Bischof Vitus Hounder
Über einen streitbaren Außenseiter

Ein zweites Leben für Vitus Huonder?

Der Churer Bischof will nach Ende seiner Amtszeit zu den Piusbrüdern ziehen. Diese Ankündigung von Vitus Huonder sorgte für Kopfschütteln. Doch seit Langem ist Huonder für Provokationen bekannt, mit denen er in einer gewissen Tradition steht.

Von Christoph Paul Hartmann |  Chur - 13.05.2019

Wenn Vitus Huonder Verwirrung verbreiten wollte, war er sehr erfolgreich. Der streitbare Bischof von Chur kündigte zum Ende seiner Amtszeit an, sich im Ruhestand in das kleine Örtchen Wangs zurückzuziehen. Die knapp 5.000 Einwohner zählende Gemeinde im Kanton St. Gallen liegt malerisch, wird vom landschaftlichen Gegensatz zwischen Bergen und dem Rheintal geprägt und ist bei Touristen sehr beliebt. Das ist aber nicht der Grund, warum sich Huonder gerade Wangs ausgesucht hat. Er will in das Jungeninternat "Sancta Maria" ziehen, das von der Piusbruderschaft betrieben wird. Jener traditionalistischen Gruppe also, die zentrale Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils ablehnt und seit 1975 keinen kanonischen Status mehr hat. Vier ihrer Mitglieder wurden 1988 wegen illegaler Bischofweihen von Papst Johannes Paul II. exkommuniziert. 2009 wurden die Exkommunikationen als Zeichen für eine Wiederannäherung unter Benedikt XVI. aufgehoben. Das sorgte für viel Kritik, denn einer der nun wieder aufgenommenen Bischöfe war der Holocaustleugner Richard Williamson. Unbeirrt betreibt die Bruderschaft weiter Priesterseminare, Kapellen und andere Einrichtungen unabhängig von der offiziellen Kirche. Trotz Gesprächen steht eine Einigung mit Rom weiter aus.

Was Huonder in Wangs genau macht, darüber gehen die Ansichten auseinander. Aus dem Bistum hieß es, der Umzug stehe im Zusammenhang mit einem Auftrag der Glaubenskongregation in Rom. Huonder solle sich um den Dialog mit der abtrünnigen Gemeinschaft kümmern. Den Auftrag habe er seit 2016 und er sei weder an das Amt des Diözesanbischofs gebunden, noch zeitlich beschränkt.

Irritationen in Rom

Im Vatikan wusste man davon aber nichts. "Der Pressestelle ​​des Heiligen Stuhls ist kein offizieller Auftrag der Glaubenskongregation an Bischof Vitus Huonder bekannt, um den Kontakt mit der Priesterbruderschaft St. Pius X. zu halten", hieß es nur. Noch nebulöser wurde es, als Huonder in einem Bilanz-Interview mit der Zeitung "Die Tagespost" die Natur seiner Aufgabe erläuterte: Den Auftrag habe er vom damaligen Glaubenspräfekten Gerhard Ludwig Müller erhalten, seine Rolle sei "in erster Linie informell". Des Weiteren habe er Papst Franziskus über seinen Umzug informiert.

Drei Diakone der Piusbruderschaft empfangen in Zaitzkofen das Sakrament der Priesterweihe.
Bild: © KNA

Drei Diakone der Piusbruderschaft empfangen in Zaitzkofen das Sakrament der Priesterweihe.

Wie auch immer die Aktivitäten Huonders in Wangs aussehen sollten – für Schlagzeilen hat er gesorgt. Mal wieder. Denn der Churer Oberhirte hat es in seiner seit 2007 andauernden Amtszeit des Öfteren geschafft, zu polarisieren, bei liberalen Katholiken Entrüstungsstürme und bei traditionellen Freudensprünge auszulösen. Er fährt beim Sakramentsempfang für wiederverheiratete Geschiedene einen harten Kurs und lehnt die Gender-Theorie strikt ab. Dagegen setzt er sich radikal für Lebensschutz ein. 2015 zitiert er über Homosexuelle das Alte Testament: "Beide [Männer, die miteinander Sex haben] haben den Tod verdient; ihr Blut kommt auf sie selbst." (Lev 20,13) Sein Kommentar: Das Buch Levitikus würde genügen, "um der Frage der Homosexualität aus der Sicht des Glaubens die rechte Wende zu geben". Was auf Huonder zukam: Eine Klage des schweizerischen Schwulenverbands "Pink Cross". Die war allerdings erfolglos, das Verfahren wurde eingestellt. Huonder entschuldigte sich – das Ganze sei ein Missverständnis gewesen. Gegen den Bischof gibt es dennoch immer wieder Protest, bis hin zu Rücktritts-Demonstrationen 2014 vor dem Sitz des damaligen Schweizer Bischofskonferenzvorsitzenden Markus Büchel.

Medienscheu und abgeschiedenes Leben

Was treibt den vielgescholtenen Vorreiter der Konservativen an? Vitus Huonder gilt als außerordentlich medienscheu, Dialog und Austausch sind nicht seine Sache. Manchen gilt er in seinem barocken Amtssitz, dem Bischöflichen Schloss, als isoliert und nur von einem engen Kreis Eingeschworener umgeben. Nach außen tritt er autoritär auf: "Huonder duldet keine Widerrede", sagte der ehemalige Leiter des Churer Priesterseminars, Ernst Fuchs, gegenüber der "Zeit". Andere berichten von einem Klima der Angst im Bistum. Gefallen findet der Bischof bei den Konservativen, die breite Öffentlichkeit konnte er nie für sich gewinnen.

Chur im schweizerischen Kanton Graubünden mit der Kathedrale St. Mariä Himmelfahrt links im Bild.

Diese Polarisierung zeigt sich auch beim Blick auf seinen Werdegang: Huonder kommt aus kleinen Verhältnissen in der rätoromanischen Schweiz. Er besucht ein Klostergymnasium und will in den Benediktinerorden eintreten. Das wird ihm aber verwehrt – warum, ist unklar. Nach dem Studium in Einsiedeln, Freiburg und Rom wird er 1971 Priester und promoviert zwei Jahre später. Danach arbeitet er zuerst im Hochschulbereich, wird anschließend Pfarrseelsorger. 1990 wird er Generalvikar unter dem heftig umstrittenen Churer Bischof Wolfgang Haas – Huonders Amtsverständnis erinnert viele an ihn. Unter Haas‘ Nachfolger Amédée Grab behält Huonder sein Amt. 2007 wird er als Grabs Nachfolger zum Bischof gewählt. Als solcher unterstützt Huonder die traditionalistische Internetseite gloria.tv, von der er sich erst sechs Jahre später distanziert.  

Huonders Amtszeit sollte eigentlich 2017 enden. Mit Erreichen der Altersgrenze von 75 Jahren musste er Papst Franziskus seinen Rücktritt anbieten. Der nahm das Gesuch zwar an, aber nicht sofort: Bis 77 sollte Huonder noch weiterarbeiten, dann werde seine Demission rechtskräftig. Ein Rückschlag für Gegner des Bischofs: Die Initiative "Es reicht!" wollte per Petition einen Administrator als Nachfolger einsetzen – vergebens. Die Enttäuschung war groß.

Nach zwei Jahren lief die vom Papst gesetzte Frist am Ostersonntag dieses Jahres ab. Ein Nachfolger ist aber noch nicht in Sicht, Huonder bleibt bis auf Weiteres im Amt. Im Bistum kein Einzelfall: Auch Bischof Grab blieb nach seinem 77. Geburtstag noch fünf Monate an der Bistumsspitze – allerdings als apostolischer Administrator. Huonder hat den Status hingegen nicht gewechselt, er bleibt Bischof. Wann ein Nachfolger ermittelt wird, ist noch unklar. Der apostolische Nuntius für die Schweiz, Thomas E. Gullickson, sichtet dem Vernehmen nach Kandidaten. Ob er schon Vorschläge an den Vatikan geschickt hat, ist aber unklar. Der polarisierende, aber fitte Amtsinhaber bleibt den rund 700.000 Katholiken im Bistum also noch eine Weile erhalten – ob sie wollen, oder nicht.

Von Christoph Paul Hartmann