Schachfigur
Standpunkt

"Liberal versus konservativ" statt "evangelisch versus katholisch"

Simon Linder hat genug vom Warten auf die Einheit der beiden Konfessionen. Er ruft zu einer Revolution in der Ökumene auf – und beobachtet eine neue Konfliktlinie innerhalb des Christentums.

Von Simon Linder |  Bonn - 29.04.2019

Simon Linder bei katholisch.de

Zwei Jahre ist es her, da feierte die evangelische Kirche das Reformationsjubiläum. Manche Katholiken und Katholikinnen konnten sich nicht zur Verwendung dieses Begriffs durchringen, er klang ihnen zu feierlich. Sie sagten: Reformationsgedenken.

Ich kann das nachvollziehen. Auch mich stört, dass unsere Kirchen getrennt sind. Wer aber den Begriff "Reformationsgedenken" verwendet, sollte sich nicht mit der Trennung der Konfessionen zufriedengeben, sondern eine Konsequenz ableiten. Dafür gibt es zwei Optionen.

Die erste ist simpel (aber aus historischer Perspektive Unfug): Die Protestanten sollen endlich aufhören zu protestieren und in die Kirche, die den Anspruch erhebt, allumfassend zu sein, zurückkehren. Die zweite ist komplizierter. Sie verlangt Konfliktbereitschaft innerhalb der eigenen Konfession.

In Ravensburg, einer Stadt in Oberschwaben mit 50.000 Einwohner, haben sich katholische und evangelische Gemeinden gegenseitig zu Kommunion und Abendmahl eingeladen. Was passierte dann? Der zuständige Bischof Gebhard Fürst erwirkte eine Rücknahme der Erklärung von katholischer Seite. Er hatte keine andere Wahl, weil er als Bischof auf die Einhaltung des Kirchenrechts pochen muss, auch wenn er weiß, dass die Realität vor Ort eine andere ist. Sie darf eben nicht schriftlich festgehalten werden.

Aber mal angenommen, in vielleicht hundert Städten in ganz Deutschland würden Verantwortungsträger katholischer und evangelischer Gemeinden gemeinsam eine solche Erklärung verabschieden. Was würde dann passieren?

Während meines Studiums nahm ich ein Semester lang am "Ökumenischen Gesprächskreis" teil. Katholische und evangelische Theologie-Studierende diskutierten dort theologische Fragestellungen. Bei nahezu jeder Diskussion gab es eine klare Front – aber sie verlief nicht zwischen Katholiken und Protestanten. Auch wenn es unmodern geworden ist, die unterschiedlichen Richtungen innerhalb der Konfessionen so zu benennen: Ich würde sagen, die Trennungslinie lief zwischen den Liberalen beider Seiten und den Konservativen beider Seiten.

Wir sind uns näher, als wir denken.

Von Simon Linder

Der Autor

Simon Linder hat Katholische Theologie und Allgemeine Rhetorik studiert und arbeitet an einem wissenschaftlichen Forschungsprojekt zum Thema "Streitkultur".

Hinweis

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