"Wir halten an der kirchlichen Lehre fest"

Die deutschen Bischöfe sehen sich mit ihrem Wort zu "Amoris laetitia" im Einklang mit Papst und Lehre. Das bekräftigt Familienbischof Heiner Koch - und sagt: Jedes betroffene Paar ist wichtig.

Wiederverheiratete | Bonn - 01.02.2017

Mit Spannung wurde es erwartet, jetzt ist es da - das Wort der deutschen Bischöfe zum Papstschreiben "Amoris laetitia". Eine "Einladung zu einer erneuerten Ehe- und Familienpastoral" heißt es im Untertitel. Besonders diskutiert wurde und wird der Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene in der katholischen Kirche. Hier sind die deutschen Bischöfe für eine größere Öffnung in begründeten Einzelfällen. Im Interview erläutert Erzbischof Heiner Koch das Papier, der Vorsitzende der Kommission für Ehe und Familie.

Frage: Erzbischof Koch, was ändert sich konkret mit dem neuen Wort der deutschen Bischöfe für die wiederverheirateten Geschiedenen, über die ja besonders heftig diskutiert wird?

Koch: Wir schreiben, dass es in begründeten Einzelfällen nach einem längeren Prozess eine Gewissensentscheidung der Gläubigen geben kann, die Sakramente zu empfangen, die es zu respektieren gilt. Aber um es klar zu sagen: Wir als deutsche Bischöfe fügen den Worten von Papst Franziskus nichts hinzu. Wir greifen seine Initiative auf.

Frage: Es heißt, Sie wollen keinen Automatismus und sehen einen durchaus anspruchsvollen Weg, bis Katholiken in zweiter Ehe eventuell wieder zur Kommunion gehen. Wie soll der konkret aussehen?

Koch: Es ist der Weg, den Papst Franziskus selbst beschreibt: Begleiten, unterscheiden, eingliedern. Wir nehmen die konkrete Situation der Menschen sehr ernst und helfen ihnen, ihre Gewissen zu bilden und eine Gewissensentscheidung zu treffen. Wir nehmen die Lehre der Kirche von der Unauflöslichkeit der Ehe ernst und wägen alle Aspekte ab, die der Papst in seinem Schreiben nennt. Und das führt zu einer differenzierten Beurteilung des Einzelfalls, in der die Menschen ihre Entscheidung treffen müssen. Salopp formuliert ein Mittelweg zwischen "Ich sage dir, was du tun musst und was gut für dich ist" und "Mach doch, was du willst."

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Die deutschen Bischöfe positionieren sich zu "Amoris laetitia". Das Ergebnis: Wiederverheiratete Geschiedene dürfen Beichte und Eucharistie empfangen - allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen.

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Frage: Es gibt Stimmen, die eine Legalisierung des Ehebruchs fürchten und einen Ausverkauf der katholischen Ehelehre. Sie offenbar nicht?

Koch: Es steht für uns völlig außer Frage, dass wir an der kirchlichen Lehre in Einheit mit dem Heiligen Vater festhalten. Und er formuliert selbst, dass nicht jede Situation, die in einem objektiven Bruch zur ursprünglichen Ehesituation steht, eine schwere Sünde ist und dass in bestimmten Situationen auch die Sakramente eine Hilfe für den weiteren Lebensweg sein können. Das ist jetzt eine Situation, die den Einzelnen herausfordert. Wir gehen gemeinsam mit dem Papst den Weg, den er vorgegeben hat.

Frage: Bei anderen Bischofskonferenzen klingen die Formulierungen eher vorsichtig. Da heißt es etwa, man könne im Einzelfall "die Zustimmung nicht verweigern". Bei Ihnen heißt es jetzt, "eine Entscheidung für den Sakramentenempfang gilt es zu respektieren". Warum haben Sie sich für diese auf den ersten Blick weltweit am weitesten gehende Öffnung entschieden, die das eigene Gewissen zum Maßstab macht?

Koch: Weil wir fest davon überzeugt sind, dass dies die Intention im Wort und im Geist ist, die Papst Franziskus selbst wünscht und geht - und die wir mittragen. Wir haben darum auch gerungen, und es kam mir manchmal so vor, dass in der Bischofskonferenz weiterging, was wir in der deutschen Sprachgruppe während der Synode erlebt haben. Ich bin überzeugt, dass wir jetzt hier sowohl dem Heiligen Vater und der Botschaft Jesu Christi gerecht werden als auch den Familien und den einzelnen Menschen. Und das ist das, was der Papst will. Wir wollen nichts dazu interpretieren und nichts davon wegnehmen.

Vorstellung des nachsynodalen Schreibens von Papst Franziskus über Ehe und Familie "Amoris Laetitia" am 8. April 2016 im vatikanischen Pressesaal. In der Mitte sitzen die Kardinäle Lorenzo Baldisseri und Christoph Schönborn.
 KNA

Frage: Jetzt könnte man sagen, die Zahl der wiederverheirateten Geschiedenen, die darunter leiden, nicht zur Kommunion gehen zu dürfen, sei nicht besonders hoch. Warum also diese heftigen Debatten? Steckt dahinter auch eine symbolische Bedeutung, wie sehr sich die Kirche tatsächlich verändern und öffnen will?

Koch: Es verbirgt sich sicherlich vieles dahinter. Erstens ist es nicht eine Frage der Zahl: Schon ein einziges Paar, das davon betroffen ist, ist für uns wichtig. Zweitens haben viele heute ein ganz anderes Eheverständnis. In der Gesellschaft wird unser Ehebegriff oft entkernt und mit anderen Inhalten gefüllt. Drittens sagen viele, das solle doch jeder mit sich ausmachen und warum sich die Kirche da überhaupt einmische. Diese und noch einige andere Konflikte schwingen hier mit. Hier ist es uns wichtig, die Bedeutung der christlichen Ehe hervorzuheben und zugleich zu zeigen, dass es differenzierte Lösungen für den Einzelfall gibt.

Frage: Der Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene ist das umstrittenste Thema, aber in Ihrem Wort senden Sie ja noch mehr Signale in Sachen Ehe und Familie. Worum geht es Ihnen da vor allem?

Koch: Wir wissen, dass es in Deutschland nicht selbstverständlich ist, dass Menschen heiraten - schon gar nicht kirchlich. Und wir wollen daher Mut machen, diesen Weg zu gehen und das Positive daran hervorheben. Der Heilige Vater spricht ja bewusst von der "Freude der Liebe". Da wollen wir in die gesellschaftliche Diskussion einbringen, warum wir den christlichen Ehebegriff für wertvoll halten - auch für die ganze Gesellschaft. Und wir wollen schlicht und ergreifend Menschen auf diesem Weg begleiten, weil es heute nicht mehr selbstverständlich ist, diesen Weg zu gehen. Heute erlebe ich es ja schon als großes Glaubenszeugnis, wenn junge Menschen kirchlich heiraten und in der Kirche stehen mit Freundinnen und Freunden, die oft überhaupt nicht getauft sind und gar nicht verstehen, warum dieses junge Paar einen solchen kirchlichen Weg geht.

Frage: Neben der Ehevorbereitung wollen sie auch die Ehebegleitung intensivieren - gerade in schwierigen Situationen...

Koch: ... weil vieles nicht mehr so selbstverständlich ist wie früher. Da sind viele Stützen weggebrochen in der Familie und in der Gesellschaft. Deshalb wollen wir Paare und Familien begleiten - durch Höhen und Tiefen. Und - nicht zu vergessen: Wir als Kirche lernen auch von den Ehepaaren und Familien und erhalten viele wertvolle Impulse von ihnen.

Frage: Mit welchen Reaktionen rechnen Sie?

Koch: Ich hoffe, dass wir innerkirchlich einen Impuls geben können, der in den Bistümern und Pfarreien die Ehepastoral nach vorne bringen kann. Und in der Gesellschaft wäre es schön wenn wir Menschen bewegen könnten, darüber nachzudenken, ob eine kirchliche Ehe und ihre Werte nicht auch ein Weg für sie wäre. Wenn wir das erreichen, wäre es schon viel.

Von Gottfried Bohl (KNA)

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Lange hat es gedauert, bis die deutschen Bischöfe sich auf eine gemeinsame Position zu Amoris Laetitia verständigt haben. Das Ergebnis stellt die Weichen für Pastoral und Dogmatik im Sinne des Papstes.

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