Das Evangelium ist keine Geschichte der Vergangenheit, vielmehr lebendige, gegenwärtige Offenbarung, die uns den Sinn dessen enthüllt, was sich vor unseren Augen ereignet. Jesus wird sozusagen unser Zeitgenosse, und das Evangelium macht uns darauf aufmerksam, was sich heute zwischen ihm und uns ereignet.
Die Passion beginnt also: Sie setzt im Jahr 2014 die gleichen Rollen und die gleichen Mitspieler ein wie damals. Da sind zunächst die Millionen und Abermillionen von Gleichgültigen und Feigen, die sich nicht rühren, solange nur die anderen geschlagen werden, die es geschehen lassen, ohne die aber all das nicht möglich wäre, wenn sich die Bosheit einiger weniger eben nicht auf die Feigheit vieler verlassen könnte.
Von Ausreißern und Untertauchern
Dann sind da die Ausreißer und Untertaucher, die in den schwierigen Momenten, wie der Apostel Petrus, "diesen Menschen nicht mehr kennen". Sie waren begeistert von Jesu Wundern, fanden das alles "außergewöhnlich", erfreuten sich an festlichen Prozessionen wie dem Triumphzug des Palmsonntags. Jetzt aber, da es schief geht und gefährlich wird, haben sie nichts mehr mit ihm zu tun, verhalten sich so, als ob sie ihn nie gekannt hätten.
Freundebuch: Bischof Algermissen, Fulda
Für die katholisch.de-Serie "Freundebuch" hat uns Heinz Josef Algermissen einen Einblick in sein Leben gewährt.
Sarah Schortemeyer und Saskia GamradtAn Henkern fehlt es wohl auch nicht. Es sind immer die gleichen Typen: der armselige Rohling mit seiner Geißel, seinen Elektroschocks, seiner Gehirnwäsche; der Funktionär mit seinem Parteiprogramm; der Gaffer mit seiner Neugier. Sie alle sind da: wichtigtuerisch und kläglich, Rechner und Nörgler, Angeber und Feiglinge, unwissend und herrisch. Und einige sicher auch mit dem Blick der Liebe, der Barmherzigkeit, des Mitleids.
Vom Dunkel ins österliche Licht
Die Rollen werden verteilt. Jeder wird seine Rolle haben. Also: Wer wird Veronika, wer Simon von Cyrene, wer wird Petrus und wer Judas sein? Das Evangelium mutet uns diese Tragödie zu und hat die Namen der Mitwirkenden genannt. Es gilt nun, Anteil zu nehmen und zu wählen. Irgendwo auf dem Weg zwischen Palmsonntag , Karfreitag und Ostern befindet sich jeder von uns.
Wichtig ist, die Haltungen der Menschen am Kreuzweg und sich selbst mitten unter ihnen zu entdecken. Gelingt das, kommen wir durch Erkenntnis zur persönlichen Läuterung und Buße, wird uns im Dunkel des Karfreitags die "Erwartung" des österlichen Lichtes geschenkt.
Der Autor
Heinz Josef Algermissen (*1943) ist seit 2001 Bischof von Fulda. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz und Mitglied der Liturgiekommission.