Die Verklärung Christi
Schwester Ursula Hertewich über das Sonntagsevangelium

Gott gaukelt uns nichts vor!

Schwester Ursula Hertewich ist fast schon neidisch auf Petrus und seine Begleiter, die Jesus in innigster Verbindung mit seinem himmlischen Vater erleben dürfen. Denn auch sie wird immer wieder von der Sehnsucht ergriffen, Jesus als den Sohn Gottes zu erfahren.

Von Sr. M. Ursula Hertewich OP |  Bonn - 16.03.2019

Impuls von Schwester Ursula Hertewich

"Was auch immer die da oben auf dem Berg geraucht haben, das Zeug hat eingeschlagen wie eine Bombe!" Klar, diese "Kurzauslegung" eines deutschen Comedians ist ziemlich respektlos und wird der Botschaft des heutigen Evangeliums in keiner Weise gerecht – ein breites Grinsen darüber konnte ich mir dennoch nicht verkneifen. Denn mal ehrlich – Hand aufs Herz – wenn ein aufgeklärter, kritischer Mensch des 21. Jahrhunderts ohne große religiöse Vorbildung die Worte des heutigen Tagesevangeliums liest, sind Gedanken dieser Art da nicht naheliegend? Bewusstseinserweiterung, helles Licht, Ekstase, Verklärung, dann aber auch Dunkelheit, Angst und Stimmenhören – sind all das nicht Phänomene, die mit der Wirkung von sogenannten bewusstseinserweiternden Drogen einhergehen? Die Parallelen sind tatsächlich verblüffend.

"Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht…", heißt es. Ich kann nur von mir sprechen, aber meine Sehnsucht ist groß, inmitten aller Unwägbarkeiten dem tragenden Grund meines Lebens auf die Spur zu kommen. Meine Sehnsucht ist groß, Personen und Ereignisse im klaren Licht sehen zu dürfen, wenn so Vieles den Blick auf die dahinterliegende Wahrheit verdunkelt. Und die Sehnsucht, immer tiefer erkennen zu dürfen, was es bedeutet, dass dieser Jesus von Nazareth tatsächlich der auserwählte Sohn Gottes ist, bewegt mich, seit ich denken kann. Über den manchmal nur schwer erträglichen Schmerz des Abgrunds zwischen dem "schon ahnen" und dem "noch nicht wissen" kann ich viel erzählen. Je größer die Sehnsucht, umso größer ist auch die Versuchung, in der zuweilen trostlosen Nüchternheit des Alltags auf welche Weise auch immer Erfahrungen von Erfüllung produzieren zu wollen.

Fast könnte man neidisch werden: Petrus, Jakobus und Johannes wird die Erfüllung dieser Ur-Sehnsüchte auf dem Berg der Verklärung quasi im Schlaf geschenkt. Sie müssen nichts dafür tun, dass sie Jesus ins rechte Licht gerückt sehen dürfen – es geschieht einfach. Und nicht nur das: Sie werden zu Zeugen im Augenblick innigster Verbundenheit Jesu mit seinem himmlischen Vater und dürfen seine Wahrheit erkennen. Verständlich, dass Petrus hingerissen ist und diesen Zustand am liebsten konservieren will für die Ewigkeit: "Meister, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija..." Doch er hat es noch nicht zu Ende gesprochen, als sich das Szenario wandelt: Von der Wolke überschattet, weicht die Seligkeit der Furcht, so dass selbst Petrus verstummt. Ungeachtet aller Sehnsucht nach Geborgenheit gibt es ein Zuviel an Gottesnähe, welches zumindest in unserem irdischen Leben überfordernd ist und Unbehagen stiftet…

Nein, Drogen, bewusstseinserweiternde Substanzen waren garantiert nicht im Spiel auf dem Berg der Verklärung. Gott selbst war im Spiel, und er ist es bis heute. Er führt uns nicht in die Entfremdung, er gaukelt uns nichts vor, er offenbart uns unsere tiefste Würde: Mit Petrus, Jakobus und Johannes sind auch wir existentiell hineingenommen das innergöttliche Liebesgeschehen, und mit den Jüngern sind auch wir eingeladen, seiner Stimme Gehör zu schenken: Das ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören!

Von Sr. M. Ursula Hertewich OP

Evangelium nach Lukas (Lk 9,28b-36)

In jener Zeit nahm Jesus Petrus, Johannes und Jakobus beiseite und stieg mit ihnen auf einen Berg, um zu beten. Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes, und sein Gewand wurde leuchtend weiß. Und plötzlich redeten zwei Männer mit ihm. Es waren Mose und Elija; sie erschienen in strahlendem Licht und sprachen von seinem Ende, das sich in Jerusalem erfüllen sollte.

Petrus und seine Begleiter aber waren eingeschlafen, wurden jedoch wach und sahen Jesus in strahlendem Licht und die zwei Männer, die bei ihm standen. Als die beiden sich von ihm trennen wollten, sagte Petrus zu Jesus: Meister, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wusste aber nicht, was er sagte. Während er noch redete, kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie. Sie gerieten in die Wolke hinein und bekamen Angst.

Da rief eine Stimme aus der Wolke: Das ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören. Als aber die Stimme erklang, war Jesus wieder allein. Die Jünger schwiegen jedoch über das, was sie gesehen hatten, und erzählten in jenen Tagen niemand davon.

Die Autorin

Sr. Ursula Hertewich OP ist promovierte Apothekerin und Buchautorin. Sie arbeitet in der Seelsorge des Gästehauses des Dominikanerinnen-Klosters Arenberg.