"Weder Freifahrtschein noch totales Verbot"

Als "Familienbischof" hat Heiner Koch die Synoden zu Ehe und Familie in Rom und das innerkirchliche Ringen darum hautnah miterlebt. Er spricht über das nachsynodale päpstliche Schreiben "Amoris laetitia" und seine wichtigsten Aussagen für die Kirche in Deutschland.

Familiensynode | Leipzig - 09.04.2016

Als "Familienbischof" der Deutschen Bischofskonferenz hat Heiner Koch die Synoden zu Ehe und Familie in Rom und das innerkirchliche Ringen darum hautnah miterlebt. Am Freitag veröffentlichte Papst Franziskus seinen abschließenden Text dazu unter dem Titel "Amoris laetitia" (Freude der Liebe). Im Interview sprach Koch anschließend in Leipzig über den Text und seine wichtigsten Aussagen.

Frage: Herr Erzbischof, jetzt gibt es den lange erwarteten Text des Papstes: Warum sollte man ihn lesen?

Koch: "Amoris laetitia" stiftet zur Freude an, der Text lädt ein, sich auf gute menschliche Beziehungen einzulassen und sie aufzubauen. Man sollte ihn auch lesen, weil er verunsichert, Fragen stellt und einen sehr aktiven Leser verlangt.

Frage: Was ist aus Ihrer Sicht die entscheidende Botschaft?

Koch: Das sind schon die ersten beiden Worte: Amoris laetitia, Freude der Liebe. Das bringt das Anliegen des Papstes auf den Punkt. Es ist kein doktrinäres, kein kirchenrechtliches Schreiben, sondern ein Schreiben, das die Größe und Würde der kirchlichen Berufung von Ehe und Familie so einladend und strahlend darstellt, dass es die Menschen begeistert. Mich bewegt, dass der Heilige Vater uns in diesem Schreiben sehr viel zumutet und zutraut.

Frage: Wie meinen Sie das?

Koch: Er macht keine Ausführungsbestimmungen, sondern er übergibt uns die Verantwortung. Das wird manchen stutzig machen, mancher wird sich damit vielleicht auch überfordert fühlen, mancher wird - in unterschiedlichste Richtungen - klarere Regelungen erwarten. Aber Franziskus sagt: Wir halten an der Lehre fest, aber wir sehen auch die Not des einzelnen Menschen.

Linktipp: Die Liebe im Mittelpunkt

Neun Kapitel, 325 Paragraphen, ein Thema: Das nachsynodale Schreiben des Papstes zur Familiensynode steht ganz im Zeichen der Liebe. Mit "Amoris laetitia" hat Franziskus eines der wichtigsten Schreiben seines bisherigen Pontifikats veröffentlicht. Katholisch.de stellt die einzelnen Kapitel des Schreibens vor und zitiert die wichtigsten Stellen.

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Frage: Was bedeutet das für die Kirche in Deutschland? Wie gehen Sie als Bischöfe damit um?

Koch: Es gibt viele Punkte, wo wir uns einiges überlegen müssen. Beispiel: Ehe ist aus katholischer Sicht mehr als eine Lebensform, sondern eine heilige Wirklichkeit. Aber viele Menschen haben dieses Bewusstsein gar nicht mehr. Was können wir da als Kirche etwa bei der Ehevorbereitung anders und besser machen? Der Papst hat auch die Begleitung junger Familien in den ersten Ehejahren hervorgehoben. Haben wir junge Paare überhaupt genügend im Blick? Manchmal kann man fast den Eindruck haben, dass wir uns mehr um die Geschiedenen kümmern als um die Stabilisierung und Stärkung von Ehen. Aber auch beim Thema Sakramentenempfang müssen wir uns sicher einige Gedanken machen.

Frage: Was bedeutet das konkret für wiederverheiratete Geschiedene, die gerne zur Kommunion gehen würden?

Koch: Franziskus rät zu einer differenzierten Beurteilung jedes Einzelfalls: Es kann sein, dass mit der Trennung und Wiederheirat schwere Schuld verbunden ist, was einen Empfang der Kommunion ausschließen würde. Es kann aber auch Fälle geben, so der Papst, wo vielleicht keine schwere Schuld vorliegt, und wo er zumindest die Möglichkeit eröffnet in diesem Schreiben, dann auch zu unterschiedlichen Konsequenzen zu kommen. Kurzum: Es ist weder ein Freifahrtschein, noch ein totales Verbot, das den Einzelfall völlig belanglos sein lässt. Es ist ein Stück Weg, der da eröffnet wird.

Frage: Was bedeutet der Text für Homosexuelle, die in festen Partnerschaften leben und sich mehr Anerkennung von der katholischen Kirche wünschen?

Koch: Der Papst warnt ausdrücklich vor Diskriminierungen. Aber er macht auch deutlich, dass eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft keine sakramentale Ehe sein kann. Sicherlich ist das, was homosexuelle Partner füreinander leisten, auch in Krankheit und Alter, hochachtungsvoll und wertzuschätzen. Wir müssen mit diesen Menschen sprechen, es ihnen sagen. Allerdings sollten wir ihnen auch verständlich machen, warum die Ehe für uns Katholiken etwas anderes ist. Eine Differenzierung ist notwendig, eine Diskriminierung ist zu vermeiden.

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Der Bischof von Münster Felix Genn würdigt das nachsynodale Schreiben "Freude der Liebe" ("Amoris laetitia") von Papst Franziskus - und freut sich über die Erwähnung seines Bistums.
 Bistum Münster

Frage: Sie haben ja lange gerungen um die Themen - auch bei der Synode selbst. Hat sich die Mühe gelohnt?

Koch: Auf jeden Fall! Die Mühe hat sich gelohnt und lohnt sich: Wir sind auf dem Weg und der ist noch längst nicht zu Ende. Dieses Schreiben ist kein Schlussstein. Der Text "atmet" auch die Umfragen, die es unter den Gläubigen weltweit gegeben hat. In vielen Sätzen höre ich Worte und Debatten aus der Synode wieder. Ich habe den Papst bei der Bischofsversammlung als Zuhörenden und Nachfragenden erlebt. Das spürt man ganz stark im Text, auch die ganze Dramatik dieser Tage, denn in manchen Fragen sind wir in der Kirche auch mal unterschiedlicher Meinung.

Frage: Haben Sie ein Beispiel, wo der Papst einer kritischen Selbstreflektion der Kirche Raum gibt?

Koch: Ich finde gut, dass Franziskus den Gedanken aufgegriffen hat, ob wir als katholische Kirche in unserer Verkündigung nicht auch manches Belastende eingebracht haben, was Menschen das Leben schwer gemacht hat und nicht lebenshilfreich war. Das war ein Passus, den die deutschsprachige Gruppe bei der Synode eingebracht hat, und es freut einen dann schon, wenn man liest, dass der Heilige Vater das aufgreift.

Frage: Der Papst ändert nichts Grundlegendes, spricht kein Machtwort, krempelt nicht die Lehre um. Viel Lärm um nichts, sagen sicher manche und sind enttäuscht. Zu Recht?

Koch: Es gibt unterschiedlichste Gruppen, die vom Papst klare, eindeutige, bedingungslos geltende Aussagen fordern. Das ist aber nicht das, was Papst Franziskus unter Vermittlung und Führung versteht, weil es nicht dem Evangelium, nicht der Lehre, aber auch nicht dem Menschen und der Beziehung dazwischen gerecht wird. Papst Franziskus lehnt eine verbotsorientierte Pauschal-Ethik ab und betont eine Tugend-Ethik, die Orientierung gibt. Ich bin überzeugt, dass seine vielen guten, einladenden Gedanken der Liebe und der Freude die Herzen der Menschen treffen und öffnen.

Von Karin Wollschläger (KNA)

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