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Familie

Ja, ihr seid Kirche

Erzbischof Heiner Koch über die Ehe und den Familiensonntag

Berlin - 17.01.2016

Am 17. Januar feierte die katholische Kirche in Deutschland den Familiensonntag. Der "Familienbischof" der Bischofskonferenz, Erzbischof Heiner Koch, betont aus dem Anlass besonders das Sakrament der Ehe. Wie man junge Menschen für das Sakrament begeistern könnte, was sich an der Ehevorbereitung ändern müsste und was die Deutschen dabei von der Kirche in Afrika lernen könnten, erzählt Koch im Interview mit katholisch.de.

Frage: Herr Erzbischof, heute begeht die katholische Kirche in Deutschland den Familiensonntag. Was hat es mit diesem Tag auf sich?

Koch: Dieser Sonntag ist eine Einladung und eine Bitte, das Thema Ehe und Familie der gesamten Gemeinde ins Bewusstsein zu rufen: Die jungen Leute, die sich gerade in der Ehevorbereitung befinden, die Paare, die ihre Ehe leben und Eltern geworden sind, aber auch die, die es schwer miteinander haben oder sich sogar getrennt haben. Das Ganze soll im Gottesdienst, in der Predigt, eine Rolle spielen und – wenn möglich – auch in weiteren Veranstaltungen der Gemeinde. Vor allem aber sollen die Gläubigen im Gebet mit den Familien verbunden sein. Es ist außerdem ein guter Tag, an die eigene Familie zu denken – auch an die, die bereits verstorben sind.

Frage: Das Motto des Familiensonntags lautet: "Was ist jetzt wichtig – Perspektiven nach der Familiensynode". Was ist denn jetzt wichtig?

Koch: Noch warten wir auf das Abschlussdokument des Papstes zur Synode. Wir deutschen Bischöfe werden uns danach mit einem eigenen Hirtenbrief zum Thema Ehe und Familie zu Wort melden, konkret bezogen auf die kirchliche, gesellschaftliche und politische Situation in Deutschland. Darin werden wir viele Punkte ansprechen. Zum Beispiel die Frage, wie wir junge Menschen dafür begeistern können, sich das Sakrament der Ehe zu spenden. Dazu müssen wir Bischöfe auch erklären, warum wir eigentlich wollen, dass sie das tun.

Frage: Und warum wollen Sie das?

Koch: Das hat für uns etwas mit Berufung und dem geistlichen Weg zu tun, den zwei Menschen zusammen gehen wollen. Manchmal hat man den Eindruck, dass es vielen Menschen egal sei, wie sie denn nun zusammenleben. Wir wollen dagegen klarmachen, dass das Sakrament der Ehe eben nicht einfach eine Alternative von vielen ist.

Linktipp: Die Internetseite zum Familiensonntag

"Was jetzt wichtig ist – Perspektiven nach der Familiensynode" – unter diesem Thema begeht die katholische Kirche in Deutschland am 17. Januar 2016 den Familiensonntag. Die Deutsche Bischofskonferenz bietet in der Arbeitshilfe Nr. 280 auf einer Internetseite Anregungen zur Gestaltung des Familiensonntags an.

Zur Internetseite des Familiensonntags

Frage: Wie könnte das in der Praxis aussehen?

Koch: Eine konkrete Möglichkeit wäre eine Ehevorbereitung, die schon lange vor der Eheschließung beginnt. Auf der Synode haben wir von vielen Bischöfen – zum Beispiel aus Afrika – gehört, mit welcher Intensität sie in ihrer Heimat Paare auf die Ehe vorbereiten, oftmals in Form eines Glaubensgrundkurses. Zwei Menschen sollen sich das Sakrament der Ehe ganz bewusst und im Licht ihres Glaubens spenden. Gerade in unserer Gesellschaft, wo es nicht mehr selbstverständlich ist, Christ zu sein oder den eigenen Glauben zu kennen, könnten solche Kurse zunehmend eine Rolle spielen.

Frage: Es gibt ja dennoch noch viele Menschen, die den Schritt wagen und sich das Sakrament der Ehe spenden. Was ist mit denen?

Koch: Auch die Begleitung von Ehepaaren wollen wir intensivieren, für junge genauso wie für ältere Paare. Was bedeutet, dass wir auf die ganz unterschiedlichen Herausforderungen der einzelnen Lebensphasen eingehen. Und wir wollen auch die vielen kirchlichen Einrichtungen in den Blick nehmen und schauen, wie wir die Kindertagesstätten oder die Ehe- und Familienberatungsstellen noch einmal stärken und profilieren können.

Frage: Eine neue Forsa-Studie hat ergeben, dass junge Menschen auch heute "Sehnsucht nach einem heilen Familienbild" und nach Liebe und Treue haben. Warum fällt es der Kirche dennoch so schwer, für das Sakrament der Ehe zu werben?

Koch: Wenn wir die frohe Botschaft der Ehe verkünden, greifen wir damit sicher auch die Sehnsüchte der Menschen auf. Gnade und natürliche Bedürfnisse laufen hier zusammen. Uns fällt es aber tatsächlich schwer, das Besondere des Sakraments zu formulieren. Vielleicht liegt es daran, dass die kirchliche Eheschließung in unserer christlichen Gesellschaft zu lange selbstverständlich war. Wir müssen vielmehr deutlich machen: Gott segnet Eure Beziehung mit dem Sakrament der Ehe, damit seid Ihr hineingenommen in das Geheimnis der Kirche, ja Ihr seid Kirche! Wenn Ihr Euch für das Sakrament der Ehe entscheidet, tragt Ihr Verantwortung; Christus selbst ist in Euch gegenwärtig und wirkt in Euch! Diese Glaubensdimension ist heute nicht mehr selbstverständlich. Erst wenn die klar ist, geht es um die konkreten Konsequenzen wie Treue, Verlässlichkeit und Vergebung.

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Nachgefragt: "Was bedeutet Familie für dich?"  katholisch.de

Frage: Die Studie hat auch ergeben, dass eine große Mehrheit der befragten, noch kinderlosen Frauen und Männer sich Nachwuchs wünscht. Die meisten aber erst rund um ihren 30. Geburtstag. Was bedeutet das für die Ehelehre und die Sexualmoral der Kirche?

Koch: Zunächst merkt man daran natürlich, dass sich die gesellschaftliche Situation verändert hat. Die Zeiten der Ausbildung und der Berufseinführung dauern immer länger. Ich sehe das kritisch. Denn die Gründung einer Familie steht dadurch meist hinten an, wie als "Zugabe" in der Lebensplanung zu Beruf und Karriere. Es braucht auch eine größere Unterstützung seitens Politik und Gesellschaft, damit sich Eltern zum Beispiel eine längere Auszeit aus ihren Berufen finanziell erlauben können. Und auch der Wiedereinstieg ins Berufsleben sollte erleichtert werden. Letztlich können wir als Kirche aber auch die Realität nicht ausblenden. Ob und wann junge Paare Kinder bekommen, ist ihre Entscheidung. Die müssen wir akzeptieren.

Frage: Ist unsere Gesellschaft familienfeindlich?

Koch: Familienfeindlich würde ich nicht sagen. Aber die Familienpolitik ist oftmals ein Anhängsel der Wirtschaftspolitik geworden. Familienfreundlichkeit wird so definiert, dass beiden Elternteilen zwar eine berufliche Auszeit ermöglicht wird, aber eben nur so kurz wie möglich. Für mich heißt Familienfreundlichkeit, dass die Eltern selbst entscheiden können, wie lange diese Auszeit dauert. Der Staat hat die Aufgabe, verschiedene Lebensmodelle aktiv zu unterstützen. Es kann nicht sein, dass Eltern für das Ausscheiden aus dem Berufsleben bestraft werden, dass sie finanziell schlechter gestellt und nach einer Erziehungszeit schlechter wieder ins Berufsleben integriert werden. Da ist die Politik gefordert.

Verliebte Finger.
"Manchmal hat man den Eindruck, dass es vielen Menschen egal sei, wie sie denn nun zusammenleben. Wir wollen dagegen klarmachen, dass das Sakrament der Ehe eben nicht einfach eine Alternative von vielen ist," sagt der Berliner Erzbischof Heiner Koch.  preto_perola/Fotolia.com

Frage: Wo kann die Kirche Familien neben der Katechese künftig noch mehr unterstützen?

Koch: Da möchte ich noch einmal auf die afrikanischen Bischöfe verweisen. Auf der Synode haben sie erzählt, wie sehr Familien dort in das Gemeindeleben integriert sind. Dass bei uns Kleinstfamilien aus Vater, Mutter und Kind oft isoliert sind und allein gelassen werden, gilt es zu überwinden. Ich wünsche mir Gemeinden, die erfahrbar sind als Hauskirchen und Heimat. Ich wünsche mir Gemeinden, die sich die Frage stellen: Tragen wir die Lasten von diesen Familien, aber auch von Alleinerziehenden oder – jetzt ganz akut – von Flüchtlingsfamilien mit?

Frage: Was wünschen Sie sich als Familienbischof in Bezug auf das Thema Flüchtlinge?

Koch: Auch das Flüchtlingsthema ist ein Familienthema. Wir setzen uns als Kirche dafür ein, dass die Kinder von Flüchtlingen nachziehen dürfen, damit die Familien zusammen bleiben. Danach geht es darum, ihnen durch unsere kirchlichen Institutionen und Beratungsstellen bei der Integration zu helfen. Denn oftmals werden Flüchtlinge – auch wenn die eigenen Kinder nachziehen dürfen – aus ihren Großfamilien herausgerissen, die sie getragen und gehalten haben. Bei uns treffen sie auf eine völlig andere Kultur, die auch eine große Herausforderung darstellt. Da ist die Institution Kirche gefragt. Da ist aber auch jede Gemeinde und jeder einzelne Gläubige gefragt, damit Kirche für diese Menschen ein Stück Zuhause, ein Stück Familie werden kann.

Linktipp: Wir heiraten!

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Von Björn Odendahl

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