Ein Gewitter entlädt sich über der Skyline von Peking.
Eine Einführung in das Buch des Propheten Amos

Amos: Eine düstere und harte Gerichtsprophetie

Als Amos sein Prophetenbuch schreibt, geht es dem Land gut. Nach außen herrscht Friede und nach innen Wohlstand. Doch in dieser Situation tun sich soziale Abgründe auf: Bestechung, Ausbeutung, sexuelle Unterdrückung. So ruft der Prophet Amos zu einer Revolution.

Von Till Magnus Steiner |  Bonn - 07.08.2018

Die Welt ist ein Ort, an dem das Leben der Wohlstandsschichten auf Kosten der sozial Schwachen geht. Menschen sind auch heute noch Objekte der Ausbeutung. Frauen werden sexuell unterdrückt. Recht wird instrumentalisiert um Unrecht durchzusetzen und mancherorts liegt der Schleier des Religiösen auf Abgründen dieser Welt. Diese düstere Gegenwartsbeschreibung entspringt keiner modernen, antikapitalistischen Weltansicht, sondern erschallt durch die Weltgeschichte, wenn Juden und Christen das Buch des Propheten Amos lesen. Er mahnte im 8. Jahrhundert v. Chr., dass es eine Grenze der göttlichen Geduld angesichts eines Übermaßes an Schuld gibt. Gott verschließe seine Augen weder vor sozialen noch kultischem Fehlverhalten – beides sei auch nicht voneinander zu trennen: Es gibt einen unauflöslichen Zusammenhang zwischen dem Glauben und dem gesellschaftlichen Handeln!

Amos beschreibt das Nordreich Israels als eine ungerechte Gesellschaft, die dem Untergang geweiht ist: "Da sagte der HERR zu mir: Gekommen ist das Ende zu meinem Volk Israel [= dem Nordreich]. Ich gehe nicht noch einmal an ihm vorüber. Dann heulen die Sängerinnen des Palastes. An jenem Tag – Spruch GOTTES, des Herrn – gibt es viele Leichen, überall wirft man sie hin. Still!" (Amos 8,2-3) Die im Buch versammelten Texte gehören zu den düstersten und härtesten Gerichtsprophetien des Alten Testaments.

Kritik an der sozialen Zerklüftung

Amos wirkte in einer Zeit des äußeren Friedens, in der das Nordreich keine Tributzahlungen an Großmächte zahlen musste und einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte. Es entstand ein monumentaler Staat mit einem aufwendigen Verwaltungsapparat. Die damit einhergehende soziale Zerklüftung der Gesellschaft ist das Ziel seiner Kritik. Er selbst war nach den Angaben des Buches ein Bauer mit eigener Rinder- und Maulbeerfeigenzucht, woraus sich ein gewisser Wohlstand ergab, der ihm Unabhängigkeit ermöglichte. Zudem wird betont, dass er selbst kein Prophetenamt innehatte und auch keiner Interessengemeinschaft angehörte (Amos 7,14), sondern den Traum Gottes von einer gerechten und menschenfreundlichen Gesellschaft verkündete.

Die Neuausgabe der Einheitsübersetzung der Bibel.
Bild: © katholisch.de

Das Buch Amos gehört zu den sogenannten Kleinen Prophetenbüchern im Alten Testament der Bibel.

Amos selbst stammte nicht aus dem Nordreich, sondern aus Tekoa, einem 13 Kilometer südlich von Jerusalem gelegenen Ort. Entsprechend der Überschrift des Buches wirkte er wahrscheinlich nur ein Jahr lang im Nordreich. Seiner Prophetie folgte die Vernichtung des Nordreiches durch Assyrien und die Worte seines Buches mahnen bis heute, dass sich aus dem Glauben an Gott eine Kontrastgesellschaft gegenüber dem Unrecht der menschlichen Welt ergeben muss.  

Dramatische Anklagen gegen den Verfall

Das Buch beginnt mit einem Blick auf die Nachbarstaaten des Nordreichs. Um zu erobern gehen sie über Leichen. Menschen werden umgesiedelt oder als Sklaven verkauft. Es wird auf bestialische Art und Weise getötet und gefoltert. Es geht ihnen um Macht und nicht um die Achtung menschlicher Würde. Der Völkerspruchzyklus, mit dem das Buch beginnt (Amos 1,3-2,16) formuliert Gottes Gericht: Er regiert mit strafender Gewalt auf ihre Menschenrechtsverletzungen. Vor diesem Gericht bleibt auch das Nordreich Israel nicht verschont. Die Anklage gegen die grausamen Kriegsverbrechen der Nachbarstaaten dient der Dramatisierung der Anklage gegen das Nordreich: In Israel wird Krieg geführt gegen die Armen des eigenen Volkes – Schuldner werden in die Sklaverei verkauft, das Recht wird gebeugt, sozial Abhängige werden sexuell missbraucht und den Ärmsten wird der letzte Besitz unrechtmäßig gepfändet.

Als Antwort darauf wird JHWH Krieg gegen sein eigenes Volk führen, den Tempel als Ort der Beziehung zu ihm samt des Staates vernichten, wie der dritte Teil des Buches in einem Visionszyklus ausführlich entfaltet (Amos 7,1-9,6). Das Gericht trifft das Gottesvolk im besonderen Maße, da sich aus der Erwählung ein gehobener Handlungsmaßstab ergibt: "Hört dieses Wort, das der HERR gesprochen hat über euch, ihr Söhne Israels, über den ganzen Stamm, den ich aus Ägypten herausgeführt habe. Nur euch habe ich erkannt unter allen Stämmen der Erde; darum suche ich euch heim für alle eure Vergehen." (Amos 3,1-2).

Rubrik: Unsere Bibel

Im Grunde ist schnell erklärt, was die Bibel ist: Die anerkannten Schriften von der Erschaffung der Welt bis zur Entstehung der ersten christlichen Gemeinden. Allerdings greift die Erklärung zu kurz.

Das Nordreich ist an dieser Erwählung gescheitert, wie es die Sozial- und Rechtskritik des Propheten anhand von drei Perspektiven aufzeigt: 1. Amos verurteilt in derber Sprache den Luxus, der aus der Unterdrückung der Schwachen resultiert und zur Gleichgültig gegenüber der Not der Mitmenschen führt: "Hört dieses, ihr Baschankühe auf dem Berg von Samaria, die ihr die Schwachen ausbeutet und die Armen zermalmt und zu euren Männern sagt: Schafft herbei, wir wollen saufen!" (Amos 4,1). 2. Er rügt die Bestechung, die aus Recht Unrecht werden lässt: "Weh denen, die das Recht in bitteren Wermut verwandeln und die Gerechtigkeit zu Boden schlagen." (Amos 5,7). 3. Er warnt davor sich aufgrund von Opfern, Wallfahrten und anderem gottesdienstlichen Tun in Sicherheit zu wiegen: "Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören, sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach." (Amos 5,23-24).

Eine Kontrastgesellschaft nach dem Willen Gottes

So entlarvt der Prophet das unethische Handeln im Alltag und die vorgespielte Harmonie mit Gott im Gottesdienst. Glauben und dem Glauben verpflichtetes, gesellschaftliches Handeln sind die zwei zusammengehörenden Seiten des einen Lebens aus göttlicher Erwählung heraus. Das Buch Amos führt dem Leser vor Augen, dass die Auserwählung Gottes ein Auftrag ist, eine vom Willen JHWHs geprägte Kontrastgesellschaft zu sein, in der die menschlichen Mechanismen der Unterdrückung und Ausbeutung nicht mehr funktionieren.

Das Buch Amos endet mit Heilsworten an Israel und verspricht eine Wiederherstellung des geeinten davidischen Königtums, eine paradiesische Fruchtbarkeit des Landes und das dauerhafte Wohlergehen Israels nach der Vernichtung des Nordreiches. Die Botschaft des Buches ist jedoch eine andere: Die Bibel ist kein reines Frömmigkeits- und Andachtsbuch. Derjenige, der an den Gott der Bibel glaubt, muss Anwalt, Aktivist und Politiker werden für eine am Willen Gottes ausgerichtete soziale, gesellschaftliche Revolution.

Von Till Magnus Steiner