Kardinal Reinhard Marx
Zeitgeist könne hilfreich sein

Kardinal Marx: Müssen Kirchenlehre weiterentwickeln

Versagen und die Unfähigkeit, auf Missstände angemessen zu reagieren, bescheinigt Kardinal Reinhard Marx der Kirche für 2018. Zu einer wahren Erneuerung gehöre auch der Blick auf den Zeitgeist, denn die Tradition der Kirche sei nichts Abgeschlossenes.

München - 31.12.2018

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx hat zum Jahreswechsel eine Erneuerung von Kirche und Gesellschaft angemahnt. Für die Kirche sei diese Notwendigkeit "gerade in den letzten Jahren und Monaten deutlich geworden angesichts des Versagens und der Unfähigkeit, auf Herausforderungen und Missstände angemessen zu reagieren", sagte der Erzbischof von München und Freising laut Manuskript in seiner Silvesterpredigt im Münchner Liebfrauendom. "Das gilt gerade für uns als Verantwortliche in der Kirche und besonders im Blick auf das ungeheure Geschehen des sexuellen Missbrauchs, das im Kern ein Missbrauch geistlicher Macht war und ist."

Marx, der auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist, ergänzte, es gehe nun um Weiterführung und Verbesserung von Aufarbeitung und Prävention und um unabhängige Überprüfung. "Es geht um die Rolle und Gestalt des priesterlichen und bischöflichen Dienstes, und zwar in Gemeinschaft mit dem ganzen Gottesvolk. Es wird gehen um eine noch stärkere Synodalität, eine Kultur der Beteiligung, der Mitverantwortung, des Ernstnehmens aller Christinnen und Christen."

Vertiefung und Weiterentwicklung der Lehre

Zudem brauche es "eine Vertiefung und Weiterentwicklung der Lehre der Kirche, die immer wieder neu in einer konkreten Situation zur Sprache gebracht werden muss", sagte der Erzbischof. Diese müsse "die Kategorien links und rechts, konservativ und progressiv hinter sich lassen und sich konzentrieren auf den Weg des Evangeliums in einer konkreten Zeitstunde". Zwar dürfe sich die Kirche nicht einfach einem Zeitgeist unterwerfen, allerdings würden in gesellschaftlichen Entwicklungen durchaus Notwendigkeiten zur Erneuerung sichtbar. "Natürlich stehen wir in einer großen Tradition. Aber es ist keine abgeschlossene Tradition. Es ist ein Weg in die Zukunft", so Marx.

Der Erzbischof rief ferner dazu auf, mit Blick auf die Weihnachtsbotschaft "wieder groß vom Menschen zu denken". Wenn Gott Mensch geworden sei, "dann ist es gut und auch groß, ein Mensch zu sein". Nur ausgehend vom christlichen Menschenbild könne es einen Weg geben, "in unserer Gesellschaft einen neuen und vertieften Zusammenhalt zu finden, auch und gerade in Europa, das zeigen sollte, wie Vielfalt und Einheit im Miteinander möglich sind, und das allen - besonders den Armen und Schwachen - Möglichkeiten zum Leben eröffnet". (KNA)