"Im ersten Moment war ich ziemlich geschockt"
Bild: © KNA
Vor einem Jahr wurde Heinrich Timmerevers zum Bischof von Dresden ernannt

"Im ersten Moment war ich ziemlich geschockt"

Vor einem Jahr wurde Heinrich Timmerevers vom Papst zum Bischof von Dresden-Meißen ernannt. Im Interview blickt er auf seine bisherige Amtszeit zurück und stellt eine Forderung an die Bischöfe im Westen.

Von Steffen Zimmermann |  Dresden - 29.04.2017

Frage: Herr Bischof, vor einem Jahr wurden Sie von Papst Franziskus zum Bischof von Dresden-Meißen ernannt. Erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie die Nachricht von Ihrer Ernennung erfuhren?

Timmerevers: Ja, diesen Augenblick werde ich wohl nie vergessen. Als ich über meine Ernennung informiert wurde, war ich – ehrlich gesagt – im ersten Moment ziemlich geschockt, denn ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, neuer Dresdner Bischof zu werden. Mir war sofort klar, dass dies eine tiefe Zäsur für mein Leben bedeutete. Ein wichtiger und schöner Lebensabschnitt ging damit zu Ende, und es begann ein neuer Lebensabschnitt in einem neuen Umfeld und einer Region, die ich bislang nur als Tourist kennengelernt hatte. Das hat mir im ersten Moment schon den Boden unter den Füßen weggezogen.

Frage: Dennoch haben Sie sich auf das "Abenteuer" Sachsen eingelassen...

Timmerevers: Selbstverständlich. Für mich war klar: Jetzt verlässt Du Haus, Hof und Vaterland und ziehst in ein anderes Land - ähnlich wie Abraham, dem von Gott ja auch aufgetragen wurde, seine Heimat zu verlassen. Das habe ich tatsächlich so für mich empfunden.

Linktipp: Einer mit klarer Kante

Gegen Rechtsextremismus hat Heinrich Timmerevers schon in Niedersachsen klare Kante gezeigt. Nun wird er Bischof von Dresden-Meißen – und dort mit seiner Einstellung vermutlich auch auf Widerstand stoßen. (Artikel von April 2016)

Frage: Sie waren zum Zeitpunkt Ihrer Ernennung Weihbischof im Bistum Münster und dort als Bischöflicher Offizial für das Oldenburger Land zuständig – einer Region, in der der Katholizismus noch immer prägender Teil des gesellschaftlichen Lebens ist. Das ist in Sachsen ganz anders. War der Wechsel nach Dresden vor diesem Hintergrund ein Kulturschock für Sie?

Timmerevers: Nein, das will ich so nicht sagen. Allerdings gibt es schon große kulturelle Unterschiede zwischen den Regionen. In Sachsen befindet sich die katholische Kirche in einer extremen Minderheiten-Situation. 80 Prozent der Bevölkerung in unserem Bistum sind ungetauft, 16 Prozent evangelische Christen und nur vier Prozent Katholiken. Dennoch erlebe ich hier zahlreiche Gemeinden, in denen ein engagiertes Christsein mit viel Entschiedenheit und großer Glaubensfreude gelebt wird. Und ich begegne Menschen, die in schwerer Zeit und trotz großer Bedrängnis – in der DDR, aber auch noch danach – ihrem Glauben treu geblieben sind. Den Glauben in schwerer Zeit durchgetragen zu haben, das hat dem Katholizismus hier in der Region nach meinem Eindruck eine große Tiefe gegeben.

Frage: Vor einem Jahr wurden Sie zum Bischof von Dresden-Meißen ernannt, seit acht Monaten sind Sie im Amt. Würden Sie sagen, dass Sie schon voll und ganz in Sachsen angekommen sind?

Timmerevers: Ich denke schon. Jedenfalls fühle ich mich hier sehr wohl, und ich sehe, dass die Menschen in unserem Bistum meinen bischöflichen Dienst mit sehr viel Wohlwollen begleiten. Dafür bin ich dankbar. Und auch in der politisch-gesellschaftlichen Öffentlichkeit spüre ich, dass es ein großes Interesse an Kirche gibt – verbunden mit der Erwartung, dass die Kirche Halt und Orientierung vermitteln soll.

Frage: Sie sprechen die politisch-gesellschaftliche Öffentlichkeit an. Gerade in den ersten Monaten Ihrer Amtszeit ist Sachsen in diesem Zusammenhang mehrfach negativ in die Schlagzeilen geraten. Vor allem die Vorkommnisse am Tag der Deutschen Einheit haben bundesweit Empörung und Entsetzen ausgelöst. Wie nehmen Sie das gesellschaftliche Klima in Sachsen wahr?

Timmerevers: Als jemand, der aus den alten Bundesländern nach Sachsen gekommen ist, habe ich in den vergangenen Monaten viel gelernt. So bin ich inzwischen davon überzeugt, dass den Menschen im Westen zu wenig bewusst ist, dass die Wiedervereinigung im Osten auch jede Menge Verlierer produziert hat. Viele Menschen in Ostdeutschland haben nach der Einheit ihre Arbeit verloren und mussten sich ganz neu orientieren. Durch den Untergang der DDR kam es zu einem tiefen Bruch in den ostdeutschen Biografien. Die Veränderungen, die den Menschen hier abverlangt wurden, waren enorm und sind es teilweise noch bis heute. Das alles fördert Ängste und Unsicherheiten, wie sie zum Beispiel auch in den Protesten von Pegida zum Ausdruck gekommen sind.

Pegida-Demo in Dresden
Bild: © dpa

Auch mit den Pegida-Demonstrationen musste sich Heinrich Timmerevers in seinen ersten Monaten als Dresdner Bischof auseinandersetzen.

Frage: War denn die Art und Weise des Protestes, wie er sich bei Pegida gerade in der Hochphase der Bewegung gezeigt hat, noch mit dem demokratischen Rechtsstaat vereinbar?

Timmerevers: Grundsätzlich gilt: In unserem Staat darf jeder seine Meinung frei äußern. Dabei muss man immer den Respekt vor anderen Menschen und ihren Meinungen bewahren. Rassismus, Gewalt und das Säen von Hass sind nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt und dürfen in unserer Gesellschaft keinen Platz haben. Gerade als Christen müssen wir uns immer für einen fairen und sachlichen Dialog einsetzen. Das von gegenseitigem Respekt geprägte Gespräch, die Diskussion in der Sache, das Ringen um tragfähige Argumente sind unverzichtbare Werkzeuge der Demokratie.

Frage: Blicken wir auf die Situation in Ihrem Bistum. Von Ihrem Vorgänger Heiner Koch haben Sie unter dem Titel "Erkundungsprozess" eine Bistumsreform geerbt, die noch in vollem Gange ist. Wie wollen Sie die Reform fortsetzen?

Timmerevers: Zunächst einmal bin ich beeindruckt, wie Bischof Heiner Koch die Reform auf den Weg gebracht hat. Vor allem, weil er zwei wichtige Fragen in den Mittelpunkt gestellt hat: Wie kann es uns als Kirche gelingen, mit der Botschaft des Evangeliums den Menschen und der Gesellschaft zu dienen? Und wie schaffen wir es, dass jeder Mensch in Sachsen und Ostthüringen irgendwann in seinem Leben Christus begegnet? Hier kommt den kirchlichen Orten in unserem Bistum – neben den Pfarrgemeinden vor allem den Einrichtungen der Caritas und den katholischen Schulen – eine enorme Bedeutung zu, weil sich dort Christen und Nicht-Christen begegnen und Menschen, die den christlichen Glauben bisher gar nicht kannten, erstmals mit ihm in Berührung kommen können. Diesen Ansatz halte ich für sehr notwendig und in diesem Sinne führe ich die Reform gerne fort. Wir sind als Kirche schließlich nicht für uns selber da, sondern müssen uns immer fragen, was unser Auftrag in der Gesellschaft ist. Und ich sehe, dass man sich mit diesen Fragen in fast allen unseren Gemeinden auseinandersetzt.

Frage: Wie steht es denn um die Zukunft der einzelnen Pfarrgemeinden in Ihrem Bistum?

Timmerevers: Auch hier hat Bischof Heiner Koch mit den sogenannten Verantwortungsgemeinschaften eine richtungsweisende Initiative gestartet: Mehrere Gemeinden werden aufeinander hin geordnet und tragen füreinander Verantwortung. Die einzelnen Gemeinden gestalten den Prozess, wie sie mit den anderen Gemeinden zusammenarbeiten und in absehbarer Zeit eine neue Pfarrei gründen. Es gibt schon mehrere Gemeinden, die deutlich signalisiert haben "Wir wollen so schnell wie möglich eine neue Pfarrei gründen". Ich habe deshalb entschieden, dass zum diesjährigen Advent mit den ersten Neugründungen begonnen werden kann. Diese Neugründung von Pfarreien sollte nach Möglichkeit bis zum Sommer 2020 abgeschlossen sein.

Player wird geladen ...
Video: © katholisch.de

"Seht, meine Koffer sind gepackt", sagt Bischof Heinrich Timmerevers im Interview mit katholisch.de. Am 27. August tritt er sein Amt als Bischof von Dresden-Meißen an.

Frage: Wenn man sich die Finanzsituation anschaut, kann man feststellen, dass Ihr Bistum derzeit – gerade auch im Vergleich mit den anderen ostdeutschen Diözesen – auf sehr soliden Füßen steht. Wie ist Ihre Einschätzung?

Timmerevers: Tatsächlich haben meine Vorgänger und vor allem die Verantwortlichen für die Finanzen hier im Bistum in den vergangenen Jahren hervorragende Arbeit geleistet. Das Bistum ist gut aufgestellt und die Finanzen sind transparent. Das finde ich beeindruckend.

Frage: Allerdings ist auch Ihr Bistum – ebenso wie die anderen Ost-Bistümer – immer noch von Zuwendungen der westdeutschen Diözesen abhängig.

Timmerevers: Ja, allerdings sehe ich das nicht als Makel. Um es klar zu sagen: Auf Jahre hinaus wird kein ostdeutsches Bistum dazu in der Lage sein, allein mit eigenen Mitteln allen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Unser Bistum erhält aus dem sogenannten Strukturbeitrag des VDD derzeit 17 Millionen Euro pro Jahr. Wenn wir dieses Geld nicht hätten, könnten wir vielen pastoralen Aufgaben und Verpflichtungen der Pfarreien und des Bistums nicht nachkommen.

Frage: Fürchten Sie denn, dass im Kontext der laufenden Diskussionen um den VDD-Haushalt auch der Strukturbeitrag in Frage gestellt werden könnte?

Timmerevers: Tatsächlich wird der Strukturbeitrag derzeit neu verhandelt, und noch ist in dieser Frage alles offen. Ich bin allerdings der festen Überzeugung, dass es auch in Zukunft eine große Solidarität der westdeutschen Bistümer mit den ostdeutschen Bistümern geben muss. Und ich bin auch optimistisch, denn ich spüre, dass es bei meinen westdeutschen Mitbrüdern sehr viel Verständnis für unsere Situation hier im Osten gibt und deshalb sicher gute Lösungen gefunden werden.

Von Steffen Zimmermann

Zur Person

Heinrich Timmerevers (*1952) wurde am 29. April 2016 zum Bischof von Dresden-Meißen ernannt; am 27. August wurde er in Dresden in das Amt eingeführt. Zuvor war Timmerevers Weihbischof im Bistum Münster und dort als Bischöflicher Offizial für das Oldenburger Land zuständig. In der Deutschen Bischofskonferenz ist Timmerevers Mitglied der Kommission für Geistliche Berufe und Kirchliche Dienste sowie der Pastoralkommission.