Liebes Jahr 2017,
wir kennen uns erst eine Woche. Aber schon jetzt kommt es mir manchmal vor, als hätten wir bereits ewig miteinander zu tun. Sieh mir deswegen nach, wenn ich Dich duze. Du warst erst wenige Stunden alt, da ging das alles wieder los: Aus der Debatte über den Silvester-Einsatz der Polizei in Köln wurde dank der sogenannten Sozialen Medien ein Empörungsfeuerwerk über das Kürzel "Nafri". Inzwischen ist geklärt, dass es sich um einen behördeninternen "Arbeitsbegriff" für "Nordafrikaner" handelt. Und dass die Polizei dessen Verwendung bedauert. Danach verzog sich der Rauch. Zurück blieben wenig Erkenntnisgewinn und jede Menge intellektueller Rohrkrepierer.
Weiter im Netztext mit der Silvesterpredigt des Bischofs von Münster, Felix Genn. Der hatte gesagt, Christen müssten einen stärker werdenden Islam nicht fürchten. Sie hätten durch das Wort Gottes eine Kraft, die tragfähige Fundamente für ein friedliches Zusammenleben in einer Gesellschaft biete. "Trottel", "Idiot" und "Spinner" waren noch die freundlichsten Anreden, mit denen einige Internetnutzer Genn bedachten.
Vielleicht, liebes Jahr 2017, wäre es an der Zeit, neben "Weltknuddeltag", dem "Internationalen Tag der Jogginghose" oder dem "Tag der Muttersprache" auch mal einen "Nachdenken im Stillen"-Tag einzuführen. Den bitteschön auch weltweit. Mir persönlich macht nämlich neben allen inhaltsarmen oder aggressiven Hashtag-Hypes zunehmend zu schaffen, dass immer mehr Politiker Politik via Twitter machen. So wie der künftige US-Präsident Donald Trump. Warum nicht erst mal im Hinterzimmer plaudern, das Oberstübchen sortieren und dann vors Volk statt unter die Gürtellinie treten? Das könnte beruhigen.
Eine stark sedierende Wirkung auf mich hat inzwischen auch, wenn ich das so sagen darf, ohne konfessionelle Gräben aufzureißen, das Reformationsjubiläum. Eigentlich schade für Dich, 2017, bist Du doch mit dem Alleinstellungsmerkmal angetreten, dass Martin Luther vor 500 Jahren seine 95 Thesen veröffentlicht hat. Aber irgendwie vermag mich nach fast zehn Jahren Reformationsdekade die Frage, ob Luther-Bier oder Reformationsbonbons nun "banal, erbärmlich und albern" oder ein "Türöffner" für das Hören auf die Botschaft Christi sind, auch nicht mehr so richtig wachzurütteln.
Nun gut, Reformationsbotschafterin Margot Käßmann hat Dich voller Vorfreude und als eine der Ersten auf den an der Datumsgrenze liegenden Chatham-Inseln im Pazifik begrüßt. Da würde es mich nicht weiter überraschen, wenn sie zu Deinem Ende wieder in die Ferne schweift – um Dich eben dort, im Pazifik, als eine der Letzten zu verabschieden.
War’s das? Nein, da war noch was. Drei Sternsinger haben im Ostallgäu einen Traktorfahrer, der mit seinem Gefährt umkippte, aus seiner sehr misslichen Lage befreit. Obwohl die Nothelfer mit 16, 17 und 19 Jahren in einem für Sternsinger schon recht fortgeschrittenen Alter waren: Segen zu bringen und Segen zu sein – dafür ist es nie zu spät. Merk Dir das, 2017 – dann wird‘s mit uns vielleicht noch was…
Dein
Joachim Heinz