Gott kommt auf uns zu
Gastbeitrag von Kardinal Karl Lehmann zu Weihnachten

Gott kommt auf uns zu

Der Mensch ist zwar ein Wesen der Hoffnung, aber manchmal ist alles finster, schreibt Kardinal Karl Lehmann. Die Ankunft von Jesus Christus in der Welt könne den Menschen aber etwas Einzigartiges schenken.

Von Kardinal Karl Lehmann |  Mainz - 25.12.2016

Nach dem, was am Dienstag auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin geschehen ist, kann man da noch Weihnachten feiern und ein gutes Fest wünschen? Ja, es kann einem wirklich die Stimme verschlagen und jede Freude ersticken. Es ist gut, wenn wir mutig sind und solchen Verbrechen trotzen. Aber ob dies reicht? Tief im Inneren ist durch solche unmenschlichen Gräuel unsere Hoffnung angenagt. Aber der biblische und christliche Glaube ist im Lauf der Jahrtausende durch unendliche Schrecken hindurchgegangen. Er weiß nicht auf alles eine perfekte Antwort, aber er gibt uns eine übermenschliche Kraft, um auch in der größten Not auszuhalten.

Die verborgene Stärke unseres Glaubens

Der wahre Glaube an Gott flüchtet nicht einfach vor dem Bösen, dem Leid und der Traurigkeit unseres Lebens. Gerade der Advent ist ein großer Schrei der Menschheit nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe. Die biblischen Lesungen dieser Wochen sind voll von den Bedrückungen, die der Mensch in unserer Geschichte erlitten hat und immer noch erleidet. Deswegen gehört von Anfang auch die Bereitschaft dazu, sich nicht einfach von den Grausamkeiten, die Menschen einander antun können, abzuwenden, sondern solidarisch mitzugehen, zu helfen und zu heilen.

Bild: © KNA

Kardinal Karl Lehmann war bis zu seiner Emeritierung an Pfingsten 2016 fast 33 Jahre Bischof von Mainz. AUßerdem war er von 1987 bis 2008 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

Es ist gerade eine verborgene Stärke unseres Glaubens, dass er auch in diesen schweren Stunden, wenn er zu Gott schreit und sogar Verlassenheit von Gott erfährt, sich nicht einfach der Verzweiflung ausliefert, sondern allen diesen Versuchungen standhält. Aber wir dürfen auch weinen mit den Weinenden und trauern mit denen, die all dies erleben mussten und dazu noch einen nahen Menschen verloren haben.

Der Advent hat ein doppeltes Gesicht. Dies sieht man schon am Wort selbst. Gewöhnlich übersetzen wir dieses lateinische Wort mit "Zukunft". Dies ist eine ganz grundlegende menschliche Haltung. Wir lassen uns nicht kleinkriegen. Wir ziehen uns nicht in das Schneckenhaus tödlicher Trauer zurück. Wir geben nicht auf, auch wenn wir nicht wissen, woher das Licht kommen soll. Der Mensch ist ein solches Wesen der Hoffnung, das unglaublich erfinderisch ist, in allem noch einen Ausweg zu suchen und zu finden. Darum verwenden wir auch gerne das Wort: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber dies ist leicht gesagt, so lange wir auch nur ein bisschen Wärme und Licht verspüren. Freilich wird dieses kleine Licht Hoffnung am meisten in der Situation des Todes auf eine äußerste Probe gestellt. Was gibt es da noch Licht und Leben, wo alles dunkel und finster ist, erkaltet und starr wird?

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Festliche Gottesdienste an zwei aufeinander folgenden Tagen, die Krippe, der geschmückte Baum und natürlich Geschenke: So aufwendig wie Weihnachten wird kein anderes Fest im Kirchenjahr gefeiert. Das hat natürlich einen Grund.

Es gibt Situationen, wo wir tatsächlich mit unserer eigenen Hoffnung am Ende sind und uns nicht selbst helfen können. Man kann sich eben nicht mit unseren menschlichen Kräften allein aus dem Sumpf ziehen, in dem man hoffnungslos steckt. Zu dieser Hilflosigkeit muss man sich auch bekennen. Es gibt Situationen, Orte und Zeiten, wo wir allein aus uns selbst nicht weiter wissen. Das Leid wird nicht besser, wenn man die Augen vor ihm schließt und flüchtet. Es holt uns ohnehin ein.

Da kommt nun der zweite Sinn von "Advent" mit ins Spiel. Man kann das Wort mit guten Gründen nicht nur mit "Zukunft", sondern auch mit "Ankunft" übersetzen. Da wird die Blickrichtung geändert. Wir sind gewohnt, Zukunft und Hoffnung immer von uns aus zu entwerfen und eben auch darin die Erfüllung zu erwarten. Aber es gibt auch eine Erfüllung und eine Errettung, die uns überkommt. Sie kann - davon sind wir überzeugt - nur von Gott kommen. Gott ist der Name für eine solche Hoffnung, die nicht mehr von uns aus verwirklicht werden kann, die wir bei aller Sehnsucht zwar nicht aufgeben, aber auch nicht besorgen können. Diese Hoffnung, die uns überrascht, kommt sie von vorne auf uns zukommt. Dies ist der ursprüngliche Sinn von "Advent": Gott kommt von vorne auf uns zu, wo wir nicht mehr können und versagen. Seine Ankunft bei uns ist unsere wahre Zukunft. Wir können sie zwar ersehnen und von ihr träumen, aber sie wird uns am Ende unverhofft geschenkt.

Hinter der Krippe steht das Kreuz

Dies gilt gerade auch dann, wenn wir am Ende sind, nicht zuletzt in der Ohnmacht vor dem Tod. Auch da bringt der Advent Gottes Licht und Leben in unsere Trostlosigkeit. Diese neue und nicht mehr enttäuschbare Hoffnung kommt von Gott selbst. Diese "Ankunft" Gottes in unserer Welt, gerade auch mit seiner unsterblichen Hoffnung, fängt mit der Geburt Jesu Christi an Weihnachten an. Er wird Mensch, er verschmäht nicht unserer sterbliche Menschennatur. Er spielt aber nicht wie in einem großen Theater mit der menschlichen Natur und tut nur so, als ob er auch Mensch spielen könnte. Er wird Mensch und erleidet so gut wie alles, was Menschen zustoßen kann.

"Gott kommt von vorne auf uns zu, wo wir nicht mehr können und versagen. Seine Ankunft bei uns ist unsere wahre Zukunft," so Kardinal Lehmann.

Darum kann er uns bis in die letzten Abgründe folgen, auch bei unerträglichen Schmerzen und sogar bei Gottverlassenheit. Darum ist die Ankunft Jesu Christi in unserer Menschenwelt nicht einfach zum Schein. Er hat nicht nur die Ungerechtigkeit und Lüge, die Grausamkeit und die Hinterlist von uns Menschen, sondern auch einen grausamen Tod erlitten. Aber dies ist nicht das Ende seiner Ankunft bei uns. Er hat zwar die Abgründe des Todes erfahren, aber er ist nicht im Tod geblieben. Er nimmt auch uns auf diesem Weg von Finsternis und Tod zu Licht und Leben mit, wenn wir nur mit ihm gehen wollen und seinem Weg trauen, ihm Glauben schenken.

Weihnachten ist das verrückte Fest, das uns zu einem solchen Glauben nicht nur einlädt, sondern uns auch ein solches Leben schenken kann. Deswegen freuen wir uns. Wir lassen uns nicht täuschen. Wir wissen, dass hinter der Krippe auch das Kreuz steht. Aber es gibt eine Hoffnung, die nicht trügt. Darum wünschen wir uns auch mitten in der Not unserer Tage ein "Frohes Weihnachten".

Von Kardinal Karl Lehmann

Der Autor

Kardinal Karl Lehmann (*1936) war bis Pfingsten 2016 Bischof von Mainz. Außerdem war er von 1987 bis 2008 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, 2001 wurde er von Papst Johannes Paul II. zum Kardinal kreiert.

Hinweis: katholisch.de-Livestreams zu Weihnachten

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