Das Hashtag #churchtoo
Bild: © katholisch.de
Hunderte Tweets schildern Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt in der Kirche

#churchtoo: Hashtag dokumentiert Übergriffe in der Kirche

Seit Wochen schildern Frauen sexuelle Übergriffe auf Twitter – nun widmet sich eine Hashtag-Aktion Übergriffen, die in Kirchen und Gemeinden stattgefunden haben – es sind Tausende.

Bonn - 22.11.2017

Unter dem Schlagwort #churchtoo ("auch in der Kirche") dokumentieren derzeit Hunderte Frauen auf Twitter ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt in Kirchen Nach dem Vorbild des Hashtags #metoo ("ich auch"), unter dem Betroffene von Übergriffen bereits seit Wochen ihre Geschichte erzählen, dokumentiert die Aktion, was Frauen vor allem in US-amerikanischen Kirchen erlebt haben.

Der erste Tweet mit dem Hashtag #ChurchToo wurde am Dienstag von der Autorin Hannah Paasch abgesetzt, die sich selbst mittlerweile von der Kirche abgewendet hat. "Biblische Bilder kommen mir in den Sinn", schreibt sie auf Twitter, "Worte, die mir einmal viel bedeutet haben." Sie zitiert etwa eine Stelle aus dem Lukas-Evangelium: "Es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar wird, und nichts Geheimes, das nicht bekannt wird und an den Tag kommt."

Mitte Oktober hatte die US-Schauspielerin Alyssa Milano Frauen aufgefordert, unter dem Hashtag #meetoo ("ich auch") von Erfahrungen mit Übergriffen zu berichten, um zu zeigen, wie verbreitet sexualisierte Gewalt in der Gesellschaft ist. Millionen Frauen beteiligen sich bis heute daran. Auch der Hashtag #churchtoo wurde schnell aufgegriffen; mittlerweile sind mehrere Tausend Tweets unter dem Hashtag online.

Übergriffe und Vergewaltigungen werden geschildert

In den Tweets wird von Übergriffen und Vergewaltigungen berichtet, aber auch von Machtmissbrauch und ungleicher Behandlung. Viele der Berichte thematisieren, dass von Frauen und Mädchen sexuelle "Reinheit" erwartet wird. Sie kritisieren, dass auch Opfer von Übergriffen so dargestellt werden, als wären sie selbst daran schuld.

Die Wiener Pastoraltheologin Judith Klaiber bezeichnet gegenüber katholisch.de die unter #churchtoo gesammelten Erfahrungen als Chance: "Wenn sie Gegenstand eines reflektierten Austauschs werden und sich zu einem institutionsethischen Diskurs ausweiten", könnten die Berichte dazu beitragen, solche Vorfälle in der Kirche zu verhindern. Dass auch in der Kirche eine derartige Fülle von Übergriffen geschieht, wundert Klaiber nicht: "Patriarchale und hierarchische Systeme, die mit 'göttlicher Legitimierung' agieren" können anfällig für Strukturen sein, die Missbrauch und die Bildung einer "toxisch-heiligen Männlichkeit" begünstigen, so die Theologin, die sich mit interdisziplinärer Werteforschung befasst. Klaiber hofft darauf, dass die #churchtoo-Tweets auch dazu beitragen, eine politische Theologie zu stärken, die sich für gesellschaftliche Solidarisierung mit Opfern von Übergriffen stark macht. (fxn)