Theologie

"Gefangen in veralteten Paradigmen"

Der Theologe Christian Hennecke befürwortet eine "De-Institutionalisierung" der Kirche

Hildesheim - 26.02.2016

Was wäre, wenn man - pastoralpraktisch - für einige Jahre die Augen geschlossen hätte, und nun, heute, im Jahr 2016 wieder aufwacht? Man wäre verwirrt, weil man feststellt, dass alles sich verändert hat, weil "nichts bleibt, wie es ist", wie es der Pastoraltheologe Rainer Bucher formuliert hat. Man würde die Kirche nicht wiedererkennen, in ihrer Veränderungsdynamik, in ihren Strukturen.

Was ist da passiert, dass immer weniger Pfarrer in immer größeren Räumen agieren? Was ist da passiert, wenn nun Strukturmaßnahmen zu übergroßen Pfarreibildungen führen?  Warum machen die Priester keinen Religionsunterricht, keine Hausbesuche mehr? Warum wird in den Familien kein Rosenkranz mehr gebetet? Kurzum: die so schöne Erfahrung milieuhafter Versorgungskirche ist abgelöst von... was eigentlich?

Strukturentwicklung ist nicht Kirchenentwicklung

Keine Frage, der Ausgangspunkt von Strukturveränderungen ist eine veränderte Situation der Kirche. Das Volk Gottes, vom Heiligen Geist erfüllt, ist auf dem Weg in eine neue Zukunft. Es geht um das Kirchenbild: es geht darum, dass Kirche eben nicht die Summe von Strukturen ist, sondern das Volk Gottes auf dem Weg. Alle Strukturen sollen nur dazu dienen, dass sich dieses Volk bejaht weiß durch Gottes unendliche Liebe und diese weitergibt. Dieser sakramentale Geburtsprozess, der sich in der Taufe gründet und in den Sakramenten je aktualisiert wird, bringt das Volk Gottes ins Leben, aktualisiert das gemeinsame Priestertum aller Getauften und ermöglicht so das Kirchesein. Und genau dieses Kirchesein ist die Leidenschaft einer Sendungsgemeinschaft, die sich auf Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen einlässt und von der Welt lernt, indem sie die Zeichen der Zeit unterscheidet.

Christian Hennecke im Porträt.
Christian Hennecke ist promovierter Theologe und Leiter der Hauptabteilung Pastoral im Bistum Hildesheim.  privat

So ist es nach dem II. Vatikanum gedacht, wenn dort eben nicht zuerst von der notwendig dienenden sakramentalen Struktur und ihrer Hierarchie gesprochen wird, sondern vom sakramentalen Geheimnis und vom Gottesvolk auf dem Weg. Dass die pastoralen Strukturen neu und weiträumiger gefasst werden, hat natürlich mit der sinkenden Zahl der Priester zu tun. Aber zugleich eröffnen sich darin neue Horizonte einer Kirche, die sich als Gemeinschaft örtlicher Gemeinden und kirchlicher Existenzorte verstehen lernt - einer Kirche, die sich neu findet auf dem Horizont gemeinsamen Priestertums, einer Vielfalt kirchlicher Existenzformen, einer tiefen Spiritualität, einer deutlichen Sendungsorientierung.

Damit wird zunächst klar: wenn sich Strukturen ändern, dann ist das noch keine Kirchenentwicklung. Und in der Tat wird man zugeben müssen, dass am Anfang der Strukturveränderungen ein unterschwelliges "Weiter so" stand: wie lange wird man Seelsorge noch erhalten können in den bisherigen Formen milieu- und gemeindekirchlicher Formation, wenn die Pfarreien immer größer werden? Das war die bange Frage, die zu einer ständigen Überlastung führte. Aber wenn ich dies beschreibe, dann liegt auf der Seite der pastoralen Entwickler das Loslassen dieser Illusion schon einige Jahre zurück. Strukturentwicklungen jedweder Art sind nicht gleichzusetzen mit einer Pastoralentwicklung, sind keine Kirchenentwicklung, sondern sollen ihr dienen. Allerdings stimmt auch: Der lange Schatten der Versorgungskirche liegt noch auf den Leitungsebenen der Kirche– wie auf dem ganzen Volk Gottes. Das ist nicht verwunderlich angesichts der prägenden Vergangenheit.

Die babylonische Gefangenschaft der Gemeindetheologie

Und Herbert Haslinger hätte Recht. Ginge es darum, die Strukturen in einem "Weiter so" zu verändern, müsste man Einspruch einlegen. Aber genau das passiert ja gerade nicht. Die Struktur der Kirche de-institutionalisiert sich auf das Wesentliche: Auf die sakramentale Ermöglichung im Dienst an der Einheit, die Verkündigung und die Feier der Geheimnisse. Denn genau diese sakramentale Dimension der Kirche bringt die Grundwirklichkeit des Volkes Gottes in Bewegung. Es wird ein langer Weg sein, denn noch nicht viele Priester und noch nicht viele Christen können nachvollziehen, dass auch eine Kirche der "Ehrenamtlichen" diese Wirklichkeit immer noch auf das Priesteramt zentriert. Insoweit legt Herbert Haslinger mit Recht den Finger in die Wunde: ginge es nur darum, durch die Rede vom gemeinsamen Priestertum, der Taufwürde und den Charismen nun "die Laien an die Arbeit" zu bringen, würde man den Paradigmenwechsel, der gerade geschieht, völlig unterbieten.

Eine Berghütte in grünen Bergen mit Wanderwegen davor
Wanderer sind in den Bergen unterwegs zu einer Hütte.  VRD/Fotolia.com

Genau das riskiert Herbert Haslinger aber auch. Die Priester und pastoralen Mitarbeiter arithmetisch zu verteilen, heißt ja gerade, die Gemeinde als seelsorgerliche Betreuungseinheit zu verstehen, heißt ja gerade der Sanktionierung der gemeindetheologischen Kategorien und einer Professionalisierung das Wort zu reden. So würde das Volk Gottes weiterhin zu Kunden, zu betreubaren Gläubigen gemacht. Letztlich zeigt sich hier eine theologisch in keiner Weise begründbare Gefangenschaft in einem veralteten Paradigma. Das wird allerdings nicht besser, wenn man nun von berechtigter Kirchendistanz und einer anzustrebenden passageren Kirchlichkeit in der Berghütte redet. Das wirkt so, als wäre eine Struktur gemeint, die eine bestimmte Leistung erbringen müsste. Eine solche Kirche, eine solche Kirchenstruktur funktioniert nur mit Hauptamtlichen, und damit – da ist Haslinger konsequent – mit einer Veränderung der Zugangsvoraussetzungen.

Der Paradigmenwechsel

Aber es geht eben um mehr: es geht um Umkehr und Bekehrung – es geht um das Wirklichwerden der Vision des II. Vatikanums. Das unterstreicht Herbert Haslinger ja auch: ja, es geht um das Volk Gottes, es geht um Sakrament und Kirche in der Welt – und es geht um die Kirche vor Ort.

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Gemeinde sein - auch ohne Kirchturm: Der Essener Weihbischof Wilhelm Zimmermann über pastorale Herausfordungen in Großpfarreien (Archivvideo vom September 2014).  katholisch.de

Genau deswegen ist ja Strukturentwicklung von Kirchenentwicklung zu trennen. Wenn in verschiedenen Bistümern nun ein neues Paradigma des Kircheseins in den Blick gerät, geht es eben nicht darum, das auf Ehrenamtliche abzuladen, was hauptberuflich "leider nicht mehr geht". Stattdessen wird eben jene Kirche angezielt, die in der sakramentalen Theologie des II. Vatikanums prophetisch anvisiert wurde, und die in vielen Kirchen des Südens systematisch und mit hoher Energie seit Jahrzehnten gelebt wird. Kirche vor Ort, in den kirchlichen Basisgemeinden, in den communautés locales, in den Small Christian Communities und in vielen fresh expressions – die Namen sind unterschiedlich – provoziert eine neue Kultur des Kircheseins, die eben die Kirche als die Gemeinschaft der Getauften sieht, die in hoher Verantwortung der Kirche vor Ort ein Gesicht geben. Dann geht es eben nicht um den Selbsterhalt, sondern um das Zeugnis für Gottes neue Welt.

Die echten Fragen

Wenn sich so viel verändert, kommen viele Fragen auf. Etwa, wie möglichst konkret und lokal Communio in der Sendung Christi gelebt werden kann. Und Herbert Haslinger stellt eine weitere wichtige Frage: Die nach der Rolle und dem Dienst von Priestern und Hauptberuflichen. Allerdings schwingt in Haslingers Antwort die Professionalisierungsfalle mit, die Seelsorge letztlich doch an die Hauptamtlichen delegiert. Natürlich braucht es Professionalität, natürlich professionelle Seelsorge  - aber im Blick auf ein verwandeltes Kirchenverständnis gilt doch: die Priester und die hochqualifizierten Teams der pastoralen Mitarbeiter sind als Gesandte des Bischofs in seiner Sendung der Befähigung, der Ermöglichung, der Zurüstung aller derer, die sich mit ihren Gaben und Charismen einbringen und so Kirchesein in der Welt ein Gesicht geben.

Dahinter stehen bohrende Fragen; der skizzierte Paradigmenwechsel steht an, ist aber bislang wenig in Gang gekommen, weder bei Hauptberuflichen noch in der Breite des Volkes Gottes. Es würde eine Neuorientierung der Ausbildung und der Begleitung der Priester und Hauptberuflichen ebenso erfordern wie ein Neubedenken der Wege der Zurüstung. Vor allem ginge es darum, nicht im Aktivitätenparadigma hängen zu bleiben, sondern ernsthaft Prozesse anzuzielen, in denen es zentral um einen Mentalitätswandel geht. Das ist aber erst am Anfang. So bleibt ein Unbehagen: die bohrenden Fragen Herbert Haslingers teile ich, vor allem auch seine Berufung auf die Theologie des II. Vatikanums. Aber ich bleibe  zurück, wenn ich mir seine Konsequenzen anschaue – denn sie scheinen mir eben gerade nicht vom Aufbruch und Umkehr zu sprechen, sondern letztlich von einer Weiterentwicklung einer Kirchenkultur, die hinter uns liegt, aber doch weiterhin wirkmächtig ist. Es bleibt verwirrend.

Linktipp: Pfarreien wie Berghütten?

Das Konzept, Pfarreien zu größeren Seelsorgeeinheiten zusammenzufassen, hält der Paderborner Pastoraltheologe Herbert Haslinger für gescheitert. In einem Buch entwirft er nun einen Gegenvorschlag zu diesem Vorgehen vieler deutscher Diözesen.

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Von Christian Hennecke

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