Religiöser Analphabetismus

An Heiligabend sind viele Kirchen wieder voll. Voller Menschen, die sonst selten einen Gottesdienst besuchen und liturgisch wenig sattelfest sind. Das gilt als Herausforderung für alle Beteiligten.

Weihnachten | München - 20.12.2016

Die Unsicherheit beginnt schon beim Betreten der Kirche: Welche Bank ist die richtige? Denn Platzkarten wie im Theater gibt es ja nicht. Sobald die festliche Christmette begonnen hat, gehen immer wieder verstohlene Blicke nach links und rechts: Wann ist der richtige Moment fürs Kreuzzeichen, wann steht man auf, wann setzt man sich? Eine völlige Überforderung sind schließlich die Gebete, die die Gemeinde auswendig spricht.

"In der katholischen Kirche fallen Sie schnell auf als jemand, der sich nicht genau auskennt", sagt Bernhard Spielberg. Er lehrt Pastoraltheologie an der Universität Freiburg. "Eine richtige Christmette stellt einen hohen Anspruch an diejenigen, die mitfeiern", so der Juniorprofessor. Die festen Rituale könnten schnell spalten zwischen Stammbesuchern und denen, die nur sporadisch in die Kirche gehen. Umgekehrt gelte: "Eine gute Liturgie lässt auch die nicht kalt, die sich nicht auskennen." Rituale erfüllten einen wichtigen Zweck, erklärt der Pastoraltheologe: "Sie tragen die Menschen durch eine Messfeier, ohne dass diese jedes Mal neu überlegen müssen: Wie bete ich - was muss ich jetzt tun."

Spickzettel Christmette - zum Downloaden und Ausdrucken

Katholisch.de hat einen kleinen Spickzettel erstellt, der den Ablauf der Christmette aufzeigt und dabei mühelos in das Gebet- und Gesangbuch Gotteslob passt. Kleine Icons zeigen auf dem Blatt an, ob die Gemeinde steht, sitzt oder kniet.

Zum Download (PDF)

Das sollte indes nicht dazu führen, dass nur Insider etwas von der Messe haben. Gerade an Weihnachten erreicht die katholische Kirche etliche ihrer eher fernstehenden Mitglieder. Entscheidend sei es, auch für diejenigen einen Rahmen zu setzen, sagt Bernhard Spielberg. Und erzählt, wie er in einer französischen Gemeinde schon am Eingang begrüßt wurde und einen Zettel mit dem Gottesdienstablauf sowie den normalerweise auswendig gesprochenen Gebeten in die Hand gedrückt bekam. "Gibt man den Menschen eine Sicherheit, wie das Ritual abläuft, können sie sich darauf einlassen, selbst wenn sie sich nicht so genau mit allem auskennen."

Gemeinde-FAQ zeigt Offenheit für Gäste

Das eine oder andere könnte sich die Kirche auch bei der Kultur abgucken. Pastoraltheologe Spielberg empfiehlt etwa die Internetseite des Chicago Symphony Orchestra. Dort bekommen Menschen, die keine erfahrenen Opernbesucher sind, einfache Antworten auf häufig gestellte Fragen - so genannte FAQ, "Frequently asked questions". "Wenn Gemeinden das anbieten, würden sie signalisieren, dass sie auch für Menschen offen sind, die als Gast kommen", sagt Bernhard Spielberg. Denn für einen großen Teil der Bevölkerung - selbst der Getauften - sei die Entfremdung zur Kirche unglaublich groß: "Wir können seit Jahren über Milieustudien nachweisen, dass gerade in der Lebenswelt der unter 40-Jährigen wenig Vertrautheit mit Kirche da ist, weil man ihr schlicht im eigenen Alltag kaum noch begegnet." Als Hemmnis betrachtet der Freiburger Theologe den Umgang mit Sprache: "Die Metaphern aus dem bäuerlichen Bereich - der Hirte, die Schafe - das hört sich irgendwie ganz nett an. Aber was es wirklich bedeuten soll, ist für viele undurchschaubar."

Ulrich Neymeyr im Erfurter Dom.
Im Erfurter Dom gibt es an Heiligabend ein Weihnachtslob, zu dem auch viele Kirchenferne kommen. Am Ende spendet Bischof Ulrich Neymeyr allen den Segen.
 Bistum Erfurt/Pool

Dieses Thema beschäftigt auch Alexander Deeg, evangelischer Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig. Damit die christliche Botschaft die Menschen auch erreicht, müssten Pfarrerinnen und Pfarrer "Künstler des Wortes sein", fordert er. Sie könnten sich für ihre Weihnachtspredigten inspirieren lassen durch Romane, Lyrik, durch gelungene politische Rhetorik, sagt der Liturgiewissenschaftler. Wobei er vor zu viel Politik in der Christmette warnt: "Umfragen unter Gottesdienstbesuchern zeigen, dass die Predigt nicht allzu angriffig sein darf. Sie darf das Schöne, das viele erwarten, nicht völlig unterbrechen." Mit Blick auf gegenwärtige politische und gesellschaftliche Fragen rät Alexander Deeg den Geistlichen: "Sie sollten Themen wie Rechtspopulismus, AfD, Trump nicht ausblenden, aber zugleich eine andere Sprache wählen als die Sprache der Nachrichten, als das, was wir sonst die ganze Zeit hören."

Segen für alle im Erfurter Dom

Einen besonderen Akzent setzt das Bistum Erfurt an Heiligabend: Um kurz vor Mitternacht können Interessierte zu einem Weihnachtslob in den Erfurter Dom kommen. Mehrere hundert Menschen, unter ihnen viele Kirchenferne, singen bekannte Lieder, hören das Weihnachtsevangelium und eine kurze Predigt des Bischofs. Am Schluss gibt es für alle - egal welcher Weltanschauung sie sind - den Segen. "Diejenigen, die auf der Suche sind, das ist nicht die zweite Kategorie", sagt Spielberg, "sondern es sind ja eigentlich Premium-Gäste der Kirche."

Insofern hält der Pastoraltheologe auch wenig von dem gelegentlich geäußerten Vorwurf, das Angebot der Kirche werde immer seichter, wenn Gemeinden versuchten, auch den Religionsfernen gerecht zu werden. Im Gegenteil: "Der Anspruch steigt mit der sinkenden Vertrautheit von Menschen gegenüber der Kirche." Theologisch sei dies keineswegs trivial: "Bei denen, die selten kommen, können Sie keine Banalitäten loswerden, weil die Leute sich sehr genau fragen, ob sie jetzt was damit anfangen können oder eben nicht."

Von Burkhard Schäfers

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