Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation
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Ex-Glaubenspräfekt äußert sich zur Kirchenkrise

Kardinal Müller: Causa Wucherpfennig zeigt Atheismus in der Kirche

Die Kirche steckt in einer tiefen Krise. Und Kardinal Gerhard Ludwig Müller glaubt den Grund dafür zu kennen: Der Atheismus mache sich in ihr breit. Dies habe sich kürzlich erst am Fall des deutschen Theologen Ansgar Wucherpfennig gezeigt.

Toronto/Rom - 22.11.2018

Für Kardinal Gerhard Ludwig Müller ist die Causa Ansgar Wucherpfennig ein Beispiel für das Eindringen des Atheismus in die Kirche. Der Fall zeige, wie die Kirche "ihre eigene Autorität untergräbt" und wie die "klare Expertise" der vatikanischen Glaubenskongregation verdrängt werde, sagte der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview des kanadischen Onlinemagazins "LifeSiteNews". "Wenn dieser Priester den Segen homosexueller Beziehungen als das Ergebnis einer Weiterentwicklung der Lehre bezeichnet, an der er weiterhin arbeitet, bedeutet dies nichts anderes als die Anwesenheit des Atheismus im Christentum", so Müller weiter.

Laut Müller leugnet Wucherpfennig zwar nicht die Existenz Gottes. Er bestreite ihn aber als Quelle der Moral, indem er "das, was vor Gott eine Sünde ist, als Segen darstellt". Der Neutestamentler Wucherpfennig wurde kürzlich vom Vatikan als Rektor der Jesuitenhochschule St. Georgen in Frankfurt am Main bestätigt. Zuvor war ihm die Unbedenklichkeitserklärung "Nihil obstat" verweigert worden, weil er sich positiv zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare geäußert hatte.

Grundsätzlich hält Müller einen zunehmenden Atheismus in der Kirche für den Ursprung ihrer aktuellen Krise. "In diesem Ungeist wird die Offenbarung Gottes an die Welt angepasst, damit einem Leben nach den eigenen Lüsten und Bedürfnissen nichts mehr im Wege steht." Als weiteres Beispiel für den schleichenden Einfluss des Atheismus in der Kirche sieht Müller die "LGBT-Ideologie", die innerhalb der Kirche immer mehr Unterstützer gewinne. Diese basiere auf einer "falschen Anthropologie, die Gott als Schöpfer leugnet".

Kirchliche Sexualmoral kann nicht relativiert werden

Im Hinblick auf die Missbrauchsfälle müsse sich die Kirche mit der praktizierten Homosexualität in den Reihen des Klerus befassen. Er habe immer wieder betont, dass homosexuelles Verhalten Geistlicher auf keinen Fall toleriert werden dürfe und "dass die Sexualmoral der Kirche durch die weltliche Akzeptanz von Homosexualität nicht relativiert werden kann", so Müller. Es sei Teil der Krise, "dass man die wahren Ursachen nicht sehen will und sie mit Propagandasätzen der Homo-Lobby vertuscht". "Unzucht mit Teenagern und Erwachsenen" sei eine Todsünde, die keine Macht auf Erden für moralisch neutral erklären könne.

Zum Fall des US-amerikanischen Ex-Kardinals Theodore McCarrick sagte Müller, dass ihn während seiner Amtszeit als Glaubenspräfekt niemand über die Thematik informiert habe. Doch dass McCarrick "mafia-ähnliche Verwüstungen in der Kirche anrichten konnte", hänge damit zusammen, dass die "moralische Verwerflichkeit homosexueller Handlungen unter Erwachsenen" unterschätzt werde. McCarrick, der von 2001 bis 2006 das Erzbistum Washington leitete, soll laut Medienberichten zwischen 1970 und 1990 junge Priesteramtskandidaten zu sexuellen Handlungen genötigt und auch mindestens zwei Minderjährige missbraucht haben. Hochrangigen Geistlichen wird vorgeworfen, früh von den Vorfällen gewusst und McCarrick jahrelang gedeckt zu haben. (mal)