolutionären Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). Katholisch.de blickt auf die wegweisende Bischofsversammlung und ihre wichtigsten Beschlüsse zurück.

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Von Thomas Jansen (KNA)

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