"Leute, lasst mal die Kirche im Dorf"
Schützenvereine wollen ihre Statuten lockern

"Leute, lasst mal die Kirche im Dorf"

Muslime in den eigenen Reihen? Kein Problem mehr für den Dachverband der katholischen Schützen, der seine Statuten ändern will. Das war nicht immer so, weiß der muslimische Schützenkönig Mithat Gedik.

Von Elke Silberer (dpa) |  Leverkusen/Werl - 10.03.2017

Jetzt kommt alles nochmal hoch: Die Erschütterung, die Mithat Gedik mit seinem Königsschuss vor gut zwei Jahren in einem westfälischen Dorf auslöste. Die Debatte, ob es sein darf, dass ein Muslim in einer katholischen Gesellschaft den Vogel abschießt und Schützenkönig wird. Unter dieses Kapitel soll bei der Bundesvertreterversammlung am Sonntag in Leverkusen ein Schlussstrich gezogen werden. Und das klingt nach Zeitenwende. 

Der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BHDS) will seine Regeln lockern. Dann dürfen auch Nicht-Christen Mitglied werden, also Menschen wie Mithat Gedik. Der 36-Jährige ist Schützenbruder bei St. Georg Sönnern-Pröbsting in Westfalen. Als Deutscher mit türkischen Wurzeln ist er in Deutschland geboren und aufgewachsen. Er hatte katholische Religion als Abiturfach. Mit seiner katholischen Frau Melanie hat er vier Kinder. Im Dorf hatte man ihn dann gefragt, ob er 2014 den Schützenkönig mache. Natürlich wollte er. Keinen Gedanken hatte Gedik daran verschwendet, dass er eine solche Welle lostreten würde, wie er gut zwei Jahre danach sagt.

Gedik war "ausnahmsweise" Schützenkönig

Zum Abdanken habe ihn der Dachverband sogar bewegen wollen, weil er Muslim sei, erzählt er: "Da hab ich gedacht: Leute, lasst mal die Kirche im Dorf. Mein Gott, dann gibt es eben einen muslimischen König." Gedik durfte Schützenkönig bleiben, "ausnahmsweise", wie es vom Dachverband streng hieß.  

Nach den Statuten hätte Gedik tatsächlich erst gar nicht Schützenbruder werden dürfen, wie Emil Vogt sagt, der seit 2015 Bundesschützenmeister ist. Ihm selbst wurde aber relativ schnell klar: Beschlüsse und Satzungen gehen teilweise an der Lebenswirklichkeit der Vereine vorbei.

Mithat Gedik hat am 18. Juli 2014 beim Schützenfest in Werl-Sönnern den Vogel abgeschossen und wurde von seinen Schützenbrüdern gefeiert.

Es begann unter den Schützen eine heiße Diskussion über eine "Öffnung" des anerkannten katholischen Verbands mit rund 400.000 Mitgliedern in 1.200 Schützenbruderschaften: Kirche verändere sich und die katholischen Schützenvereine müssten sich auch verändern, so die Erkenntnis. Die Vereine wollten mehr Spielräume. Die sollen sie auch bekommen.

Die Delegierten werden daher am Sonntag in Leverkusen wohl die Lockerung ihrer Regeln beschließen. Dazu gehört auch, dass die Partner von Homosexuellen nicht mehr beim Festzug hinter dem König gehen müssen, wie im Jahr 2011. Der damalige Schützenkönig hatte den Vogel in Münster-Kinderhaus abgeschossen. Seinen Partner hatte er zur "Schützenkönigin" ernannt. Der BHDS setzte durch, dass der hinter seinem Partner herlaufen musste. Als hätten sie sich ihrer Position noch einmal versichern müssen, beschlossen die Bundesdelegierten 2012 ausdrücklich, dass ein Königspaar aus Mann und Frau bestehen müsse. Auch das soll am Sonntag gekippt werden. Geregelt werden soll auch der Umgang mit Schützenbrüdern, die aus der Kirche ausgetreten sind. 

Ein "Absegnen der Wirklichkeit"

Für die Vereine, die bisher streng nach Vorgaben lebten, muss das revolutionär sein. Für Gesellschaften wie in Sönnern mit der Vorliebe für rheinische Lösungen - wie Vogt das nennt -  "ist das das Absegnen der Lebenswirklichkeit". Was die Bruderschaften aus ihren neuen Freiheiten machen, bleibt ihnen überlassen.

Für Mithat Gedik sind diese Veränderungen "bitter notwendig", wie er sagt. Aber dass gerade er Auslöser für den ganzen Prozess war, hätte nicht unbedingt sein müssen. Doch damals habe das ganze Dorf hinter ihm gestanden - das nimmt ihm niemand mehr.

Von Elke Silberer (dpa)