Das Gitter bleibt
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Deutschlands älteste Simultankirche wird saniert

Das Gitter bleibt

Selten verursacht die Sanierung einer Pfarrkirche so viel Aufmerksamkeit. Rund 30 Menschen, Bausachverständige, Denkmalpfleger, Restauratoren, Geistliche und Journalisten drängen sich in einem kleinen Sitzungsraum des altehrwürdigen Bautzener Domstiftes. In der Mitte sitzen Maria Heinke-Probst und Veit Scapan. Sie sind die Hausherren des Bautzener Domes.

Bautzen - 09.09.2013

Maria Heinke-Probst ist Pfarrerin der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde St. Petri, Veit Scapan ist der Dompfarrer der katholischen Dompfarrei St. Petri. Andernorts hätte jede Gemeinde eine eigene Kirche. Nicht so in Bautzen. Hier teilen sich die Gemeinden seit fast 500 Jahren den Dom, dessen Innenraum jetzt saniert werden soll.

Ein Symbol für das Miteinander

"Die Leute wollen das Gitter sehen", sagt Thomas Bönisch. Der Baubeauftragte des Domkapitels kommt damit schon auf das berühmteste Ausstattungsstück des Innenraumes des Bautzener Domes zu sprechen. Das Lettnergitter teilt den Bautzener Dom seit 1524 in einen katholischen und einen evangelischen Teil. Bei der letzten Sanierung im Jahr 1954 wurde das einstmals über vier Meter hohe Gitter abgesägt und ein Türchen eingebaut. Bei der jetzt beginnenden Sanierung wird die Tür vergrößert und noch eine weitere Tür in das Gitter eingebaut. Das Gitter selbst ist inzwischen eine Sehenswürdigkeit, obwohl es vollkommen schmucklos ist. Das Gitter ist einmalig. Es ist ein Symbol für das Miteinander von katholischen und evangelischen Christen. Nur hier in Bautzen unterteilt ein Gitter einen Kirchenraum in zwei Räume für zwei Konfessionen.

Eine zierliche Frau im roten Kleid und ein stämmiger Mann stehen locker an ein Gitter gelehnt im Kirchenschiff.
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Maria Heinke-Probst ist Pfarrerin der evangelisch-lutherischen Gemeinde, Veit Scapan ist Dompfarrer der katholischen Gemeinde.

Für insgesamt 1,77 Millionen Euro wird der Innenraum saniert. Das Kirchenschiff wird neu gestrichen, die Elektroanlage erneuert, neue Lampen, eine gemeinsame Lautsprecheranlage eingebaut. Die Kosten dafür tragen der Bund, der Freistaat Sachsen und die Stadt Bautzen.

Dass der Dom seit 500 Jahren von zwei Konfessionen genutzt wird, hat - teilweise kuriose - Folgen: Es gibt zwei Orgeln, zwei Stromanschlüsse, zwei Lautsprecher-Anlagen, zwei Altäre. Mitten durch den Dom verläuft sogar eine Grundstücksgrenze. Das eine Grundstück gehört der evangelischen Gemeinde, das andere Grundstück gehört der katholischen Dompfarrei. Im katholischen Teil hängen 50er-Jahre-Lämpchen, im evangelischen Teil schwere alte Messing-Kronleuchter.

Teure Kunstschätze

Auch etwa 50 wertvolle Ausstattungsstücke bedürfen jetzt einer Restaurierung, darunter der Sakramentsaltar, eine farbig gefasste Holzschnitzarbeit des böhmischen Bildhauers Jan Hajek aus dem Jahr 1783, und das berühmte Kruzifix von Balthasar Permoser aus dem Jahr 1714. Das Geld dafür ist in den 1,77 Millionen noch nicht enthalten. Auf etwa 350.000 Euro schätzt Jörg Freund, der leitende Restaurator, die Kosten. Die beiden Gemeinden müssen den Betrag über Spenden selber aufbringen.

Zwei Jahre werden die Arbeiten dauern. Auch während dieser Zeit helfen sich die beiden Gemeinden in bester ökumenischer Tradition. Die katholische Gemeinde wird, neben einer kleineren Filialkirche, auch die evangelische Taucherkirche für ihre Gottesdienste nutzen dürfen. Wenn alles planmäßig läuft, sollen die Arbeiten im Dezember 2015 abgeschlossen sein. Dann wird vieles neu sein im Bautzener Dom: neue Farbe an Wänden und Gewölben, neue Leitungsstränge, Bankheizungen, WC-Anlagen, einen Platz für die Domaufsicht wird es geben, neue Türen im Gitter. Etwas wird allerdings besonders sein. Erstmals wird es eine gemeinsame Beleuchtung geben und eine Beschallungsanlage, die von beiden Gemeinden genutzt wird.

Von Markus Kremser

Bautzener Dom

Der Dom St. Petri zu Bautzen ist die älteste und eine der größten Simultankirchen Deutschlands. Er zählt zu den wichtigsten Kirchenbauten Sachsens und ist der älteste Kirchenstandort der Oberlausitz. Der Dom erhielt um 1430 seine heutige Gestalt. Nach der Reformation wurde der Dom 1524 Simultankirche. Nach langen Streitigkeiten zwischen Lutheranern und Katholiken schlossen der Bautzener Rat und das Domstift 1543 einen ersten Vertrag, der die Nutzung der Kirche durch beide Konfessionen regelte. Dabei wurde der Chor für den katholischen, das Langhaus für den evangelischen Gottesdienst bestimmt. Die Grenze verlief am Lettnergitter. Während des Böhmischen Aufstands (1619/20) wurde das katholische "Kollegiatkapitel St. Petri" für kurze Zeit aus dem Dom vertrieben. Danach wurde der alte Zustand wieder hergestellt. Papst Benedikt XV. errichtete 1921 das Bistum Meißen mit Sitz in Bautzen wieder. Seit der Verlegung des Bischofssitzes nach Dresden 1980 ist der Bautzner Dom Konkathedrale des Bistums Dresden-Meißen.

Lettner

Der Lettner (von lat. lectorium „Lesepult“), auch Doxale genannt, ist eine Schranke, die früher den Raum für das Priester- oder Mönchskollegium vom übrigen Kirchenraum, der für die Laien bestimmt war, abtrennte. In Abteikirchen diente der Lettner zur Trennung der Priestermönche und der Laienmönche (Konversen). Mit der Tridentinischen Liturgiereform in der Folge der Reformation verlor der Lettner in der katholischen Kirche seine Funktion und wurde fast überall abgebaut.