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Die Symbolik der Tiere

Im Lukasevangelium kommen sie gar nicht vor. Dennoch sind Ochs und Esel seit frühchristlicher Zeit fester Bestandteil der Geburtsgeschichte Jesu. Warum das so ist, erklärt der Kapuziner Anton Rozetter im Interview mit katholisch.de.

Weihnachten | Fribourg - 26.12.2015

Im Lukasevangelium kommen Ochs und Esel gar nicht vor. Dennoch sind die Tiere seit frühchristlicher Zeit fester Bestandteil der bildlichen Darstellungen der Geburtsgeschichte Jesu. Was das mit dem Propheten Jesaja zu tun hat und warum viele der Krippendarstellungen eine Provokation sind, erklärt der Kapuziner Anton Rozetter im Interview mit katholisch.de.

Frage: Herr Rotzetter, was machen Ochse und Esel eigentlich an der Krippe?

Rotzetter: Ochse und Esel bezeugen im Sinne des Alten Testamente die Gottesgegenwart in Jesus von Nazareth. Im Lukasevangelium kommen diese Tiere gar nicht vor, sie werden erst im 3. oder 4. Jahrhundert in die Weihnachtsgeschichte eingeführt – und zwar auf Sarkophagen. Dort haben Ochse und Esel eine bedeutungsvollere Position als selbst Maria und Josef. Die Tiere stehen direkt hinter der Krippe, Maria und Josef am Rand. Das ist ein Bezug zum Propheten Jesaja, dort heißt es sinngemäß: Jeder Ochs und jeder Esel erkennt die Krippe seines Herrn, nur du, Volk Israel, erkennst ihn nicht. – Eine ziemliche Provokation! Diese Tiere erkennen, der Mensch aber erkennt nicht, wer Gott ist und wo er erscheint.

Frage: Haben Ochse und Esel darüber hinaus eine besondere Bedeutung in ihrer individuellen Symbolik?

Rotzetter: Nun, selbst in unserer heutigen Symbolik: Wenn ich sage "Du bist ein Esel!" oder "Du bist ein Ochse!", dann ist das nicht gerade ein Kompliment. Man könnte sagen: Ochse und Esel bezeugen tatsächlich Gott und der Mensch steht wie ein Ochse oder ein Esel da und erkennt Gott nicht. Natürlich kann man noch weiter gehen: Der Ochse ist ein Opfertier, der Esel ist ein Lasttier. So hat man später auch neue Bedeutungen hinzugefügt, etwa, dass das Opfertier für die Juden, der Esel für die Heiden stehe.

Die Sterndeuter aus dem Morgenland huldigen dem Jesuskind.
Im Lukasevangelium kommen Ochs und Esel gar nicht vor. Dennoch sind sie seit frühchristlicher Zeit fester Bestandteil der bildlichen Darstellungen der Geburtsgeschichte Jesu.
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Frage: Außer Ochse und Esel sind an Krippendarstellungen meist auch viele Schafe zu sehen. Was hat es mit denen auf sich?

Rotzetter: In der Bibel wird von den Herden gesprochen. So kommen die Schafe, auch vielleicht ein Hütehund an die Krippe. In der Schweiz sind oft auch viele andere Tiere an der Krippe zu finden. Sie bezeugen: Die Inkarnation Gottes geht nicht nur die geistige Dimension des Menschen an. Die ganze Materie, auch die animalische Welt, ist eine Schöpfungsdimension, die an Weihnachten mit bedacht wird.

Frage: In unserer Tradition kommen andere Tiere an Weihnachten vor allem auf den Festtisch. Eine Weihnachtsgans zum Beispiel.

Rotzetter: Dass man für das Fest ein besonders wertvolles Tier schlachtet und auf den Teller bringt, hat eigentlich keine direkte Verbindung zum Weihnachtsfest. Es ist ein großes Missverständnis.

Frage: Inwiefern?

Rotzetter: Hier wird ein Tier zum Gegenstand des Genusses gemacht. Die Würde, die Tieren in der Bibel zugesagt wird und die wir heute mehr und mehr erkennen, zeigt, dass das ein Widerspruch in sich ist. Nein, Fest und Braten gehören nicht zusammen. Tiere haben eine Bedeutung, die jenseits des Konsums angesiedelt ist. Ich kenne hier in der Schweiz einen Bauern, der jedes Tier, das je auf seinem Hof gelebt hat, fotografiert hat und aus Holz hat schnitzen lassen – sie stehen an der Weihnachtskrippe. Das zeigt: Die Tiere sind nicht einfach Fleischlieferanten oder Nutztiere. Sie stehen auch in einer Gottesbeziehung. Das schreibt auch Papst Franziskus in der Enzyklika "Laudato si": Die Tiere stehen nicht einfach auf der Seite der vergänglichen Materie, sondern sind mit in das himmlische Geschehen eingebunden.

Frage: Ist Gott also auch Mensch geworden für die Tiere?

Rotzetter: Wenn das Johannesevangelium sagt "Gott ist Fleisch geworden", ist das noch mehr als "Gott ist Mensch geworden". Gott ist nicht einfach nur Mensch geworden, sondern er ist in die gesamte Wirklichkeit der Schöpfung eingegangen, in das Irdische, in das Sterbliche. Das erzeugt für Mensch, Tier und Pflanze eine neue Zukunft in Gott.

Zur Person

Anton Rotzetter (*1939) ist ein Schweizer Kapuziner, Buchautor und Fachmann für franziskanisch und biblisch geprägte Spiritualität. Er ist außerdem Mitbegründer des Instituts für Theologische Zoologie mit Sitz in Münster.

Von Gudrun Lux

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