Ikonen: Das Ebenbild Gottes
Lange Tradition in der orthodoxen Kirche

Ikonen: Das Ebenbild Gottes

Aus einem orthodoxen Gotteshaus sind Ikonen nicht wegzudenken. Denn in Theologie wie Volksfrömmigkeit der Ostkirchen nehmen sie eine Schlüsselstellung ein. Das liegt vor allem an ihrer Bedeutung, die über den künstlerischen Wert jedes Werkes hinausreicht.

Von Christoph Paul Hartmann |  Bonn - 22.04.2019

Wer den Fuß über die Schwelle einer orthodoxen Kirche setzt, ist sofort von einer ganzen Reihe Ikonen umgeben. Sie bestimmen das zentrale Gestaltungselement der Gotteshäuser, die Ikonostase – eine Wand, die den Gemeinde vom Altarraum trennt und mit Heiligenbildnissen besetzt ist – nach einem streng vorgegebenen Muster. Doch auch abseits der Ostkirche erfreuen sich Ikonen weiter Verbreitung. Vielerorts wird ihre spirituelle Qualität geschätzt, nicht zuletzt für die private Andacht. Doch die große Bedeutung der Ikonen war lange Zeit nicht unumstritten.

Denn schon das frühe Christentum hatte mit dem zweiten Gebot zu kämpfen, das bereits das Judentum geprägt hatte: "Du sollst dir kein Kultbild machen und keine Gestalt von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde." (Ex 20,4) Dieser Satz machte es Künstlern schwer, Formen für das Göttliche zu finden. Denn was unbegrenzt, unbegreiflich und unerfahrbar ist, lässt sich weder mit Worten noch mit Bildern fassen. Deshalb finden sich weder in jüdischen noch in islamischen Gotteshäusern Bildnisse von Gott. Auch Darstellungen an den ersten Versammlungsorten der Christen in Rom, den Katakomben, beschränken sich auf Symbole wie etwa den Fisch.

Doch letztendlich fanden die Christen einen Weg, Gott trotz des Bilderverbots darstellen zu können. Denn Jesus sagt: "Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen" (Joh 14,9). Und bei Paulus heißt es in Bezug auf Christus: "Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig" (Kol 2,9). Gott konnte man nicht darstellen, Jesus Christus in seiner menschlichen Gestalt aber schon. Dadurch erhoffte man sich ein besseres Gottesverständnis und eine stärkere Betonung seiner Menschwerdung. Trotzdem blieb die Frage nach einer Bildsprache für Gott über viele Jahrhunderte ein Streitpunkt, der zahlreiche Konzile beschäftigte und immer wieder zur gezielten Vernichtung von Bildern führte. Christusdarstellungen aus dieser Zeit sind daher kaum erhalten.

Der Osten bleibt zunächst zurückhaltend

Die Westkirche erwies sich in der Bilderfrage in den ersten Jahrhunderten als deutlich darstellungsfreudiger als jene im Osten. Hier begann der Siegeszug der Ikonen letztendlich mit einer Versicherung: Jesus so darzustellen, wie er wirklich war, ohne die Fantasieleistung eines Künstlers. Das wurde möglich durch die Nutzung von authentischen, nicht von Menschenhand geschaffenen Christusbildern, über die es viele Legenden gibt. Eines dieser Bilder wurde von Kaiser Justin II. 574 aus der Festung Kamuliana nach Konstantinopel überführt. Laut der Überlieferung wollte eine Heidin nicht an Jesus Christus glauben, da sie ihn nicht sehen konnte. Kurz darauf fand sie auf dem Grund eines Wasserbassins jenes Christusbild. Das war auf unerklärliche Weise dort hingekommen und war wundertätig: Denn als sie es aus dem Wasser zog, war es sofort trocken. Außerdem hinterließ es einen bleibenden Abdruck auf ihrem Gewand, als sie es darin einwickelte. Ein anderes dieser nicht von Menschenhand entstandenen Bilder soll auf einem Tuch entstanden sein, mit dem sich Christus selbst das Gesicht abtrocknete und das dadurch seine Gesichtszüge aufnahm. Dieses sogenannte "Christusbild von Edessa" gilt ebenfalls als wundertätig, Kopien sind in vielen orthodoxen Kirchen zu finden. Diese und weitere nicht von Menschenhand entstandene Christusbildnisse gelten im Hinblick auf Formensprache und Gestaltung als Vorlagen für Ikonen.

Der Innenraum der Auferstehungskirche im russischen Sankt Petersburg.

Diese sind also kein Ausdruck eines individuellen künstlerischen Empfindens, sondern sollen die Spiritualität des "Originals" wiedergeben. Deshalb werden sie auch nicht "gemalt", sondern "geschrieben". Im Griechischen werden beide Bedeutungen allerdings durch das gleiche Wort – "graphein" – wiedergegeben. Der Unterschied liegt jedoch in der absoluten Anonymität des Künstlers. Denn selbst große Meister der Ikonographie haben ihre Werke nie signiert. Anstatt des individuellen Ausdrucks spielen Kirchentraditionen und überlieferte Formen eine große Rolle. Das erklärt auch ihre künstlerische Form: Ikonen haben keine Perspektive, keine räumliche Tiefe, denn da sie Göttliches darstellen sollen, gelten die weltlichen Gesetze für sie nicht. Um diesen Effekt zu verstärken, haben besonders Christusikonen oft eine malerische Besonderheit: Die eine Gesichtshälfte ist etwas breiter als die andere. Dadurch soll neben der Frontalperspektive des Gesichts auch eine Profildarstellung angedeutet werden. Dieser gleichzeitige Blick aus mehreren Perspektiven in einem Bild soll die Vielfalt und Göttlichkeit unterstreichen.

Kunst als Glaubensakt

Zu diesen vielen handwerklichen Aspekten des Bildnisses spielt auch die Einstellung der Malenden eine Rolle: Denn von ihnen wird die entsprechende spirituelle Haltung erwartet, die Schaffung einer Ikone ist ein Glaubensakt. Deshalb wurden Ikonen früher auch nicht geweiht – die Glaubenstat des Künstlers – inklusive Gebeten und Fasten während des Malens – genügte. Seitdem es aber ganze Dörfer gibt, in denen Ikonen am Fließband entstehen, werden sie von einem Priester mit Weihwasser besprengt. Er lässt Weihrauch aufsteigen und spricht Gebete. Im Idealfall soll eine Ikone sogar ganze vierzig Tage auf dem Altartisch liegen, um für das Gebet bereit zu sein.

Wie das Bildprogramm folgt auch die Herstellung einer Ikone einem festen Schema: Zunächst wird der Untergrund vorbereitet. Da die Mehrzahl der Ikonen auf Holz "geschrieben" werden, heißt das, zunächst eine Tafel etwa aus Lindenholz aufzurauen. Danach wird die Malfläche mit Leinen, manchmal auch mit Papier überklebt und mit Kreide beschichtet. Nach dem Abschleifen entsteht so eine glatte Oberfläche, auf die das Bildnis aufgetragen wird. In manchen Fällen wird der Hintergrund auch vergoldet.

Eine orthodoxe Ikone zeigt Maria mit dem Jesuskind.

Die Zeichnung wird dann nach Farbtönen sortiert aufgetragen: Zuerst die dunkelsten Farbtöne, dann immer heller werdend. Gleichzeitig wird vom Unwesentlichen zum Wesentlichen, also vom Hintergrund zur Heiligenfigur gearbeitet. Wenn das Bild fertig ist, soll es ein Jahr lang ruhen. In dieser Zeit spielen sich chemische Prozesse zwischen den Farben und dem Untergrundmaterial ab. Nach dieser Frist wird die Ikone noch mit einer Ölschicht überzogen, die die Farbkraft der Materialien bewahren soll. Um die göttliche Dimension der Ikone deutlich zu machen, wird sie danach beschriftet: Mit dem Christusmonogramm Chi-Rho und den Zeichen Alpha und Omega.

Das Ergebnis: Es gibt zwar eine Vielzahl von Ikonen. Durch die diversen Vorgaben handwerklicher wie gestalterischer Art ähneln sie sich jedoch alle sehr. Der Wunsch, etwas vom "Original", ein Abbild des Göttlichen "zum Anfassen" zu haben, ist immer präsent – in Form der Ikonostase, Ikonenpulten zum Berühren der Bilder in Kirchen oder einer "schönen Ecke" für die persönliche Frömmigkeit zu Hause. Ikonen sind der Ausdruck einer Tendenz, die die Orthodoxie von der alten Kirche übernommen hat: Dinge lieber zu erzählen und zu besingen, anstatt sie zu umschreiben und zu definieren. Das macht Ikonen im kirchlichen wie privaten Bereich bis heute zu einem prägenden Element der Frömmigkeit der Ostkirchen, das es auch im Westen zu einiger Beliebtheit gebracht hat.

Von Christoph Paul Hartmann