Algerische Märtyrer: "Unser Leben ist ohnehin schon gegeben"
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Das sind die neuen algerischen Seligen

Algerische Märtyrer: "Unser Leben ist ohnehin schon gegeben"

Heute werden 19 algerische Märtyrer selig gesprochen. Neben den aus dem Film "Von Menschen und Göttern" bekannten Mönchen aus dem Atlas-Gebirge, sind zwölf weitere Ordensleute unter den neuen Seligen, die ihr Leben als Zeichen der Nächstenliebe hingaben. Katholisch.de stellt sie vor.

Von Roland Müller |  Algier - 08.12.2018

Für die Kirche in Algerien ist es ein freudiger und trauriger Anlass zugleich: die Seligsprechung von 19 Märtyrern, die während des algerischen Bürgerkriegs zwischen 1994 und 1996 Opfer islamistischen Terrors wurden. Seit 2007 lief das kirchenrechtliche Verfahren, das nun mit der feierlichen Kanonisation im algerischen Oran sein Ende findet. Neben den bekannten sieben Märtyrern des Trappistenklosters von Tibhirine wird ein Dutzend weiterer Ordensleute zur Ehre der Altäre erhoben. Sie alle wollten mit ihrem Leben ein Zeichen für die Versöhnung der Religionen setzen.

Der mehrfach preisgekrönte Film "Von Menschen und Göttern" aus dem Jahr 2010 hat das Martyrium der sieben Trappisten von Tibhirine einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Die Mönche hatten sich während des Bürgerkriegs entschieden, trotz der Bedrohung durch die Islamisten, ihr Kloster nicht zu verlassen. Ihnen war wichtig, durch ihre Arbeit und eine Krankenstation mit der muslimischen Bevölkerung im kargen Atlas-Gebirge im Kontakt zu stehen. Im Mai 1996 drangen Terroristen in das Kloster Notre-Dame de l'Atlas ein und entführten sieben Mönche. Zwei ihrer Mitbrüder konnten sich verstecken. Die Islamisten versuchten mit ihnen als Geiseln die Freilassung eines gefangenen Anführers zu erzwingen. Nachdem dies scheiterte, enthaupteten sie die Mönche. Im Mai wurden ihre Köpfe gefunden.

In Vorahnung seines Todes schrieb der Prior des Klosters, Pater Christian de Chergé, ein geistliches Testament. Er drückt darin aus, wie er sein Leben verstanden hat: "Wenn es mir eines Tages geschehen sollte – und das könnte schon heute sein –, dass ich ein Opfer des Terrorismus werde (…), dann möchte ich, dass meine Gemeinschaft, meine Kirche und meine Familie sich daran erinnern: Mein Leben war Gott und diesem Land geschenkt." Die Muslime der Umgebung fingen schon kurz nach dem Tod der Mönche an, sie zu verehren und an ihren Gräbern zu beten.

Im Mai 1994 fielen der Maristenbruder Henri Vergès und die Ordensschwester Paul-Hélène Saint-Raymond einem Attentat in der Bibliothek der Erzdiözese Algier zum Opfer. Ein Terrorist hatte sich als Polizist verkleidet und drang in die Einrichtung ein, die Vergès leitete. Dort erschoss er den französischen Lehrer und Bibliothekar, der damals bereits seit 25 Jahren in Algerien lebte. Schwester Paul-Hélène half ihm in der Bibliothek als das Attentat passierte. Die ausgebildete Krankenschwester stammte ebenfalls aus Frankreich und wirkte vorher rund 30 Jahren in der Pflege kranker und behinderter Menschen in Algerien. Als sie der Bischof von Algier auf die Gefahr hinwies, der sie sich in Algerien aussetzte, antwortete sie nur: "Unser Leben ist ohnehin schon gegeben."

Nach dem Attentat wies der Bischof der Hauptstadt alle ausländischen Missionare an, sich gut zu überlegen, ob sie angesichts der Gefahr wirklich in Algerien bleiben wollten. So auch Esther Paniagua Alonso und Caridad Álvarez Martín, zwei spanische Ordensschwestern. Beide lebten in einer kleinen Gemeinschaft ihrer Kongregation in Bab El Oued, in der Nähe von Algier, und entschieden sich, trotz der Gewalt des Bürgerkriegs zu bleiben. Sie kümmerten sich um benachteiligte muslimische Kinder, die sie nicht verlassen wollten. Im Oktober 1994 wurden die beiden Augustiner-Missionsschwestern auf dem Weg zur Sonntagsmesse durch Schüsse getötet. Eine dritte Mitschwester, die wenige Minuten später losgegangen war, fand etwa 100 Meter vor der Kirche ihre toten Körper.

Kurz nach dem Weihnachtsfest des Jahres 1994 wurden vier Priester des Ordens der Weißen Väter im nordalgerischen Tizi Ouzou getötet, drei Franzosen und ein Belgier. Einer von ihnen, Pater Christian Chessel, war ein Bekannter der Mönche von Tibhirine. Noch einen Monat vor seinem Tod war er in ihrem Kloster zu Gast gewesen. Die Islamisten ermordeten ihn und seine drei Mitbrüder aus Vergeltung für vier getötete Mitglieder ihrer Terror-Gruppe. Chessel war 36 Jahre alt, als er starb. Damit ist er der jüngste der 19 algerischen Seligen. An der Trauerfeier für die Ermordeten nahm auch der Prior von Tibhirine, Christian de Chergé, teil, der 15 Monate später ebenfalls das Martyrium erlitt. Unter den Weißen Vätern gab es im Vorfeld der Seligsprechung Unmut darüber, dass die vier Ordensmitglieder besonders herausgehoben würden. Nicht nur in Algerien, sondern auch im Kongo oder in Ruanda habe es Opfer von Terror gegeben.

Im September 1995 fielen zwei französische Missionarinnen den Terroristen zum Opfer: Schwester Angèle-Marie Littlejohn und Schwester Bibiane Leclercq wurden auf dem Nachhauseweg von einer Messe getötet – nur wenige Meter von ihrer Wohnung in Algier entfernt. Beide hatten 35 Jahre in Algerien gewirkt und vielen benachteiligten jungen Mädchen das Stricken und Nähen beigebracht. Schwester Bibiane sagte oft: "Es ist die Sprache des Herzens, die zählt." Aus Zuneigung zu den Einheimischen hatten sie sich dagegen entschieden, das Land zu verlassen. "Ich fühle mich hilflos angesichts so vieler Leiden, aber ich weiß, Gott liebt dieses Volk", soll Schwester Bibiane als Begründung angeführt haben. Nur wenige Monate später, im November, starb auch Schwester Odette Prévost in Algier. Sie war Mitglied einer Kongregation, die sich am Zeugnis des Charles de Foucauld orientierte. Schwester Odette wurde erschossen, als sie auf einen Bekannten wartete, mit dem sie zur Messe fahren wollte.

Im August 1996 wurde der Bischof von Oran getötet, Pierre Claverie. Das Seligsprechungsverfahren hob seine Bedeutung als Glaubenszeugen hervor und trug deshalb den Namen "Pierre Claverie und 18 Gefährten". Claverie wurde 1938 als Sohn französischer Eltern in Algerien geboren. Für das Studium ging er nach Frankreich, wo er auch in den Predigerorden eintrat. 1967 kam er nach Algerien zurück und wurde 1981 zum Bischof der zweitgrößten Stadt des Landes ernannt. Er galt als großer Kenner des Islam und setzte sich stark für den interreligiösen Dialog ein. Die Bevölkerung von Oran nannte ihn den "Bischof der Muslime". Gemeinsam mit seinem muslimischen Fahrer Mohamed Bouchikhi wurde der Dominikaner beim Betreten des Bischofspalastes von einer Bombe getötet.

Von Roland Müller