Des Kaisers neue Priesterseminare
Ein satirischer Wochenrückblick von Felix Neumann

Des Kaisers neue Priesterseminare

Es begab sich zu der Zeit wahrer Männlichkeit und ritterlicher Tugenden: Felix Neumann erzählt ein Märchen vom alten Kaiser, seinem weisen Minister und einem ungeheuerlichen Befehl an alle Regenten dieser Erde.

Von Felix Neumann |  Bonn - 09.02.2019

Es begab sich zu der Zeit, als – so glaubte man – das Wünschen noch geholfen hat, da schrieb ein weiser Minister des Kaisers an all die Regenten der Welt: Der Kaiser könne "jene nicht für das Priesterseminar und zu den heiligen Weihen zulassen, die Homosexualität praktizieren, tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben oder eine sogenannte 'homosexuelle Kultur' unterstützen".

Und bei den Regenten erhob sich allüberall auf der Welt ein Murmeln und ein Loben ob der Weisheit des Ministers: Homosexualität! Bei uns, die wir doch alle als echte Männer die Mutter Kirche zur Braut genommen haben! Homosexuelle Kultur! Wo kämen wir da hin? Allein die Vorstellung ließ manchen der Könige in seinen seidenen Gewändern frösteln, manch' Cappa magna und Spitzenrochett wurde darob von bitteren Tränen genetzt, und alle stimmten ein ins Lob des weisen Ministers: Schließlich wusste man doch, dass diese armen (aber objektiv ungeordneten) Seelen, die ansonsten nichts als Achtung, Mitleid und Takt verdient hatten, in "schwerwiegender Weise" daran gehindert waren, "korrekte Beziehungen zu Männern und Frauen aufzubauen"!

Nein, wer es an den Höfen der Regenten zu etwas bringen wollte, der musste ein echter Mann sein, erfüllt von wahrer Männlichkeit und ritterlicher Tugend, ohne Furcht und Tadel, objektiv ordentlich, keusch dem Weibe – und keinesfalls dem Bruder! – entsagend. Und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, kam also landauf, landab in keinem der Königreiche eine tiefsitzende homosexuelle Tendenz auch nur in die Nähe der Seminare, und die Regenten und die Könige und der Kaiser schlugen sich gegenseitig auf die Schulter (ganz männlich und keinesfalls zärtlich) und lobten einander: Seht her, wie gut wir unser Haus bestellt haben, keiner unserer Brüder ist ein warmer, und wenn auch die ganze Welt voll von ihnen ist, bei uns nicht und der Kaiser nickte väterlich und sprach streng: "Wir müssen strikt sein. In unseren Gesellschaften scheint Homosexualität geradezu eine Mode zu sein, und dieses Denken beeinflusst in gewisser Weise auch das Leben der Kirche." Da freuten sich die Weisen aus dem Dogmenland und sprachen: "Die Entwicklung wäre für die katholische Kirche nicht gesund."

"Aber es gibt doch so viele gute schwule Pfarrer!", sagte endlich ein kleines Kind. "Hört die Stimme der Unschuld!", sagte einer der Väter. Und: "Auch der Dialog mit den exegetischen und moraltheologischen Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte muss so geführt werden, dass ein Lern- und Erkenntnisfortschritt nicht von vornherein ausgeschlossen ist"; und der eine zischelte dem andern zu, was das Kind gesagt hatte.

"Aber es gibt doch so viele gute schwule Pfarrer!", rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn das Volk und seine Regenten schienen ihm recht zu haben, aber er dachte bei sich: "Wir müssen strikt sein." Und die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.

Von Felix Neumann

Themenseite: War's das?!

"War's das?!" fragt katholisch.de in seinem satirischen Wochenrückblick. Im Wechsel lassen verschiedene Autoren freitags die zu Ende gehende Woche Revue passieren. Mit einem Augenzwinkern blicken sie auf Kurioses und Bemerkenswertes in der katholischen Welt zurück.