Sankt Martin auf einem Schimmel, dunkler Nachthimmel, Laternen
Religionswissenschaftler Hauschild über die heutige Bedeutung des heiligen Martin

Wettstreit der Festtage

Brauchtum - Viele Familien feiern um den 11. November herum mit Laternenumzügen und Aufführungen der Martinsgeschichte den populären katholischen Heiligen. Doch was hat der fromme Martin von Tours aus dem Mittelalter uns heute noch zu sagen? Der Religionswissenschaftler und Ethnologe Thomas Hauschild findet, der Tag sei wichtig genug, um ihn vor einem möglichen Niedergang zu retten. Doch mit Halloween habe das Fest seit ein paar Jahren "eine überaus starke Konkurrenz".

Halle - 10.11.2014

Frage: Herr Hauschild, was ist an St. Martin so einzigartig?

Hauschild: St. Martin steht in einem Gesamtzusammenhang der Winterfeste. Dazu gehören vor allem Halloween, Nikolaus und Weihnachten. Diese Feste besitzen eine starke Bildhaftigkeit und eine große Gemeinsamkeit: Es geht ums Teilen.

Frage: St. Martin wird aber auch beschrieben als Soldat, Eremit, Bischof, Wundertäter...

Hauschild: Ja, in der Legende. In der historischen Wirklichkeit verschwimmen die Konturen. Aber die Szene, in der er in grimmiger Winterkälte mit dem Schwert seinen Mantel zerschneidet, um die Hälfte einem frierenden Bettler zu schenken, ist wirklich einzigartig. Es ist das Wunder des Teilens in der Kälte. Und das Wunder, dass ein Angehöriger der Oberschicht etwas mit einem Angehörigen der Unterschicht teilt.

Frage: Was hat St. Martin uns heute noch zu sagen?

Hauschild: Dass es auch heute sehr wohl auch noch Wunder geben kann. Es geht um christliche Barmherzigkeit. Man sollte dabei aber nicht gleich an christlichen Sozialismus denken.

Frage: Wie sehen Sie die Rolle der Kirchen?

Hauschild: Die Kirchen sind gefordert, sich den Konsequenzen zu stellen, die daraus entstehen, dass in Deutschland nur noch 34,9 Prozent der Kinder über fünf Jahre christlich sind. Ob St. Martin unter solchen Umständen ein rein christliches Fest bleiben kann, steht für mich sehr infrage. Mit Halloween hat es seit ein paar Jahren eine überaus starke Konkurrenz. Entweder wird das Martinsfest jetzt kulturell aufgeladen oder es wird langsam verschwinden.

Frage: Wäre das für Sie sehr schade?

Hauschild: Ja, denn alle diese Winterfeste sind prägend für die nächsten Generationen. Dieses Brauchtum prägt unsere Kinder. Deshalb darf man das Martinsfest auch nicht veralbern.

Frage: Zuletzt gab es Kritik, es grenze muslimische Kinder aus.

Hauschild: Islamische Verbände haben gleich darauf hingewiesen, dass die Idee des Teilens auch für muslimische Kinder wichtig ist. Trotzdem könnten die christlichen Kirchen durchaus noch etwas mehr tun. Die nächsten Winteropfer drohen jetzt in der Weltgegend, aus der unser Christentum ursprünglich stammt: In Nordsyrien und im Nordirak gibt es zwar nicht so viel Schnee wie bei uns, aber sehr viel Regen. Viele Bürgerkriegsflüchtlinge werden dort bald an der Kälte sterben.

Frage: St. Martin als Retter im Osten?

Hauschild: Ich fände es eine gute Idee, wenn die Kirchen den Martinstag zum Anlass für eine große Spendenaktion nehmen würden: Der christliche Westen hilft dem muslimischen Osten.

Das Interview führte Josef Nyary (dpa)

Zur Person

Professor Thomas Hauschild, geboren 1955, hat Völkerkunde, Volkskunde und Religionswissenschaft studiert und lehrt seit 1992 Soziale und Kulturelle Anthropologie an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg. Er ist Autor des Buches "Woher kommt der Weihnachtsmann? Eine wissenschaftliche Detektivgeschichte".