Ein satirischer Wochenrückblick von Alexander Brüggemann

Wurst Marsch!

Wurst Marsch!
Bild: katholisch.de/pathdoc/Fotolia.com

Nur noch wenige Tage, dann darf sich Papst Franziskus zu den traditionellen Fastenexerzitien zurückziehen. Dürfte gut tun nach dem ungewohnten Gegenwind von Missbrauchsvorwürfen und Indigenen-Kritik bei seiner jüngsten Chile-Reise. Doch noch vor dem Fasten flattert eine Einladung aus dem calvinistischen Zürich ins Haus: zu einem ökumenischen Wurstessen mit katholischer Prominenz. An der Feier nehmen auch der Zürcher Generalvikar Josef Annen und Urban Federer, Abt von Einsiedeln, teil. Gemeinsam knüpft man an das Wurstessen vor 500 Jahren im Haus des Buchdruckers Christoffel Froschauer an.

Im reformierten Zürcher Großmünster gibt es zunächst eine volkstümliche Jodelmesse. Danach werden Würste serviert – aber nicht irgendwelche. Die Wurstauswahl orientiere sich an der "Biographieachse" des Reformators Huldrych Zwingli (1484-1531); es sei gelungen, dass alle Orte, wo Zwingli einmal war, ihre Wurst beitragen, sagt Großmünster-Pfarrer Christoph Sigrist stolz. Und er selbst werde "den Senf beitragen". Zur Beruhigung: Selbstverständlich werde niemand gezwungen, eine Wurst zu essen. Es gebe auch ein Angebot für Vegetarier und Veganer. Puh.

Und wer sich jetzt immer noch fragt, was das Ganze soll: Bei dem Wurstessen am 9. März 1522 im Hause Froschauer hatten Zürcher Persönlichkeiten – echt reformatorisch - ostentativ das katholische Fastengebot gebrochen. Damit sei etwas Ähnliches geschehen wie mit Martin Luthers Thesenanschlag in Wittenberg fünf Jahre zuvor: Beide Aktionen wollten ein "kritisches Potential" öffentlich machen, so die Veranstalter. Wurst Marsch also!

Unterdessen will in Deutschland die Empörungskultur einfach nicht kleiner werden: Darf die Mohrenapotheke Mohrenapotheke heißen? Darf man überhaupt noch Woody-Allen-Filme zeigen? Abgastests an finanzklammen, aber doch einwilligungsfähigen Studenten. Und: das Klonen von Affen! Der Yellow-Press-Philosoph Franz Josef Wagner schreibt in seiner Frühstückspausen-Kolumne: "Liebe Affen, seid froh, dass ihr keine Menschen seid. Ihr habt nichts erfunden, aber auch nichts vernichtet. Ihr habt keinen Mozart hervorgebracht, aber auch keine Atombombe. Ihr Affen gehört keiner Partei an, keiner Kirche, keiner Gewerkschaft, keinem börsennotierten Konzern. (…) Der Affe fliegt nicht nach Mallorca. Er wohnt nicht in Wolkenkratzern. Der Affe ist ein vorbildliches Wesen im Universum. Wir Menschen sind es nicht."

Und wer das immer noch nicht glaubt, der schaue in französische Supermärkte, wo in den vergangenen Tagen regelrechte Rabattschlachten stattfanden: Tumulte und Schlägereien unter den Kunden wie einst im gallischen Dorf... Die Kette "Intermarché" hatte Nutella-, Windel- und Kaffeepreise auf Ramschniveau gesetzt. Nun ermittelt die Wettbewerbsbehörde; laut Gesetz dürfen Waren nicht unter Einkaufspreis verkauft werden. Die Augen der Kunden sind einstweilen trotzdem blau gehauen. Homo homini simia - Der Mensch ist dem Menschen ein Affe, kein Mensch. Zumindest solange, als man sich nicht kennt. Fasten wir doch alle auf Nutella.

Alexander Brüggemann