Pilger während der Heiligtumsfahrt 2007 im Aachener Dom.
In Aachen beginnt heute die Heiligtumsfahrt 2014

Auf Tuchfühlung mit Gott

Bistum Aachen - Eigentlich geht es nur um einige Stücke Stoff, deren Echtheit noch nicht einmal geklärt ist. Und doch können die Organisatoren der Aachener Heiligtumsfahrt, die heute Abend feierlich eröffnet wird, mit bis zu 100.000 Besuchern rechnen. Sie kommen, um zehn Tage lang Reliquien zu verehren, die sonst verborgen in einem Schrein im Aachener Dom aufbewahrt werden: Das Kleid Mariens aus der Heiligen Nacht, zwei Windeln Jesu, das Lendentuch seiner Kreuzigung und das Enthauptungstuch Johannes des Täufers.

Aachen - 20.06.2014

Was macht die Faszination dieser Wollstücke aus? Für den Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff zählt der Symbolcharakter: "Die Windeln Jesu und sein Lendentuch als sein erstes und sein letztes Kleid - das umfasst symbolisch das ganze Leben", erklärt er. Dass sich die Echtheit der Reliquien nicht nachweisen lässt, ist für Mussinghoff zweitrangig: Die Stoffe würden seit Jahrhunderten verehrt und schafften eine geistliche und emotionale Verbindung zu Jesus, Maria und Johannes dem Täufer, wodurch der Glaube gestärkt werde: "Gott tritt in Tuchfühlung mit uns - und wir treten mit Gott in Berührung".

Ähnlich hat es auch schon sein Vorgänger Klaus Hemmerle gesehen. In den kleinen Stofftücken werde das ungeheure Fanal des großen Gottes sichtbar, erklärte der von 1975 bis 1994 amtierende Bischof einst. Gott wolle "sich anfassen lassen, sich kompromittieren lassen, verkannt werden, leer werden, sich in kleine Fetzen Stoff kleiden lassen, damit wir Menschen ihn anrühren können". Mussinghoff hat schon erlebt, dass ein Mann mit dem Taufkleid seines Kindes kam, mit der Bitte, damit die Windel Jesu zu berühren.

Erfolgreicher Sieben-Jahres-Rhythmus

Zum Erfolg der Heiligtumsfahrt dürfte auch der Sieben-Jahres-Rhythmus beigetragen haben, der seit 1349 nahezu ohne Unterbrechung durchgehalten und zu einem typischen Kennzeichen der Wallfahrt wurde. Schon im 15. Jahrhundert strömten an jedem einzelnen Wallfahrtstag rund 100.000 Besucher in die damals 10.000 Einwohner zählende Stadt. Doch in der jüngeren Vergangenheit hat die Veranstaltung mit zurückgehenden Pilgerzahlen zu kämpfen. Rund eine Millionen Besucher kamen noch im Jahr 1937, als die Teilnahme auch als stiller Protest gegen die Herrschaft der Nationalsozialisten zu verstehen war. Seit dem Zweiten Weltkrieg gingen die Pilgerzahlen dann jedoch deutlich zurück.

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Video: © Björn Odendahl

Aachens Bischof Heinrich Mussinghoff über Reliquien und die Heiligtumsfahrt 2014

Dabei bietet sich den Gläubigen ein reiches und ausgewogenes Programm. Gebete und Gottesdienste strukturieren den Tag. Angefangen mit einem Morgenlob um 7 Uhr im Dom über einen Pilgergottesdienst um 11 Uhr auf dem benachbarten Katschhof bis zur Komplet um 22 Uhr. Die vier Heiligtümer sind im Dom ausgestellt und können bei einem Rundgang verehrt werden.

Dazu kommt ein pralles kulturelles Rahmenprogramm: Ein Musical und eine dreigeteilte Ausstellung mit dem Titel "Macht Kunst Schätze" beschäftigen sich mit Karl dem Großen, der vor 1.200 Jahren gestorben ist. Jeden Nachmittag und Abend gibt es außerdem auf der Hofbühne Musik oder Theater - angefangen mit der Band "Rolling Bones" bis zum Gospel-Chor "Joyful Spririt". Im Rahmen der Heiligtumsfahrt machen zudem katholische Hilfswerke auf das Schicksal von Flüchtlingen aufmerksam, Langzeitarbeitslose zeigen sich und ihre Situation in einer Fotoausstellung.

Ein zerbrochener Schlüssel

Junge Leute dürfte die "Nacht der Jugend" (28./29. Juni) besonders ansprechen. Hier heißt es mit Kurzfilmen, Klettern und Tanzen Durchmachen bis zum abschließenden Gottesdienst im Dom am Sonntag um fünf Uhr morgens. Wer möchte, kann sich zu jeder Tageszeit beim Geocaching auf eine digitale Schatzsuche auf den Spuren der Aachener Stoffreliquien begeben. Teil der Wallfahrt sind auch mehrere Krankengottesdienste und Fahrradwallfahrten. Welche besondere Akzente jeder einzelne Wallfahrtstag setzt und was jeweils geboten wird, ist auf der eigenen Internetseite zur Heiligtumsfahrt aufgelistet.

Zum Ende der Feierlichkeiten werden die Reliquien am 30. Juni wieder im Schrein verstaut. Und dann sind sie sieben Jahre lang definitiv nicht mehr zu sehen. Denn das Schloss am Marienschrein wird mit Blei ausgegossen, der Schlüssel in zwei Teile zerbrochen, eine Hälfte den Kirchen- und die anderen den Stadtvätern übergeben. Sicher ist sicher - auch wenn es sich "nur" um einige Stücke Stoff handelt. (mit Material von KNA)

Von Gabriele Höfling