Christen in China beim Gottesdienst.
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"Auf der Suche nach Sinn und Halt"

Während in Peking derzeit ein Machtwechsel in der Kommunistischen Partei ansteht, leben noch immer die Hälfte aller chinesischen Katholiken im Untergrund. Wir haben bei Katharina Wenzel-Teuber, Chefredakteurin der Zeitschrift „China heute“, nachgefragt, warum das Christentum trotzdem gerade einen kleinen Boom erlebt.

Hamburg - 14.11.2012

Frage: Frau Wenzel-Teuber, es gibt wenig gesicherte Zahlen, aber das Christentum scheint derzeit einen Boom in China zu erleben. Würden Sie diesen Trend ähnlich sehen? Und wenn ja, was macht den Reiz des Christentums im Land der Mitte aus?

Katharina Wenzel-Teuber: Viele Menschen in China sind auf der Suche nach Sinn und Halt. Religionen generell erleben einen Boom, nicht zuletzt der Buddhismus und das Christentum.

Sicherlich gibt es viele unterschiedliche Gründe für die Anziehungskraft des Christentums in China. In Zeiten, wo viele Familien durch Migration und Urbanisierung zerrissen werden, geben christliche Gemeinden menschliche Wärme und Gemeinschaft. Die christlichen Gemeinden in China – und dort besonders die Neuchristen – sind missionarisch sehr aktiv. Heilungserfahrungen spielen vor allem auf dem Land eine Rolle. Das Interesse an der Bibel ist groß, so hört man z.B., dass an Universitäten immer wieder kleine Bibelkreise entstehen. Überhaupt gibt es ein akademisches Interesse an christlicher Theologie. Sicher sehr klein, aber nicht unwichtig sind die christlichen Kreise, für die der Glaube an einen transzendenten Gott Motiv und Kraftquelle ist, sich gegen politische Ungerechtigkeiten zu engagieren – einige der sog. „Menschenrechtsanwälte“ in China beispielsweise sind Christen. Die größte Anziehungskraft stellt sicherlich die christliche Botschaft der Liebe dar.

Frage: In China herrscht nach offizieller Lesart Religionsfreiheit, aber nicht als unveräußerliches Menschenrecht, sondern nur soweit es die Kommunistische Partei erlaubt. Wie bewerten Sie ganz konkret die derzeitige Möglichkeit für einen katholischen Christen in China, seine Religion offen auszuüben?

Wenzel-Teuber: Die Teilnahme an Gottesdiensten und anderen Aktivitäten in den offenen, d.h. bei den staatlichen Behörden registrierten Kirchen, ist frei. Schwieriger kann die Situation für die nicht registrierten Gemeinden sein, sie werden zwar in vielen Fällen von den Behörden geduldet, manchmal werden ihre Treffen aber von der Polizei aufgelöst. Die Kirchen haben keinen Zugang zur Öffentlichkeit – d.h. zu Medien (Internet ausgenommen), Buchhandel, Schulen etc., ihre Aktivitäten sind auf den Kirchenraum beschränkt. Kontrolle und Druck übt die Regierung vor allem gegenüber der Kirchenleitung (Bischöfe, Priester, Pastorinnen und Pastoren, Älteste etc.) aus. Einige katholische Priester und Bischöfe sind in Haft.

Frage:Welche Rolle spielt die Arbeit caritativer christlicher Einrichtungen (Kinder-, Altenheime) für das chinesische Sozialsystem?

Wenzel-Teuber: Der Staat ermutigt alle Religionen, durch Wohltätigkeitsaktivitäten in verschiedenen Bereichen zum Aufbau einer „harmonischen Gesellschaft“ beizutragen. Die christlichen Kirchen sind hier sehr aktiv, etwa in der Sorge für Waisen, behinderte Menschen, HIV-Infizierte, Obdachlose, Katastrophenopfer, Schüler und Studenten aus armen Familien etc. Viele katholische Diözesen haben ein Zentrum für soziale Dienste. Da die Christen eine kleine Minderheit in der Gesellschaft sind, können sie nicht flächendeckend Probleme der chinesischen Gesellschaft lösen, aber Lösungsansätze bieten und ihr christliches Menschenbild durch karitatives Engagement sichtbar machen.

Frage:Noch vor einigen Jahren sah es so aus, als wäre eine Aussöhnung zwischen Vatikan und Kommunistischer Partei in der Frage der Bischofsweihen möglich. Im Juli 2012 "verschwand" dann der Weihbischof von Shanghai, nachdem er nach seiner Weihe seinen Austritt aus der staatlich sanktionierten katholischen Patriotischen Vereinigung erklärt hatte, die die Unabhängigkeit der chinesischen Kirche von Rom vertritt. Herrscht momentan wieder eine Eiszeit zwischen dem Vatikan und der Regierung in China? Und: Ist der Bischof bis heute "verschwunden" oder kann er mittlerweile sein Amt ausfüllen?

Wenzel-Teuber: Seit Ende 2010 sind die sino-vatikanischen Beziehungen und damit auch die Lage der katholischen Kirche in China äußerst angespannt. Den Aufenthalt von Weihbischof Ma Daqin haben die Behörden weitgehend auf das Priesterseminar in den Außenbezirken von Shanghai beschränkt. Er darf keine Bischofsinsignien tragen und sein Amt nicht antreten. Die von den Behörden über die Diözese Shanghai verhängten Sanktionen sind großenteils weiter in Kraft: so sind das Priesterseminar und das kleine Seminar weiter geschlossen, der Verlag der Diözese darf nicht publizieren etc.

Frage:Besteht Hoffnung, dass sich unter der neuen Führungsgeneration, die die KP Chinas derzeit einsetzt, die Situation für Christen im Land bessert?

Wenzel-Teuber: Eine neue Regierung bietet sicherlich immer neue Chancen, auch für den Dialog zwischen China und dem Vatikan. Auch hoffen viele, dass die im Vorfeld des Parteitags generell sehr angespannte politische Lage in China, die auch auf die Religionspolitik durchschlug, sich etwas entspannen wird. Eine grundsätzliche Änderung der chinesischen Religionspolitik mit ihrem System rechtlicher Vorschriften und institutionalisierter Kontrollmechanismen ist jedoch meiner Einschätzung nach in der nächsten Zeit eher nicht zu erwarten.

Das Interview führte Jens Wiesner

Zur Person

Katharina Wenzel-Teuber ist Chefredakteurin der Zeitschrift „China heute“. Die Zeitschrift wird vom gemeinnützigen China-Zentrum herausgegeben, das im Missionshaus der Steyler Missionare in Sankt Augustin beheimatet ist. Der Verein wurde 1988 von Mitgliedern des Deutschen Katholischen Missionsrats gegründet, Zweck des Zentrums ist nach eigenen Angaben die "Förderung von Begegnung und Austausch zwischen den Kulturen und Religionen im Westen und in China“.