"Der Papst sieht die Ambivalenz der Medien"

In seinem Schreiben "Amoris laetitia" plädiert Papst Franziskus für einen vorsichtigen Umgang mit modernen Kommunikationsmitteln. Medienpädagoge Andreas Büsch analysiert im Interview mit katholisch.de die Aussagen des Papstes.

Familiensynode | Bonn - 13.04.2016

Eltern sollten ein Auge darauf haben, was ihre Kinder in den Medien zu sehen bekommen, sagt Papst Franziskus. In seinem Apostolischen Schreiben "Amoris laetitia" plädiert er für einen vorsichtigen Umgang mit modernen Kommunikationsmitteln, ruft aber zugleich dazu auf, die Eigenverantwortung des Nachwuchses zu achten. Dieser vermeintliche Widerspruch ist wichtig und sogar fester Bestandtteil katholischer Medientheologie, erklärt der Medienpädagoge Andreas Büsch im Interview mit katholisch.de.

Frage: Herr Büsch, der Papst hat in seinem Apostolischen Schreiben "Amoris laetitia" der Kindeserziehung ein eigenes Kapitel gewidmet. Darin lässt er an verschiedenen Stellen einen geordneten Umgang mit Medien ganz selbstverständlich einfließen. Hat Sie das überrascht?

Andreas Büsch: Nicht wirklich. Schon in seiner letztjährigen Botschaft zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel ist die Familie als erster Ort der Sozialisation angeklungen. Und da wurden auch die Medien genannt. Überraschend ist eher, dass der Papst bei dieser Thematik etwas mehrdeutig ist. Es gibt Anklänge an eine eigentlich überholt geglaubte bewahrpädagogische Perspektive. So spricht er etwa in Nummer 260 davon, "eine schädliche Invasion zu vermeiden". Das klingt doch sehr dramatisch und bedrohlich. An anderer Stelle ist das Schreiben aber durchaus auf Höhe der medienpädagogischen Debatte.

Frage: Sie haben es schon angesprochen: Gleich zu Beginn des Kapitels sagt der Papst, die Eltern müssten aufpassen, "wer über die Bildschirme in ihre Wohnung eindringt". Heißt das, dass man als guter Katholik seinen Kindern vorgeben soll, was sie sehen dürfen und was nicht?

Büsch: Das sicherlich nicht. Das würde auch dem Duktus des Papiers widersprechen. In diesem Kapitel zur Erziehung ringt der Papst stark darum, wie man – wissenschaftlich ausgedrückt – ein Erziehungssetting schaffen kann, ohne die Kinder zu indoktrinieren. Es geht ihm gerade nicht darum, durch ständiges Einreden das Richtige zu erzielen, sondern durch das eigene vorbildhafte Handeln und Wertevermittlung zur inneren Reifung anzuregen. Die Intention, die der Papst damit verbindet, ist sicherlich nicht die einer völligen Kontrolle. Er wendet sich ausdrücklich gegen eine Haltung, bei der Eltern ihre Kinder ständig kontrollieren wollen. "Die übertriebene Sorge erzieht nicht" finde ich einen sehr schönen Satz an dieser Stelle.

Frage: Stellt der Wunsch nach Kontrolle heutzutage nicht trotzdem eine sehr große Gefahr dar? Es wird ja immer leichter, nachzuvollziehen, was die Kinder den ganzen Tag im Netz machen.

Büsch: Natürlich könnten Eltern heute mit entsprechenden Möglichkeiten "Stasi 2.0" oder NSA spielen und ihre Kinder ausspionieren. Aber das hieße, völlig das Vertrauen der Kinder zu verspielen. Das wären übermächtige Eltern, die wie Big Brother bei Orwell alles im Blick haben. Darum kann es nicht gehen. Es geht darum, Vertrauen in die Kinder zu haben und zwar erzieherisch Grenzen zu setzen, aber eben in Freiheit und durch das Gespräch miteinander anstatt durch Überwachung und Kontrolle.

Andreas Büsch ist Professor für Medienpädagogik und Kommunikationswissenschaft an der Katholischen Hochschule Mainz und leitet die Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz.
Andreas Büsch ist Professor für Medienpädagogik und Kommunikationswissenschaft an der Katholischen Hochschule Mainz und leitet die Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz.
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Frage: Der Papst sagt deutlich, man soll die Freiheit der Kinder und Jugendlichen achten. Man dürfe sie nicht behandeln wie Erwachsene, aber man solle ihnen zutrauen, selbstverantwortlich zu handeln. Wie weit kann diese Freiheit denn gehen?

Büsch: Ich finde es positiv, dass er unter der Überschrift "geduldiger Realismus" den Anschluss an die Humanwissenschaften sucht. In der Nummer 273 heißt es: "Die wertvollen Beiträge der Psychologie und der Erziehungswissenschaften zeigen die Notwendigkeit eines stufenweisen Prozesses, um Verhaltensänderungen zu erreichen", und das "abgestimmt auf das Alter". Gerade deshalb finde ich es gut, dass der Papst sich nicht auf das dünne Eis irgendwelcher naheliegender Rezepte begibt, sondern immer wieder sagt: Man muss im Gespräch sein, man muss den erzieherischen Dialog suchen, Werte vorschlagen.

Frage: Müssen die Eltern dabei vielleicht auch von ihren Kindern lernen? Beim Punkt der moralischen Erziehung sagt Franziskus, man darf den Kindern "kein unverhältnismäßig großes Opfer abverlangen", sonst werden sie unwillig. Heißt das sozusagen: Ein Fernsehverbot ist in Ordnung, aber das Internet zu verbieten geht zu weit? Wie kann man in der Erziehung selber wissen, wie diese Grenzen sinnvoll gesetzt werden?

Büsch: Da geht es tatsächlich um Gegenseitigkeit. Ein Beispiel: Es gibt einen sogenannten "Mediennutzungsvertrag". Dabei verhandeln die Eltern mit ihren Kindern, wie viel gut für sie ist und wo die Grenzen sind. Umgekehrt lassen sie sich aber auch selbst unter Vertrag nehmen von ihren Kindern. Das Wichtige ist, den Kindern nicht etwas aufzudrücken im Sinne von Wasser predigen und Wein trinken, sondern zu sagen: Sobald ich bei meinen Kindern bin, ist mein Smartphone auch aus und wenn der Chef anruft, dann muss er eben mal eine Stunde warten. Diese Wechselseitigkeit ist entscheidend. Ansonsten ist die Frage, was angemessen ist, letztlich nur abhängig vom Alter und der individuellen Entwicklung zu beantworten. Es mag schulisch leistungsstarke Kinder geben, wo ich selbst keine Probleme hätte, Medienkonsum neben den Hausaufgaben als unproblematisch zu bewerten.

Linktipp: Die Liebe im Mittelpunkt

Das nachsynodale Schreiben des Papstes zur Familiensynode steht ganz im Zeichen der Liebe. Mit "Amoris laetitia" hat Franziskus eines seiner wichtigsten Schreiben veröffentlicht. Katholisch.de stellt die einzelnen Kapitel vor und zitiert die wichtigsten Stellen.

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Fragen: Es ist naheliegend, dass es also ein zu viel an Medien geben kann. Gibt es auch ein zu viel an Anpassung an Medien, wie es der Papst an einer Stelle des Schreibens sagt?

Büsch: Das könnte man dort herauslesen. Aber es folgt darauf ja direkt die Aussage: Es geht nicht darum, deswegen etwas zu verbieten, sondern eine geeignete Form des Umgangs zu finden. Es geht dem Papst offensichtlich darum, zu fördern und zu fordern, um ein altes Schlagwort zu bemühen. Selbstwertgefühl erreiche ich nur, wenn ich auch Resilienz entwickle. Also die Fähigkeit, auch damit umzugehen, wenn mir etwas abverlangt wird und ich nicht alles erhalte, was ich will. Das ist ein durchaus vernünftiger Gedanke. An anderer Stelle warnt der Papst vor "den Machenschaften derer, die versuchen, mit egoistischen Interessen in ihr Innerstes einzudringen". Das verstehe ich als Technik- und Konzernkritik: Liefert euch Google, Facebook und Konsorten nicht als Datenlieferanten aus! Auch das ist ein ganz wichtiger Hinweis.

Frage: Franziskus warnt davor, die "digitale Geschwindigkeit auf sämtliche Lebensbereich zu übertragen". Ist das nicht kulturpessimistisch?

Büsch: Das ist eine der Stellen, an der ich eine bewahrpädagogische Perspektive sehe. Ich möchte dagegenstellen, dass auch digitale Medien ein selbstverständlicher und notwendiger Bestandteil der Lebenswelt von Kindern und Jugendliche sind. Der Papst sieht diese Ambivalenz der Medien aber wohl durchaus.

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Wie viel Zeit vor dem Computer ist gesund für mein Kind? Professor Andreas Büsch, Medienexperte aus Mainz, kennt die Antwort.
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Frage: Im Paragraph 278 spricht der Papst von "technischem Autismus" und warnt eindringlich vor den "Gefahren der neuen Kommunikationsformen" …

... aber er sagt im ersten Satz auch, dass sie die Erziehung sowohl erleichtern als auch beeinträchtigen können. Das ist beste kirchliche Medientheologie, die Ambivalenz der Kommunikationsmedien zu sehen. Und das gilt schon für den Medienbegriff an sich: Es geht dabei nicht um reine Unterhaltung, sondern die Medien dienen immer dem zwischenmenschlichen Austausch. Der Begriff ist normativ aufgeladen. Spannend ist aber der implizite Vorrang der direkten Kommunikation in diesem Absatz. Ich würde sagen, das stimmt nur teilweise.

Frage: Wieso ist das nur bedingt gültig?

Büsch: Ich kenne unterschiedliche Situationen, in denen die mediale Kommunikation sehr wohl die Tiefe eines persönlichen Gesprächs erreichen kann. Denken wir einmal nicht nur an WhatsApp-Kurznachrichten und ähnliches. Es soll ja tatsächlich noch Menschen geben, die so etwas wie Briefe schreiben – auch in elektronischer Form als lange Mails –, in denen sie sich mit Gedanken des anderen auseinandersetzen. Auch wenn Sie etwa Skype ernsthaft benutzen, sind Sie schon sehr nah an der Qualität einer direkten Begegnung. Kommunikationswissenschaftlich ist natürlich klar, dass mir in einem rein schriftlichen Austausch – also über WhatsApp, Twitter oder Mail – Anteile der direkten Kommunikation wie Gestik oder Mimik fehlen. Aber mittlerweile gibt es digitale Formen, um auch das zu kompensieren. Dann nutze ich eben Emoticons, mit denen ich die emotionale Qualität einer Aussage sehr wohl darstellen kann.

Frage: Die "immer raffinierteren Kommunikationstechnologien" erleichtern die Erziehung, sagt der Papst. Wie sind diese hilfreich?

Büsch: Das In-Kontakt-Bleiben, zum Beispiel die Familien-WhatsApp-Gruppe, ist durchaus eine Realität modernen und somit mobilen Lebens. Es gibt eben heute die Möglichkeit, anders in Kontakt zu bleiben, als im klassischen Bild von der Familie, die sich zu allen Mahlzeiten am Esstisch trifft.

Zur Person

Andreas Büsch ist Professor für Medienpädagogik und Kommunikationswissenschaft an der Katholischen Hochschule Mainz. Zudem leitet er die Clearingstelle für Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz.

Von Kilian Martin

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