Erzbischof Stefan Heße äußert sich zur Flüchtlingshilfe

"Es gibt eine eindeutige rote Linie"

Aktualisiert am 06.09.2016  –  Lesedauer: 
Der Erzbischof von Hamburg, Stefan Heße.
Bild: © KNA
Flüchtlinge

Hamburg ‐ Vor einem Jahr kamen täglich tausende Menschen nach Deutschland. Im Interview mit katholisch.de zieht der bischöfliche Flüchtlingsbeauftragten Stefan Heße Bilanz der bisherigen Flüchtlingsarbeit.

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Frage: Herr Erzbischof, als vor einem Jahr täglich tausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen, schien der Staat zunächst überfordert. Hat diese große Aufgabe auch die katholischen Bistümer, Verbände und Hilfswerke zunächst an ihren Grenzen gebracht?

Stefan Heße: Wir haben uns dieser Herausforderung gemeinsam gestellt. Natürlich war einiges an Logistik, Organisation und Vernetzung erforderlich. Die wichtigste Stütze war und ist hierbei die überwältigende Zahl der ehrenamtlich Engagierten. Ich sage ganz deutlich: Ohne sie hätten wir die Situation nicht bewältigen können. Bis heute hat die Unterstützung nicht nachgelassen. Als Kirche kommt uns eine ganz besondere Verantwortung für alle Schutzsuchenden zu. Gerade im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit dürfen wir niemanden abweisen. Nächstenliebe ist das, was uns ständig antreibt und antreiben muss.

Frage: Wie hat sich die katholische Kirche aufgestellt, um ihren Beitrag in der Flüchtlingshilfe zu leisten?

Heße: Wir handeln ganz konkret – und das auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens! Die katholische Kirche hat mehr als 112 Millionen Euro allein in 2015 für Hilfe in Deutschland und im Ausland bereitgestellt. Wir haben über den Katholischen Siedlungsdienst Wohnprojekte befördert, vermittelt, unterstützt, Projekte wie "Weißt du, wer ich bin?" gestartet und vieles mehr. Um zusätzlich zu den vielen Initiativen in den Bistümern, Kirchengemeinden und Verbänden auch bundesweit zu einer Weiterentwicklung der kirchlichen Flüchtlingshilfe beizutragen, wurde vor fast genau einem Jahr des Amt des Sonderbeauftragten für Flüchtlingsfragen geschaffen, das ich gerne übernommen habe. Ich habe einen Arbeitsstab aus Experten und Praktikern gebildet und losgelegt. Im November fand der bundesweit erste Katholische Flüchtlingsgipfel statt, der erstmalig Praktiker, Ehrenamtliche und Experten auf Bundesebene vernetzt hat – Ergebnisse waren auch die "Leitsätze des kirchlichen Engagements für Flüchtlinge" und die verschiedenen Arbeitsgruppen. In drei Wochen wird der zweite Katholische Flüchtlingsgipfel mit dem Schwerpunkt Integration stattfinden.

Linktipp: Ein Jahr danach

Am 5. September 2015 beschloss die Bundesregierung, die Grenzen für Flüchtlinge aus Ungarn zu öffnen. Danach brauchten tausende Menschen in kurzer Zeit Hilfe. Wie ist es der katholischen Flüchtlingshilfe seither ergangen?

Frage: Seelsorger berichten wiederholt von der schwierigen Lage christlicher Flüchtlinge, die von Muslimen bedroht und misshandelt würden. Warum gehen Sie als Sonderbeauftragter der Bischöfe für Flüchtlingsfragen dieses Thema nicht viel offensiver an?

Heße: Wir sind das Thema sehr offensiv angegangen – nur eben nicht von Anfang an in aller Öffentlichkeit. Stattdessen war und ist es uns wichtig, dieses sensible Thema anhand einer belastbaren Faktengrundlage zu behandeln. Zu diesem Zweck haben wir unter den Bistümern und unter den kirchlichen Trägern, die Unterkünfte betreiben, eine Umfrage durchgeführt. Darüber hinaus haben wir Gespräche mit Sicherheitsdiensten, den Landeskriminalämtern, staatlichen Verantwortungsträgern und nicht zuletzt mit christlichen Flüchtlingen selbst geführt. Als wir dann einen umfassenden Überblick über die Situation hatten, haben sich die Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, und der EKD, Landesbischof Dr Heinrich Bedford-Strohm, in einer gemeinsamen Stellungnahme deutlich geäußert. Wir stehen nach wie vor im Austausch mit allen relevanten Akteuren und auch auf politischer Ebene bringe ich das Thema deutlich zur Sprache, beispielsweise bei den Flüchtlingsgipfeln im Kanzleramt. Dabei steht außer Frage: Es ist uns ein Herzensanliegen, dass christliche Flüchtlinge in unserem Land frei von Angst und Bedrängung leben können.

Frage: In den Herkunftsländern muslimischer Flüchtlinge herrschen zum Teil Vorurteile gegenüber Christen, Frauen und Homosexuelle werden diskriminiert. Wie kann vor diesem Hintergrund die jetzt anstehende Integration gelingen?

Heße: Im Juli war ich im Libanon und habe dort eine andere Situation erlebt. Dort funktioniert das Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen vergleichsweise gut. Gleichzeitig steht für mich außer Frage, dass es für Menschen, denen in ihrer Heimat die Glaubens- und Meinungsfreiheit verwehrt waren, zunächst schwierig sein kann, sich in einer offenen und pluralistischen Gesellschaft zurechtzufinden. Dies ist sicherlich eine große Herausforderung. Integration gelingt nur dann, wenn beide Seiten ihren Beitrag leisten: Wir müssen den Menschen, die zu uns kommen, mit Wertschätzung begegnen und dürfen ihnen nicht ihre kulturelle Identität nehmen. Gleichzeitig gilt aber auch: Wer bei uns lebt, muss unsere Werte und Gesetze kennen und akzeptieren.

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Video: © katholisch.de

Probleme lösen und Best-Practice-Beispiele weitergeben: So beschreibt der Hamburger Erzbischof Stefan Heße seine Aufgabe als Sonderbeauftragter für Flüchtlingsfragen bei der Deutschen Bischofskonferenz.

Frage: Die rechtspopulistische AfD ist bereits in mehrere Landtage eingezogen, zuletzt in Mecklenburg-Vorpommern. Auch bei den Wahlen in Niedersachsen (11.9.) und Berlin (18.9.) werden ihr gute Chancen eingeräumt. Wie kann verhindert werden, dass die deutsche Willkommenskultur ins Gegenteil kippt? Was sagen Sie besorgten Katholiken, die die AfD wählen wollen?

Heße: Dies ist ja bereits seit über einem Jahr Thema. Wir nehmen alle Ängste sehr ernst. Doch es steht fest: Bis jetzt haben uns die Flüchtlinge nichts "weggenommen". Bestehende Probleme müssen wir offen und ehrlich ansprechen, ohne dabei Ängste zu schüren und heraufzubeschwören. Doch schon im vergangenen Jahr habe ich gesagt: Es gibt eine eindeutige rote Linie: Wo es an Sachlichkeit und am Respekt vor dem anderen fehlt; wo nicht die positiven, sondern die destruktiven Kräfte mobilisiert werden; wo Ressentiments geschürt und Hassparolen skandiert werden – da haben Christen nichts verloren.

Frage: Immer wichtiger wird in Zukunft die Zusammenarbeit mit muslimischen Verbänden. Bereits heute hat die Ditib in einigen Bundesländern Einfluss auf islamischen Religionsunterricht. Ist das noch tragbar, nachdem klar wurde, dass der türkische Präsident Erdogan unmittelbar Einfluss auf den Verband hat?

Heße: Der Islam in Deutschland wird von verschiedenen Verbänden vertreten – die Struktur ist nicht vergleichbar mit denen der Kirchen. Das heißt für uns: Wenn der interreligiöse Dialog auf Bundesebene gelingen soll, dürfen wir niemanden ausschließen.

Von Gabriele Höfling