Kolumne: Unterwegs zur Seele

Erlösung – was meint das?

Aktualisiert am 19.12.2018  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Wir sprechen von "Erlösung", wenn jemand nach langer Krankheit stirbt. Jesus hat durch seinen Tod am Kreuz alle Menschen erlöst. Doch Erlösung ist nicht etwas Jenseitiges. Sie ist auch im Diesseits möglich, schreibt Brigitte Haertel in der Kolumne "Unterwegs zur Seele".

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"Am Ende war es eine Erlösung", so drücken wir es aus, wenn ein Mensch nach langem Leiden stirbt. Erlösung meint aber auch Entlastung, eine Entlastung, die auch Raum schafft für Neues. Im christlichen Verständnis fasst der Begriff Erlösung zusammen, dass alle Menschen durch Jesus Christus befreit wurden von Gottesferne und Tod. Doch wie sollen wir das wirklich verstehen?

Die Evangelien beschreiben diese "Heilung" unseres verwundeten Menschseins in unterschiedlichen Facetten: Vergebung der Sünden, Versöhnung des Menschen mit Gott (Röm 5,11; 1 Joh 2,2), Befreiung und Rettung (Röm 5,9; Kol 1,13), Heilung (1 Thess 4,3 u.7), Gemeinschaft und Frieden mit Gott und den Menschen (1 Kor 1,9).

All das sind Früchte der Erlösung, die uns Jesus Christus verheißt. Vor allem aber: Wir können sie jetzt schon ernten, wenn wir umkehren, wenn wir glauben.

Christliche Mystik sagt, die Seele könne schon in diesem Leben die Gegenwart und das Wesen Gottes erfahren. Viele Heilige beschreiben etwas von diesem erstaunlichen Gefühl, das sie in der Hingabe an Gott erleben durften: als etwas radikal Befreiendes, Lichtvolles, also als etwas Erlösendes.

Die große Benediktinerin und Seherin Hildegard von Bingen beschrieb es so: "Das Licht, das ich schaue, ist nicht an den Raum gebunden. Es ist viel lichter als eine Wolke, die die Sonne in sich trägt. Und immer, wenn ich das sehe, werden alle Traurigkeit und alle Ängste von mir genommen."

Ist Hingabe also der Schlüssel für Erlösung, vielleicht nicht nur im Leben, sondern auch im Sterben? In Jesu Auferweckung von den Toten gibt Gott ein einmaliges Zeichen: dass Erlösung wahrhaft möglich ist. Jesu Tod am Kreuz ist nicht das Ende, sondern der Anfang, so ließ es in den vergangenen Ostertagen Papst Franziskus verlauten.

„Das Licht, das ich schaue, ist nicht an den Raum gebunden. Es ist viel lichter als eine Wolke, die die Sonne in sich trägt. Und immer, wenn ich das sehe, werden alle Traurigkeit und alle Ängste von mir genommen.“

—  Zitat: Hildegard von Bingen

Aber warum sehnen wir uns schon im Irdischen nach Erlösung? Warum suchen wir sie in der Beziehung zum anderen, in Erfolg und Status und Eskapismus? Was hindert uns langfristig an der so ersehnten Glückseligkeit?

Vielleicht ist es uns nicht bewusst, aber in Wahrheit sehnen wir uns danach, unsere Liebesunfähigkeit zu überwinden, dem großen Doppelgebot Jesu folgen zu können oder auch einem zeitlich näher liegenden Hinweis des Schriftstellers Hermann Hesse: Es ist kein Glück, geliebt zu werden, lieben, das ist Glück. Und Erlösung, könnte man hinzufügen.

Es ist die Angst, die große Gegenspielerin der Liebe, die uns den Zutritt ins Reich der Hingabe und Nächstenliebe so erschwert – und so gesehen gilt die Sehnsucht nach Erlösung auch der Überwindung unserer Ängste: Die Furcht, nicht zu genügen, die Furcht vor Krankheit und Schmerz, Furcht um unsere Kinder, und dann die größte, die unbeschreibliche, die Furcht vor dem Tod.

Der Religionsphilosoph Eugen Biser hat dies verstanden, wenn er das Christentum die "Religion der Angstüberwindung" nennt. In jedem Menschen ist ein heiliger Raum, ein Raum der Stille, in den der Lärm der Welt nicht eindringen kann und in dem Gott wohnt. Dort kann die Angst nicht hinkommen, dort hat sie keine Macht über uns. Dort sind wir erlöst, frei von der bedrückenden und einengenden Angst.

Suchen wir diesen Raum auf, so oft es geht, finden wir dort die Erlösung.

Hinweis: Der Artikel erschien zuerst im "theo"-Magazin.

Die Autorin

Brigitte Haertel ist Redaktionsleiterin von "theo – Das Katholische Magazin".
Von Brigitte Haertel