Wenn ein Ertrinkender mit der Planke winkt, bin ich nicht einfach frei zu sagen: "Geht mich nichts an!" Man kann das Gefühl, das sich da einstellt, auch als "Druck" bezeichnen. Doch es wäre offensichtlich ganz falsch zu behaupten, die ertrinkende Person würde mich unter moralischen Druck setzen. Genauso wenig setzt der Mann, der unter die Räuber gefallen und nun verwundet, vielleicht sogar ohnmächtig, am Wegesrande liegt, die vorbeiziehenden Leviten und Samariter unter moralischen Druck. Die Not ist es, die unter Druck setzt.
Es lohnt sich, diese Unterscheidung im Blick zu haben, wenn man heute immer wieder mantra-mäßig hört: "2015 darf sich nicht wiederholen." Der neu gewählte Vorsitzende der Jungen Union, Tilman Kuban, hat noch eins drauf gesetzt, indem er kürzlich davon sprach, es habe 2015 eine "Gleichschaltung" gegeben: Es sei Druck ausgeübt und ein Tabu errichtet worden. Man habe in der CDU nicht gegen die Politik von Frau Merkel sein dürfen.
Über das Unangemessene dieses Vergleichs der Flüchtlingspolitik von Frau Merkel mit einem Begriff aus der Nazi-Diktatur (und übrigens der SBZ/DDR-Diktatur, unter der auch CDU-Leute litten) brauchen wir nicht weiter zu reden. Aber wie kommt ein christlicher Demokrat überhaupt dazu, sich über die Flüchtlingskrise und die Entscheidungen der damals Verantwortlichen – über die man ja auch im Einzelnen gerne streiten kann – dermaßen im Ton zu vergreifen? Meine These ist: Weil er und viele, die so oder ähnlich reden, den Druck der Not im Gewissen spüren. In diesem Druck-Gefühl erleben sie sich als "gleichgeschaltet". Der Irrtum ist nur: "Gleichgeschaltet" nicht von Frau Merkel, sondern von der Not, die das Gewissen anspricht.
Das Problem ist: Der neue JU-Vorsitzende möchte den Druck loswerden. Dabei hilft ihm die Verwechslung. So kann er auf "Frau Merkel" losdreschen. Aber es wird ihm nicht gelingen, den Druck loszuwerden. Der wird bleiben, egal wer demnächst Bundeskanzler oder Bundeskanzlerin wird. 2015 wird sich wiederholen. Ertrinkende, die mit der Planke winken, wird es auch in Zukunft geben. Und es werden voraussichtlich mehr werden. Es wird keine Möglichkeit geben, sich dieser "Gleichschaltung" durch den Ruf des Gewissens zu entziehen. Und das ist auch gut so.
Der Autor
Der Jesuit Klaus Mertes ist Direktor des katholischen Kolleg St. Blasien im Schwarzwald.
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