Zufriedene Gesichter nach langen Debatten

Auf den ersten Blick fällt die Bilanz bescheiden aus: Konkrete Lösungen für kontroverse Fragen wie den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen bietet das Schlusspapier der Familiensynode nicht. Doch es lässt die Tür einen Spalt breit offen. Entscheiden muss nun der Papst.

Familiensynode | Vatikanstadt - 25.10.2015

Auf den ersten Blick fällt die Bilanz der zweiten Weltbischofssynode zum Thema Ehe und Familie bescheiden aus: ein "Schlussbericht", der in knapp 100 Paragrafen dem Papst relativ allgemein gehaltene Anregungen gibt; keine direkten Aussagen über die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion; kaum etwas über den Respekt vor der sexuellen Orientierung gleichgeschlechtlich Liebender. Und das alles, obwohl Sexualität, Bindungen, Ehe und Familienstrukturen in den vergangenen 50 Jahren enorme Veränderungen durchgemacht haben.

Die Bilanz fällt noch bescheidener aus, wenn man den Aufwand bedenkt: zwei weltweite Umfragen unter vielen hunderttausend Katholiken, eine weltweite Kardinalsversammlung und zwei weltweite Bischofssynoden mit insgesamt rund 700 Teilnehmern. Allein bei der jetzt zu Ende gegangenen Synodenversammlung absolvierten die Teilnehmer 90 offizielle und Dutzende inoffizielle Sitzungsstunden; die der Kommissionen noch nicht mitgerechnet. Rund 800 Änderungsanträge wurden eingebracht; die Sprachzirkel verfassten 39 Zwischenberichte; 378 Reden wurden von den Synodenvätern im Plenum gehalten.

Protestbrief hinterlässt Bitterkeit

Trotz der scheinbar mageren Ernte äußerten sich viele Teilnehmer zufrieden über Verlauf und Resultate der Synode. Das mag damit zusammenhängen, dass es die Versammlung immerhin dreimal schaffte, akute äußere und innere Krisen oder Skandale durchzustehen. Weder das spektakuläre Homo-Outing eines Vatikan-Monsignores zu Beginn noch die merkwürdigen Mediengerüchte über eine angebliche Tumorerkrankung von Papst Franziskus brachten die Versammlung aus dem Tritt.

Der Protestbrief einer Gruppe konservativer Kardinäle wegen angeblicher Manipulationen der Synodenführung am Verlauf der Versammlung und der Textredaktion hinterließ anhaltende Bitterkeit. Dies war später auch in scharfen Polemiken zwischen dem australischen Kurienkardinal George Pell und Mitgliedern der deutschsprachigen Gruppe zu spüren.

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War die Synode mehr als ein Lernprozess? Worin unterscheidet sich die diesjährige Synode von der Letzten? Wir haben schon vor der Abstimmung über das Abschlussdokument mit einigen Pressevertretern in Rom einen ersten Rückblick gewagt.
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Dennoch war es am Ende diese deutsche Sprachgruppe, der es gelang, in der Geschiedenen-Frage die Blockade zu überwinden. Die mit hochkarätigen Theologen unterschiedlicher Couleur besetzte Gruppe entwickelte unter Rückgriff auf den mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin (um 1225-1274) und Papst Johannes Paul II. (1978-2005) die Methode der fallweisen Unterscheidung verschiedener Situationen bei wiederverheirateten Geschiedenen fort.

Ein winziger Spalt ist seither geöffnet, und die zentralen Ideen der Gruppe finden sich auch im Abschlusspapier wieder. Wenn Papst Franziskus dies später übernimmt, würde es Seelsorgern ermöglicht, Betroffenen in bestimmten Härtefällen den Weg zu einer "wachsenden Integration" ins Gemeindeleben zu eröffnen. Dazu werden manche Seelsorger auch die Zulassung zur Kommunion rechnen.

Dass es in der katholischen Kirche keine einfache "große" Lösung nach dem Vorbild liberaler protestantischer Kirchen in Mittel- und Nordeuropa geben konnte, lag auf der Hand. Denn anders als diese hält die katholische Kirche daran fest, dass die Ehe ein Sakrament und folglich ein unauflöslicher Bund ist. Und anders als für Protestanten ist für Katholiken die Zulassung zur Kommunion ebenfalls eine Frage größten Kalibers - geht es doch für sie um die physische Vereinigung mit dem Leib Christi und nicht bloß um die Teilnahme an einem Abendmahl.

Angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, konnte also bestenfalls eine vorsichtige Öffnung für Einzelfallentscheidungen im Beichtgespräch herauskommen. Entscheidend ist aber nicht nur diese - für Nichtkatholiken schwer nachvollziehbare - seelsorgerische Öffnung. Mindestens ebenso wichtig sind die Haltung und die Sprache, mit der die Synode an dieses Thema herangegangen ist. Franziskus ist es gelungen, zumindest bei den Wiederverheirateten seine ansteckende Sprache liebender Zuwendung und Barmherzigkeit auf seine Mitbrüder überspringen zu lassen. Die helfende Hand des Seelsorgers soll nun den mahnenden Zeigefinger des Moralisten ersetzen - ohne dabei die moralischen Prinzipien aufzugeben, denen die Kirche weiter verpflichtet ist.

Thema Homosexualtiät weitgehend ausgeklammert

Bei einem anderen Thema ist der Durchbruch in die "Ära Franziskus" allerdings offenbar noch weit entfernt. Über homosexuelle Paarbeziehungen fielen bei der Synode harte, verurteilende Sätze, wie man sie in Westeuropa oder Nordamerika nur noch selten öffentlich hört. Hier spürt die katholische Weltkirche die Ungleichzeitigkeit der kulturellen Entwicklungen auf den Kontinenten. Der Weg zu einer Kultur des Respekts gegenüber sexuellen Minderheiten ist in weiten Teilen Afrikas, Osteuropas und Asiens noch lang. Es lag daher nahe, dieses Thema bei den Abstimmungen weitgehend auszuklammern.

Bevor sich der Papst diesem kulturell und politisch schwierigen Feld zuwendet, muss er zunächst entscheiden, welche Früchte der Familiensynode er für das päpstliche Lehramt übernimmt und wie er sie weiterentwickelt. In seiner Abschlussrede am Ende der Beratungen betonte er, dass es künftig mehr dezentrale Lösungen in der Familienseelsorge geben müsse, um die Unterschiede zwischen den Kulturen stärker zu berücksichtigen.

Themenseite: Familiensynode

Die XIV. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode tagte zum Thema "Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute". Die Themenseite bündelt die Berichterstattung von katholisch.de zur Synode.

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Von Ludwig Ring-Eifel (KNA)

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