Pater Maaß und das Ende der Jesuiten in Leipzig
Nach fast 70 Jahren verlässt der Orden die sächsische Stadt

Pater Maaß und das Ende der Jesuiten in Leipzig

In wenigen Wochen ist Schluss: Dann geben die Jesuiten ihren Standort in Leipzig nach knapp 70 Jahren wegen Mitgliedermangels auf. Doch wie wickelt man einen Ordensstandort ab? Und was wird aus den Leipziger Jesuiten und ihren geistlichen Angeboten? Katholisch.de hat die Gemeinschaft kurz vor dem Abschied besucht.

Von Steffen Zimmermann |  Leipzig - 27.05.2019

Leipzig, Floßplatz 32. Golden glänzt neben der von Säulen gerahmten Eingangstür des Gründerzeitbaus ein Schild. "Jesuiten, 4. Etage" steht darauf in schwarzer Schrift. Hier, unweit des Stadtzentrums und der vor wenigen Jahren neu errichteten katholischen Propsteikirche, hat der Jesuitenorden seinen Leipziger Sitz – oder besser: Hier hat er noch seinen Sitz. Denn in wenigen Wochen, so wurde es Mitte März bekanntgegeben, wird der Orden die Kommunität nach knapp 70 Jahren auflösen und die größte Stadt Sachsens verlassen. Eine Zäsur – für den Orden und für das katholische Leben in Leipzig.

Von dem bevorstehenden Abschied ist in den Räumen am Floßplatz an diesem sonnigen Maitag aber noch nichts zu spüren. Kurz vor dem Wochenende ist zwar kaum noch Betrieb. Dass hier schon bald ein größerer Umzug stattfinden wird, sieht man aber nicht. Umzugskartons, auseinandergebaute Möbel oder andere Indizien für den baldigen Weggang des Ordens sucht man in den Wohn- und Arbeitsräumen der Jesuiten – noch – vergebens.

"Ich persönlich bedauere es sehr, dass wir aus Leipzig weggehen"

Allerdings ist Pater Clemens Maaß da. Der 56-Jährige ist der Superior der derzeit noch fünf Brüder umfassenden Kommunität und als solcher auch für die Schließung des Standorts zuständig. "Das wird noch jede Menge Arbeit in den nächsten Wochen", erzählt Maaß mit einem leichten Stöhnen, nachdem er den katholisch.de-Redakteur nach einer schnellen Zigarettenpause im Hinterhof in sein Büro im Hochparterre geführt hat. Dass die Abwicklung der Kommunität dem großgewachsenen Mann mit dem grauen Haar und der markanten Brille nicht leicht fällt, ist offensichtlich – und man kann sich ja tatsächlich wesentlich freudvollere Aufgaben vorstellen. "Ich persönlich bedauere es sehr, dass wir aus Leipzig weggehen", fügt Maaß dann auch hinzu.

"Für den Umzug müssen die Bücher alle in Kisten verpackt werden", so Pater Maaß mit einem leichten Grausen in der Stimme.

Doch vielleicht hilft es dem gebürtigen Hessen, dass er Jesuit ist. Den Mitgliedern des Ordens wird gemeinhin ja ein gesunder Realismus beim Blick auf Kirche und Welt nachgesagt. "Jammern nützt nichts. Die Zahlen sind, wie sie sind – da braucht man nicht mehr viel zu sagen", erklärt Maaß, während er ein DIN-A4-Blatt von seinem Schreibtisch holt. Darauf zu sehen ist die Altersstruktur der derzeit rund 320 Jesuiten in Deutschland. Die über 80-Jährigen bilden mit Abstand die größte Gruppe, während es nach unten hin – in den jüngeren Jahrgängen – immer weiter ausdünnt. "Derzeit treten zwar immer noch junge Männer in den Orden ein, aber in den nächsten Jahren wird auch uns bei den Eintritten ziemlich sicher ein Abbruch bevorstehen", sagt Maaß beim Blick auf die vor ihm liegende Grafik.

Wie fast alle Orden befinden sich auch die Jesuiten zumindest in den westlichen Gesellschaften in einem dramatischen Schrumpfungsprozess. Die "Societas Jesu", wie die vom Spanier Ignatius von Loyola im 16. Jahrhundert gegründete Gemeinschaft offiziell heißt, muss deshalb genau überlegen, welche Aktivitäten und Standorte sie weiterbetreiben und auch langfristig erhalten kann. "Wir sind gezwungen genau zu definieren, wo wir verantwortlich tätig bleiben können und wo wir uns leider zurückziehen müssen", beschreibt Maaß die schwierige Aufgabe. Ein vorläufiges Ergebnis dieser Überlegungen ist das beschlossene Ende des Standorts Leipzig, das am 30. Juni mit einem Abschiedsgottesdienst und einem anschließenden Empfang in der Propsteikirche begangen wird.

Ab Herbst 2018 standen die Zeichen auf Abschied

Dass es eng werden könnte für die Leipziger Kommunität, wurde Maaß nach seinen Worten erstmals im Herbst vergangenen Jahres richtig bewusst. Damals bekam die Gemeinschaft Besuch von Pater Johannes Siebner. Der Provinzial der Ordensprovinz habe dabei betont, dass angesichts des Mitgliederrückgangs keine Kommunität in Deutschland in ihrer Existenz gesichert sei. Kurz danach, so berichtet Maaß, wurde ein Mitbruder, der bis dahin in der Seelsorge an einem Leipziger Krankenhaus tätig gewesen war, abgezogen, weil er dringend an einem anderen Standort gebraucht wurde. Ein erstes Zeichen.

Wir sind hier eine kleine Minderheit – das kann manchmal sehr anstrengend sein, ist meistens aber anregend und produktiv.

Zitat: Pater Clemens Maaß zur Situation der Christen in Ostdeutschland

"Anfang des Jahres verdichtete sich dann, dass unser Standort tatsächlich auf der Kippe steht", so Maaß weiter. Und tatsächlich: Ein paar Wochen später – "ausgerechnet am Aschermittwoch", erzählt der Superior mit einem etwas gequälten Lächeln – erreichte die Leipziger Brüder ein Brief aus dem Provinzialat in München, in dem die Schließung der Kommunität zu diesem Sommer angekündigt wurde.

Doch warum ausgerechnet Leipzig? Immerhin gilt die 600.000-Einwohner-Metropole als eine der attraktivsten und lebendigsten Städte Deutschlands. Leipzig boomt in vielerlei Hinsicht – und auch die katholische Kirche hat sich hier in einem weitgehend säkularen Umfeld in einer kleinen, aber feinen Nische mit ihren Angeboten etabliert. Vor allem der "Leuchtturm" Propsteikirche hat den Katholiken in der Stadt eine neue Sichtbarkeit verschafft und im Umgang mit der Stadtgesellschaft innovative Kräfte freigesetzt. Und ausgerechnet in dieser Situation sagen die Jesuiten Adieu? "Tatsächlich entspricht die religiöse und gesellschaftliche Situation hier eigentlich genau dem Aufgabenprofil unseres Ordens", sagt auch Maaß. Doch die Personalnot des Ordens war am Ende einfach zu groß.

Als Christ im Osten unter Rechtfertigungsdruck

Die Trauer, die der bevorstehende Abschied der Jesuiten bei vielen Leipziger Katholiken auslöst, kann Maaß gut verstehen. Auch ihm selbst ist Sachsen nach 14 Jahren – davon elf Jahre in Dresden – längst ans Herz gewachsen. "Als ich 2005 hier ankam, war eigentlich alles fremd für mich. Aber gerade deshalb war es auch hochspannend", erzählt er. Bis heute fasziniere ihn an Sachsen die Herausforderung, als Christ in einem Umfeld zu leben, in dem Religion weithin unbekannt sei: "Wir sind hier eine kleine Minderheit – das kann manchmal sehr anstrengend sein, ist meistens aber anregend und produktiv." Der Rechtfertigungsdruck, unter dem man als Christ in weiten Teilen Ostdeutschlands stehe, sei eine spannende Anfrage an den eigenen Glauben.

Auch die kunstvoll eingerichtete Kapelle im Wohnbereich der Leipziger Jesuiten-Kommunität wird bald ausgeräumt.

Dass er dieses Milieu nun bald verlassen muss, schmerzt den Theologen. Allerdings wird es nicht sein erster Umzug sein. Seit er 1991 in den Jesuitenorden eintrat, hat er im Auftrag seiner Oberen bereits mehrfach den Standort gewechselt. "Ich bin ziemlich flexibel", sagt Maaß von sich selbst. Wohin sein Weg ihn diesmal führen wird, ist aber noch unklar. Zuerst, so hat er es mit dem Provinzial vereinbart, soll er die Leipziger Kommunität ordnungsgemäß auflösen – bis hin zur besenreinen Übergabe der Räume an den Vermieter. Frei nach dem Motto "Der Letzte macht das Licht aus".

Bei seinen verbliebenen Mitbrüdern ist die Sache dagegen weitgehend entschieden: Ein Pater wechselt zum Jesuiten-Flüchtlingsdienst nach Berlin, ein anderer geht nach München. Und ein Dritter bleibt zwar in Leipzig, kümmert sich von hier aus als Einzelkämpfer aber ausschließlich um die vietnamesischen Gläubigen in Sachsen, für die er in den letzten Jahren ein Seelsorgezentrum aufgebaut hat – ein "begründeter Ausnahmefall", wie Maaß es nennt.

Im Ordensleben hat es immer Niedergänge und Aufbrüche gegeben

Doch was passiert mit den inhaltlichen Angeboten, die die Jesuiten bislang in Leipzig betreut haben? Auch hier ist Maaß guter Hoffnung. Die Hochschulgemeinde etwa soll auch künftig von einem eigenen Seelsorger betreut werden. "Ich weiß, dass das Bistum Dresden-Meißen intensiv bemüht ist, eine gute Nachfolgeregelung zu finden", sagt Maaß. Auch die "Kontaktstelle Orientierung", ein Angebot für Lebens- und Glaubensfragen, soll zumindest teilweise von anderen Trägern weitergeführt werden. Beispielhaft nennt der Superior die "Feier des Erwachsenwerdens", an der in den vergangenen Jahren immer rund 30 Jugendliche teilgenommen hätten. Diese katholische Alternative zur immer noch zelebrierten Jugendweihe werde künftig von der Propsteigemeinde unterstützt. Andere Angebote dagegen stehen mit dem Weggang der Jesuiten wohl vor dem Aus – vor allem solche, die persönlich eng mit einem der fünf Brüder verbunden sind.

Bei aller Trauer bleibt Pater Maaß trotzdem optimistisch – nicht nur, was die Jesuiten angeht, sondern auch mit Blick auf das Ordensleben in Deutschland insgesamt. "Klar, die Situation hierzulande ist dramatisch. In der langen Geschichte des katholischen Ordenslebens hat es aber immer wieder Umbrüche, Niedergänge und auch Aufbrüche gegeben", sagt er. Man erlebe jetzt ein Absterben des Gewohnten. "Aber wenn es gut läuft, wird etwas Neues entstehen", ist sich Maaß sicher. Der bevorstehende Abschied der Jesuiten aus Leipzig nach sieben Jahrzehnten bleibt trotzdem eine schmerzhafte Zäsur.

Von Steffen Zimmermann