Ein satirischer Jahres- und Wochenrückblick von Alexander Brüggemann

Abschalten, bitte!

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Bild: katholisch.de/pathdoc/Fotolia.com

Niemand ist so schlecht wie sein Ruf - und niemand so gut wie sein Nachruf. So ist es vielleicht auch mit dem Jahr 2017. Gedroht hatte uns das erste komplett postfaktische Jahr der jüngeren Menschheitsgeschichte. Die Herrschaft der Bots; die Machtübernahmen von Marine Le Pen und Frauke Petry; der Zerfall der EU. Am Ende sind es doch Macron und Merkel geworden, zumindest vorerst; die beiden anderen Mädels sind weg vom Fenster. Und die Briten wissen immer noch nicht, wie sie unfallfrei aus Europa aussteigen können.

Aber ganz so toll gelaufen ist die Sache dann doch auch nicht. Ein Trumpel walzt alle mühsamen Errungenschaften des Multilateralismus nieder, zerrupft die Unesco und das noch zarte internationale Vertrauen in eine gemeinsame globale Klimapolitik. Legt Lunte an den endlich gerade mal erlahmten Nahost-Konflikt und befeuert Rassismus im eigenen Land. America first. Russland first. Bayern first. England first. Und Ungarn auch. So wird das nix.

Wie wäre es mit dem Videoassistenten für politische Misstritte? Wenn der Trumpel sich mal wieder vordrängelt oder seine Frau öffentlich abbügelt? Die WM in Russland wäre doch ein ideales Spielfeld zur Einführung eines Weltungerechtigkeits-Tools. Fragt sich nur, wen man in den Katakomben vor den Fernseher setzt: Gerhard Schröder? Claudia Roth? Bono? Rodrigo Duterte? Oder vielleicht Witalij Mutko? Der hätte immerhin Zeit. Der im Dopingskandal bedrängte WM-Cheforganisator hat kurz vor dem Turnier in dieser Woche das Handtuch geworfen.

Auch in einem anderen Zirkus gingen die Lichter aus: In Disneyland, dem  kalifornischen Stromfresser vor den Toren von Los Angeles, fiel ein Trafo aus. Ein Besucher, der 20 Minuten in der "Fluch der Karibik"- Geisterbahn steckenblieb: "Das ist eine Riesenenttäuschung. Dies hier war ein Geschenk meiner Mutter für uns alle." Kein Strom im vergnügten Amerika - und das bei Festtags-Ticketpreisen von über 100 Euro. Respekt.

Und noch ein ausgefallenes Vergnügen: In Frankreich wurde das Kino erfunden – und auch die strikte Trennung von Staat und Kirche. Beides stammt aus ziemlich genau derselben Zeit. Zu Weihnachten begab sich nun dort, dass eine Schülervorstellung des US-Animationsfilms "Bo und der Weihnachtsstern" mitten im Film abgebrochen wurde. Den Lehrkräften war aufgegangen, dass die Geschichte vom Esel an der Krippe tatsächlich von Weihnachten handelte – und somit nicht mit den Grundsätzen des Laizismus vereinbar war. Die 83 Schüler im 7.500-Einwohner-Städtchen Landon in der Gironde erlebten also ihr Weihnachtswunder anders: Sie mussten nämlich weggehen von der Krippe, nach Hause.

Und was war noch? Der Vatikan sieht Papst Franziskus durch mediale Verdrehungen "postfaktisch verzerrt"; man jubele ihm Skandal, Radikalität und personelle Ungnädigkeit unter, um an Aufmerksamkeit zu kommen. Und: "Erdogan hofft auf bessere Beziehungen zu Deutschland" – das heißt wohl in seinem Jargon: ohne vermeintliche "Nazi-Methoden" der anderen… Wie heißt es doch in einer kölnischen Karnevalslieder-Sammlung von 1828: "Möge die Narrheit weiter florieren! Denn die Weisheit, wie es scheint, will doch nicht kommen."

Alexander Brüggemann

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