Generalvikare im Bistum Chur hoffen auf Ruhe nach Bischof Huonder

"Gibt es keinen Neuanfang, ist das Bistum tot"

Aktualisiert am 27.10.2016  –  Lesedauer: 
Schweiz

Zürich ‐ Tief ist der Konflikt zwischen Gläubigen und dem konservativen Bischof Huonder im Schweizer Bistum Chur. Nun machen zwei Generalvikare einen ungewöhnlichen Vorschlag für die Nachfolge Hunoders, der bald 75 wird.

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So wünscht man sich Kirche nicht wirklich: über Jahre eine Uhr herunterzuzählen, bis endlich der Bischof die Altersgrenze erreicht hat. Doch so fühlen sich viele im Schweizer Bistum Chur. Dort wird im April der Zeiger auf null stehen: Dann wird Vitus Huonder 75 Jahre alt und erreicht damit die Altersgrenze, in der Bischöfe dem Papst ihren Amtsverzicht anbieten müssen. Unter Papst Franziskus stehen die Zeichen zwar eher auf Befriedung - aber dennoch wünschen sich die Katholiken der Kantone Graubünden, Schwyz und Zürich statt eines neuen Bischofs lieber ein bisschen Ruhe.

Mehr Mitbestimmung als im Kirchenrecht vorgesehen

Schweizer ticken basisdemokratisch. Das ist Tradition seit dem legendären Rütlischwur im Mittelalter. Das gilt auch für die Katholiken - die sich noch weniger unter konservative Bischöfe zu fügen bereit sind als die anderer westeuropäischer Demokratien. Das Schweizer Staatskirchenrecht ist von protestantischen Elementen geprägt und räumt den Laien mehr Mitbestimmung ein, als den Bischöfen lieb ist - und als es im allgemeinen Kirchenrecht vorgesehen ist. Das gilt etwa für die bischöfliche Finanzverwaltung. Und auch im Gottesdienst gibt es allerlei Protestantisches, von der Laienpredigt bis zu Frauen in liturgischen Gewändern.

Vitus Huonder im Porträt
Bild: ©KNA

Vitus Huonder, Bischof des Bistums Chur.

Das Bistum Chur hat eine sehr unruhige jüngere Geschichte. Wie schon sein Vor-Vorgänger Bischof Wolfgang Haas (1988/90-1997), der in einer Ahnenreihe schwieriger Bischofsernennungen Johannes Pauls II. Ende der 80er Jahre steht, hat Huonder seine Herde polarisiert, zu der neben den ländlichen Kantonen auch die finanzstarken Katholiken der Metropole Zürich gehören. Unzufriedene zogen 2014 sogar an den Sitz des Bischofskonferenz-Vorsitzenden, um für eine Absetzung Huonders zu demonstrieren.

Der Unmut entzündet sich nicht wie anderswo an einem teuren Bau oder an Fällen sexuellen Missbrauchs. Es geht um die Lehre. Huonder, seit 2007 im Amt, pocht auf den Buchstaben des Katholischen, und er scheute sich nie, ihn als verbindlich einzufordern. Querelen gab es viele: um Abtreibungsfinanzierung, den Umgang mit Homosexualität, Ehe und Familie oder um die Leitung des Priesterseminars. Die Schweizer Bischöfe ließen es sich gefallen, dass Huonder die Themen diktiere, beklagten die Protestierer, und: "Wir haben genug von disziplinierender Haltung, von hartherziger Theologie und pessimistischen Bischöfen, die den Gläubigen misstrauen." Anhänger Huonders hielten stets dagegen, der Bischof handele in Einklang mit Kirchenlehre und Kirchenrecht.

"Das lässt sich Zürich nicht bieten"

In einem ungewöhnlichen Schritt haben sich nun gleich zwei Generalvikare, also regionale Stellvertreter Huonders, für eine Art Feuerpause ausgesprochen: eine mehrjährige Übergangszeit bis zur Wahl eines neuen Bischofs. Martin Kopp, Generalvikar für die Urschweiz, schlägt sechs oder sieben Jahre vor, in denen ein Administrator die zerstrittene Diözese leiten solle. Als ideale Besetzung sieht er einen Ordensmann. Und Kopp wird noch deutlicher: "Wenn nächstes Jahr einfach jemand aus dem Lager gewählt wird, das aktuell in Chur den Kurs bestimmt, und es keinen Neuanfang gibt, ist das Bistum tot." Die "freiheitsdurstige" Urschweiz und auch Zürich würden sich das "nicht bieten lassen".

Sein Amtskollege für Zürich, Josef Annen, hält diesen Vorstoß für überlegenswert. "Was das Bistum nach jahrzehntelanger Zerrüttung dringend braucht, ist Befriedung", sagt er. "Eine Gemeinschaft, die polarisiert wird, zerbricht in unversöhnliche Lager, die sich gegenseitig bekämpfen." Das widerspreche dem Auftrag des Evangeliums.

Zürich oder Huonder: Wer geht zuerst?

Der Kanton Zürich könnte bald das Schweizer Bistum Chur verlassen. Losgetreten hatte die aktuellen Überlegungen ausgerechnet einer, der als das Gegenteil eines Reformers gilt: Vitus Huonder.

Der Lage erinnert an die 90er Jahre. Damals liefen Katholiken Sturm gegen Bischof Haas. Der heute 68-Jährige war - unter Umgehung der Rechte der Diözese - vom Vatikan direkt ernannt worden und stieß durch ultrakonservative Haltung und Personalentscheidungen sein an Mitbestimmung gewöhntes Kirchenvolk vor den Kopf. Nach jahrelangen Konflikten versetzte Johannes Paul II. Haas 1997 ins extra neu geschaffene Erzbistum Vaduz im Zwergstaat Liechtenstein.

Haas' Nachfolger in Chur, dem Benediktiner Amedee Grab (86), gelang es, Gras über die Zerwürfnisse wachsen zu lassen. Doch Huonder scheint nun erneut verbrannte Erde zu hinterlassen. Wird Rom dem Wunsch nach einer Kur für Chur entsprechen - oder das reguläre Berufungsverfahren in Gang setzen?

Von Alexander Brüggemann (KNA)