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Wenn Weihnachten zerbricht

Was geschieht an Weihnachten, wenn die Familie zerbricht, wenn Freunde sich abwenden, wenn Rituale nicht mehr vollzogen werden können? Einsamkeit ist das größte Thema an Weihnachten", sagt Andreas Brauns, der seit 1998 das "Weihnachtstelefon" organisiert.

Seelsorge | Bonn - 18.12.2013

An Weihnachten feiern Christen die Geburt Jesu. Doch kaum einer tut das für sich allein. Denn Weihnachten ist auch das Fest der Familie und der Freunde, der Geborgenheit und der Rituale. Aber was geschieht, wenn die Familie zerbricht, wenn Freunde sich abwenden, wenn Rituale nicht mehr vollzogen werden können? "Einsamkeit ist das größte Thema an Weihnachten", sagt Andreas Brauns vom Katholischen Rundfunkreferat im Bistum Hildesheim.

Und Brauns weiß, wovon er spricht. Gemeinsam mit der Evangelischen Radiokirche organisiert er das sogenannte "Weihnachtstelefon" vom Radiosender NDR 1 Niedersachsen – und das seit nunmehr 25 Jahren. An Heiligabend spricht er dann – genauso wie etwa 30 bis 40 Ehrenamtliche – mit all jenen, die sich hilflos oder einsam fühlen. "Die Anrufer berichten von ihren Hoffnungen, ihren Sehnsüchten, ihren Wünschen", sagt der Kirchenredakteur.

Der NDR sei der "Türöffner" für die Gespräche, erklärt Brauns. "Es werden alte Weihnachtslieder gespielt, die einige Menschen vielleicht an 'bessere Zeiten' erinnern." Die Telefonate selbst behandelt das Team vertraulich. "Sie werden natürlich nicht im Radio gesendet", so der Theologe. Von 18 bis 22 Uhr sind die Ehrenamtlichen an Heiligabend erreichbar. "Für manche von ihnen hat sich Weihnachten dann mehr oder weniger erledigt", sagt Brauns. Das sei bei besonders schlimmen Geschichten der Fall, zum Beispiel einem versuchten Selbstmord. Es ist also keine einfache Aufgabe, für die, die dort freiwillig zuhören.

Oft anstrengende und vor allem lange Gespräche

"Weihnachtsidylle contra kaputtes Leben", fasst Brauns seine Erfahrungen zusammen. Es rufen Menschen an, deren Kinder ausgezogen sind, deren Partner verstorben ist oder die sich mit Angehörigen zerstritten haben. "Sie hadern mit Gott, weil sie vielleicht erstmals Weihnachten allein verbringen", sagt der Kirchenredakteur. Es seien oft anstrengende und vor allem lange Gespräche.

Man sieht den Mann im Schatten telefonieren.
Ein ehrenamtlicher Mitarbeiter der Telefonseelsorge Nordhessen führt am Donnerstag (13.09.2007) in Kassel ein Telefongespräch.
 dpa - Report

Viele der Ehrenamtlichen sind pensionierte Pfarrer, aber auch Menschen, die bei der Caritas oder in der Telefonseelsorge arbeiten oder gearbeitet haben. Einige sind ein bis zwei Stunden im Dienst. "Es ist aber auch ein Ehepaar dabei, das jedes Jahr die komplette Zeit vor dem Telefon sitzt", sagt Brauns. Und doch könnten sich nach seinem Geschmack noch mehr Freiwillige beteiligen. "So 50 bis 60 wären natürlich besser", wünscht sich der Theologe. Denn nicht alle Anrufer kommen durch.

150 bis 250 Telefonate führen die Männer und Frauen jedes Jahr im Schnitt in den vier Stunden. "Das sind jedoch maximal 40 Prozent der Menschen, die versuchen, uns zu erreichen", sagt Brauns. Durch eine Sonderschaltung wird es aber immerhin möglich, dass die Ehrenamtlichen von zu Hause "arbeiten" können. So schaffen sie es eventuell noch in die Christmette der Heimatgemeinde.

Telefonseelsorge mittlerweile festes Ritual im Konvent

Schwester Birgit Stollhoff vom Orden der Congregatio Jesu ist in diesem Jahr zum dritten Mal dabei – genauso wie viele ihrer Mitschwestern. Die Telefonseelsorge an Heiligabend ist in ihrem Konvent mittlerweile ein festes Ritual. Um 16 Uhr gibt es das gemeinsame Kaffeetrinken, ab 19 Uhr sitzen sie dann in ihren Zimmern vor dem Telefon. "Auf meinem Schreibtisch stehen währenddessen zwei entzündete Kerzen", erzählt Schwester Birgit.

"Viele Menschen, die die Nummer des Weihnachtstelefons wählen, wollen ihren Angehörigen die Festtage nicht versauen", so die Ordensschwester. Dadurch bekomme sie mit, wie einsam und unversöhnt viele Menschen sind. Doch sieht Schwester Birgit im Zuhören auch einen Teil ihres Auftrags: "Wir teilen die Not der Menschen, teilen die Einsamkeit mit den Einsamen."

Es sei ein Bruch mit den Traditionen, an Heiligabend alleine am Schreibtisch zu sitzen und auf die Anrufe zu warten, gesteht Schwester Birgit. Aber irgendwie stehe man dann dennoch "mitten in der Krippe". " Auch das Kind war einsam , auch Maria und Josef wurden abgelehnt", begründet sie. Daher ist sich die Ordensschwester sicher: "Ich habe noch nie so sinnvoll Weihnachten verbracht."

Das Weihnachtstelefon

Streit in der Familie? Probleme mit den Eltern oder Kindern? Oder fühlen Sie sich an einfach einsam? Dann können Sie an Heiligabend von 18 bis 22 Uhr die kostenlose Rufnummer des Weihnachtstelefons wählen: 08000-607080.

Von Björn Odendahl

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