Der Münchner Kardinal Reinhard Marx hat mit Gerüchten aufgeräumt, wonach er nach Rom gehen könnte. "Vergessen Sie es, das steht überhaupt nicht zur Debatte", sagte Marx im Interview des "Münchner Merkur" (Mittwoch). Überhaupt gebe es für ihn nichts Schöneres, als Erzbischof von München und Freising zu sein. Ausdrücklich aber ermutigte Marx alle, Papst Franziskus bei der Ausübung "seines für uns so wichtigen Amtes" zu unterstützen. Er selbst, der unter anderem als Papst-Berater fungiert, tue dies von München aus.
Seine unterschiedlichen Aufgaben, etwa auch als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft, sieht Marx positiv. Sie ermöglichten ihm, die Erfahrungen, "die wir als Kirche in Bayern und Deutschland machen", auch auf anderer Ebene einzubringen. Bei der Familiensynode sei dies, so hoffe er jedenfalls, gut gelungen.
Als Bischof und Kardinal denke er immer auch weltkirchlich, und er sei eingebunden in eine besondere Loyalität dem Papst gegenüber. "Das ist unabhängig davon, ob ich nun in Rom in einem Gremium sitze oder nicht", betonte Marx. – Vatikankenner weisen darauf hin, dass der 76-jährige Kardinal George Pell möglicherweise nicht mehr an seinen Posten als Leiter des vatikanischen Wirtschaftssekretariat zurückkehrt. Für die Dauer eines Prozesses in Australien mit Verdacht auf Missbrauch wurde Pell vom Papst von seinen Aufgaben als vatikanischer Finanzminister freigestellt.
Marx über München: "Hier bleibe ich, und hier sterbe ich"
In dem Interview sagte Marx weiter, er werde im Ruhestand "niemals" in seine Heimatstadt Geseke zurückkehren. "Erstens bin ich dann zu alt, und zum anderen bin ich jetzt in München daheim. Hier bleibe ich, und hier sterbe ich", sagte der aus Westfalen stammende 64-Jährige. Sein Grab werde dann in der Frauenkirche sein, und so sei es auch gut, so Marx. "Ich glaube, ich muss mein Schicksal wirklich nicht beklagen, wenn ich mein Leben hier beenden kann."
Kardinal Reinhard Marx ist auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft.
Zehn Jahre ist es her, dass Papst Benedikt XVI. im November 2007 Marx zum Erzbischof von München und Freising ernannte. Die Mentalität im bayerischen Kernland habe er nicht als fremd wahrgenommen, sagte der Kardinal. "Dem Leben zugewandt, traditionsbewusst, eine kräftige Mahlzeit nicht verachtend, den Festen und der Freude zugetan - das sind die Westfalen in meiner Gegend auch."
Kirche müsse vor Ort erlebbar bleiben
Nach den Worten des Kardinals muss die Kirche vor Ort erlebbar bleiben. "Wir wollen und müssen da sein, wo Menschen uns brauchen", sagte er. Nur die Zahl der Priester als Orientierungswert für die Anzahl der Seelsorgeeinheiten zu nehmen, sei zu kurz gedacht. Man könne Pfarrverbände nicht immer weiter beliebig vergrößern.
Das von Marx für sein Erzbistum angekündigte Projekt, neue Modelle in der Gemeindeleitung auszuprobieren, sei noch auf dem Weg. In jeder der drei Regionen soll ein solches Leitungsmodell getestet werden. "Wir wollten schneller sein und waren wohl etwas zu optimistisch", räumte der Kardinal ein. Ziel sei dabei aber nicht, eine Art Meta-Plan am grünen Tisch zu entwickeln: "Ich möchte auf Sicht fahren, Schritt für Schritt vorangehen und auch experimentieren."
Ich finde ohnehin, dass heutzutage nicht mehr in einem autoritären Stil durchregiert werden sollte.
— Kardinal Marx über die Rolle der Priester
Der Start soll nun nach den Worten des Erzbischofs im kommenden Frühjahr sein. Für die Teams aus Haupt- und Ehrenamtlichen brauche man die richtigen Leute, einschließlich eines Priesters, die sich auf diese Form einer gemeinschaftlichen Leitung einließen. Auf die Rolle des Priesters angesprochen meinte Marx, dass es viele Aufgaben gebe, die täglich organisiert und geleistet werden müssten, für die dieser nicht zwingend der Chef sein müsse.
Überprüfung der Sprache der Kirche sei nötig
"Ich finde ohnehin, dass heutzutage nicht mehr in einem autoritären Stil durchregiert werden sollte. So nach dem Motto: Einer muss das Sagen haben, die anderen knallen die Hacken zusammen und gehorchen", sagte Marx. Moderne Leitung bestehe darin, die Begabungen der Menschen zusammenzuführen und sie nicht lediglich zu ausführenden Organen der eigenen Ideen zu machen.
Für die kommenden zehn Jahre gelte es für die Erzdiözese zu überlegen, wie die Verlebendigung der Pfarrverbände weiterentwickelt werden könne, gab der Kardinal zu bedenken. Auch müsse die Sprache überprüft werden, damit die Menschen verstünden, "was wir eigentlich mit unserem Glauben sagen wollen". Es gebe ein wachsendes Unverständnis.
Linktipp: "Europamüdigkeit" gab Populisten Auftrieb
Kardinal Reinhard Marx beklagt eine Akzeptanzschwäche für die europäische Idee. Entschieden wendet er sich gegen eine Rückkehr zum souveränen Nationalstaat und kritisiert Populisten, die das fordern.
Zum ArtikelDennoch habe er um die Zukunft des Glaubens und des Evangeliums keine Angst, da es sich um eine starke Botschaft handle, so Marx. Er räumte allerdings ein, dass ihn die Auseinandersetzungen etwa wegen der Missbrauchskrise und der dadurch verursachte Verluste an Glaubwürdigkeit ihn bis heute mehr Nerven und Kraft kosteten als die verschiedenen Ämter, die er wahrnehme.
Marx sieht neue Bereitschaft für Auseinandersetzung mit Glauben
Nach den Worten des Kardinals ist es heute eine Herausforderung, sich als Christ zu fragen, was der Glaube für einen bedeute. Das Christentum dürfe nicht zu einem Kulturphänomen abrutschen. Vielmehr sei es der "existenzielle Grund meiner Hoffnung, meines Lebenshorizontes", betonte Marx. Die Gelegenheit sei deshalb seiner Ansicht nach günstig, das heute zur Sprache zu bringen.
Auf die Frage, ob Christen Mitglied in der AfD sein könnten, sagte Marx, jeder müsse seine politischen Entscheidungen selbst treffen. "Aber er muss als katholischer Christ seine Entscheidung auch messen lassen an den Grundsätzen der Katholischen Soziallehre und des Evangeliums." Schwierig werde es da, wo Missachtung von Minderheiten oder Fremden, eine hetzerische Sprache oder ein übersteigerter Nationalismus zutage träten. "Das sollte einem Christen klar sein."
Der Kardinal kündigte an, sich auch künftig politisch zu Wort zu melden, wenn auch die Tagespolitik bis in den letzten Spiegelstrich hinein nicht Sache des Bischofs sei. "Die Nähe von Parteien zur Kirche bestimme aber nicht ich, sondern die Parteien selbst mit ihrem Programm und mit ihren Äußerungen."
Christen seien indes aufgerufen, sich in die Politik einzumischen, sagte Marx. Die Katholische Soziallehre sei Verpflichtung für ihn als Bischof, sie gehöre zum Auftrag der Verkündigung. Frömmigkeit und politisches sowie caritatives Engagement seien nicht gegeneinanderzustellen, "sondern aus unserer Spiritualität erwächst unser Einsatz in Wort und Tat für die Armen und Schwachen". (luk/KNA)