Pastoral für junge Erwachsene: "Allein unter Grauköpfen"
Warum die Themen junger Menschen in der Kirche nicht vorkommen

Pastoral für junge Erwachsene: "Allein unter Grauköpfen"

Junge Menschen zwischen 25 und 35 Jahren sind oft nicht im Blick der Pastoral: Sie befinden sich zwischen Firmung und Hochzeit – und fallen schlicht durch das seelsorgliche Raster. Wie die Kirche trotzdem auf junge Erwachsene zugehen kann, verrät Pastoralreferent Daniel Gewand im Interview.

Von Roland Müller |  Coesfeld - 29.07.2019

Junge Erwachsene befinden sich zwischen zwei Lebensphasen: Sie sind gerade in den Beruf eingestiegen oder kurz davor, haben aber oft noch keine Familie gegründet. In der Kirche fallen sie deswegen meist durch das pastorale Raster und es gibt kaum seelsorgliche Angebote für diese Zielgruppe. Pastoralreferent Daniel Gewand aus dem Bistum Münster wollte das ändern und gründete vor drei Jahren den "frei.raum.coesfeld". Im Interview verrät er, welche Herausforderungen die Pastoral für junge Erwachsene mit sich bringt.

Frage: Herr Gewand, Sie tragen Dreadlocks und eine kleine Nickelbrille. Muss man etwas anders aussehen, um als kirchlicher Mitarbeiter junge Erwachsene zu erreichen oder kann das auch der ganz normale Pastoralreferent im karierten Hemd?

Gewand: Ich glaube, man muss nicht aussehen wie ich, um junge Erwachsene anzusprechen. Aber man muss ihre Themen im Blick haben und sie mit dem Evangelium verbinden – das gilt natürlich für alle anderen pastoralen Zielgruppen auch. Wenn das in einer vernünftigen Art und Weise funktioniert, dann erreicht Kirche auch junge Erwachsene. Ich spreche vielleicht durch mein Aussehen und meine Art andere junge Erwachsene an als Kollegen in Karohemd und ohne Dreads. Aber es ist ja eine Stärke unserer Kirche, dass sehr unterschiedliche Typen für sie arbeiten und dadurch unterschiedliche Milieus ansprechen.

Frage: Auf Ihrer Xing-Seite nennen Sie sich Gründer. Warum reicht es nicht, einfach Pastoralreferent zu sein? Was macht Ihre Arbeit zu der eines Gründers?

Gewand: Ich bin Gründer, weil ich im Münsterland ein Projekt ins Leben rufen durfte, das es vorher nicht gab. Ich habe also nicht bestehende Orte und Strukturen bespielt, sondern ich durfte von Null an aufbauen, was es in Coesfeld für junge Erwachsene braucht. Das ist eben die Arbeit, die Gründer machen.

Frage: Aber wenn Sie sich als Gründer bezeichnen, dann kokettieren Sie doch auch ein bisschen mit der Startup-Szene, die als jung und modern gilt…

Gewand: Ich habe jungen Erwachsenen in Coesfeld ein Versprechen gegeben, an dem ich mich messen lassen möchte: Ich will Kirche und Glaube in einer neuen Art und Weise anbieten, so wie es bisher noch nicht passiert ist. Ob das jetzt cool und hip ist, wie es etwa Startups sind? Keine Ahnung. Aber es ist auf jeden Fall ein anderer Ansatz. Gründen heißt ja immer, etwas zu versuchen und Antworten auf die Herausforderungen zu finden, die wir haben.

Bild: © privat

Pastoralreferent Daniel Gewand (36) gründete 2016 den "frei.raum.coesfeld", ein pastorales Angebot für junge Erwachsene in Coesfeld im Münsterland.

Frage: Wo liegen denn die Herausforderungen in der Pastoral für junge Erwachsene?

Gewand: Die größte Herausforderung ist, dass die Themen, die sie bewegen, nicht im gleichen Ausmaß in der Kirche vorkommen wie es für andere Generationen der Fall ist. Ich gehe bei jungen Erwachsenen ungefähr von einem Alter zwischen 25 und 35 Jahren aus. Entsprechend ihrer Lebensphase haben sie viele Fragen: Bleibe ich im Dorf meiner Eltern wohnen oder ziehe ich weg? Welchen Job möchte ich haben? Ist der Partner, den ich habe eigentlich der Richtige? Gehe ich den nächsten Schritt und heirate? Heirate ich kirchlich oder nicht? Das sind die Zweifel, die junge Erwachsene umtreiben, und alle diese Fragen kommen in Kirche nicht vor. Ich glaube aber, dass wir aus dem Evangelium heraus einiges dazu zu sagen hätten. Außerdem erleben junge Erwachsene, wenn sie denn am Sonntag in den Gottesdienst gehen, dass sie in eine Kirche kommen, in der sie allein unter Grauköpfen sitzen – so hat es mir eine junge Erwachsene einmal gesagt. Da kommen sie sich ziemlich verloren und fehl am Platz vor.

Frage: Warum kommen die Themen junger Erwachsener denn nicht in der Kirche vor?

Gewand: Wir machen als Kirche gute Angebote für Kinder und Jugendliche und dann wieder für Familien und Senioren. Junge Erwachsene fallen deswegen durch das Raster, weil Sie genau dazwischen liegen. Mit dem Berufseinstieg oder gegen Ende des Studiums haben sie auch nicht mehr so viel Zeit und Lust, sich in der Pfarrei zu engagieren, wie etwa noch als Jugendliche. Und auf einmal gibt es in der Kirchengemeinde für junge Erwachsene keinen Ort mehr. In den vergangenen Jahrzehnten sind sie und ihre Themen deshalb auch aus dem Sichtfeld der Seelsorger herausgefallen.

Frage: Aber warum suchen sich junge Erwachsene ihre Räume in der Kirche nicht einfach selbst?

Gewand: Die jungen Erwachsenen, die ich in Coesfeld erreiche, sind Menschen, die sich mit Glaubensfragen und ihrer Beziehung zu Gott beschäftigen. Viele haben den direkten Draht zur Kirche verloren, sind aber froh, dass es ein Angebot für ihre Altersgruppe gibt, das ihnen die Möglichkeit gibt, mit der Kirche in Kontakt zu bleiben. Sie haben es bei einem Auslandsaufenthalt, in Taizé oder sonstwo als total hilfreich erfahren, sich mit Gleichaltrigen über den Glauben auszutauschen und ein großes Bedürfnis nach Spiritualität entwickelt. Aber es gibt genauso junge Erwachsene, die noch ganz klassisch in der Kirche groß geworden sind und bei unserem Projekt Gleichaltrige treffen wollen, die so ticken wie sie. Sie gehen auch gerne in den Gottesdienst, schätzen aber eher die gemeinschaftlichen Angebote. Es geht bei "frei.raum.coesfeld" also um Glaube und Gemeinschaft. Klar, die Glaubenskrise hat in der Generation der jungen Erwachsenen voll eingeschlagen. Doch sie setzen sich mit dem Glauben auseinander und das auf eine andere Art und Weise als noch im Jugendalter. Genauso wie sie wird auch ihr Glaube erwachsen, sie fragen sich: Entscheide ich mich für oder gegen eine kirchliche Form von Spiritualität? Da müssen wir als Kirche präsent sein.

Frage: Der Missbrauchsskandal hat die Kirche in eine Vertrauenskrise geführt und die derzeitigen Diskussionen um die Frauenweihe und den Pflichtzölibat zeigen, dass sie außerdem von vielen nicht verstanden wird. Wieso kommen trotzdem einige junge Erwachsene zu Ihren Angeboten?

Gewand: Bei den Veranstaltungen geht es in erste Linie um die persönliche Beziehung der jungen Erwachsenen zu Gott. Da spielen diese ganzen kirchenpolitischen Themen zwar irgendwann auch eine Rolle, aber viele sind in diesem Punkt relativ entspannt: Sie haben ihre Meinung und verstehen nicht, warum etwa die Weihe von Frauen nicht erlaubt ist, fühlen sich aber trotzdem mit der Kirche verbunden. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir uns ausruhen dürfen, denn es gibt ganz viele junge Erwachsene, die genau aus diesem Grund nicht mal mehr zu etwas anderen Angeboten wie "frei.raum.coesfeld" kommen. Denn sie glauben uns als Kirche nicht mehr, dass wir etwas ändern wollen. Wir sind für ganz viele unglaubwürdig geworden. Auch die jungen Erwachsenen, die kommen und teilnehmen, sind selten der Kirche gegenüber unkritisch, doch sie suchen gemeinsam mit anderen einen Freiraum für ihren Glauben.

Frage: Wie sieht dieser Freiraum in Coesfeld konkret aus? Welche Angebote gibt es?

Gewand: Das erfolgreichste Format ist der "frei.raum.sonntag" – etwas, das sich die jungen Erwachsenen ausdrücklich gewünscht haben. Wir verabreden uns an bestimmten Sonntagen vor einer der sechs Kirchen in Coesfeld, um gemeinsam in den Gottesdienst zu gehen und danach Mittag zu essen und etwas zu trinken. Eigentlich ein ganz einfaches Angebot, etwas das früher sogar schon meine Eltern gemacht haben. Aber damals hieß das nicht "frei.raum", sondern Jugendarbeit. (lacht) Manchmal sind wir fünf, manchmal zwölf oder 15 junge Erwachsene, die gemeinsam in die Kirche gehen. Das schöne ist, wenn wir uns umgucken, sind wir auf einmal nicht mehr allein unter Senioren. Beim anschließenden Essen reden wir dann über Gott und die Welt, manchmal auch über die Predigt, unsere Woche, die Partnersuche und alle anderen Fragen, die junge Erwachsene noch so bewegen.

Frage: Das hört sich nach einem ganz simplen Angebot an: Kirche als Gemeinschaft.

Gewand: Genau, und das ist ein Format, das funktioniert, was ich so nicht gedacht hätte. Daneben gibt es den "frei.raum.alltag", bei dem wir uns in der Woche abends für zwei Stunden treffen. Wir sprechen über ein Glaubensthema und enden mit einem Gebet und Fürbitten. Wieder ein sehr einfaches Format. Daneben gibt es unterschiedliche Dinge, die ich ausprobiere: Wir haben jetzt das Thema "frei.raum.entscheidung" gehabt. Dazu waren wir in einem großen Unternehmen in Coesfeld und haben mit einem jungen Geschäftsführer gesprochen, der mit nicht einmal 27 Jahren eine Firma mit 120 Mitarbeitern leitet. Wir haben mit ihm über das Thema Entscheidungen gesprochen: Wie entscheidet man eigentlich im Leben und wie geht man damit um, wenn Entscheidungen sich als falsch herausstellen? Ein Riesenthema im Leben von jungen Erwachsenen. Im Herbst wird es eine Weinprobe geben, wo es neben Wein auch um Glaubensthemen geht. Im Frühjahr wird es eine Aktion für Singles geben, ein Speed Dating. Im Winter geht es dann um das Thema Umweltschutz, fairer Einkauf und Müllvermeidung. Auch ein Thema, das für junge Erwachsene wichtig ist und zu dem der Glaube viel zu sagen hat. Zusätzlich biete ich experimentelle Gottesdienstformen an: Letzte Woche haben wir etwa einen Gottesdienst im Kunstmuseum gefeiert. So probieren wir verschiedene Sachen an ungewöhnlichen Orten aus und tasten uns als Kirche an die Lebenswelt junger Erwachsener heran.

Frage: Aber Sie müssen schon zugeben, dass es keine Massen an jungen Erwachsenen sind, die da kommen…

Gewand: Nein, das sind keine Massen! Aber Coesfeld ist auch keine Großstadt mit studentischer Szene. Es ist eher so, dass Coesfeld eine Stadt ist, aus der junge Erwachsene wegziehen und eventuell erst zur Familiengründung wieder zurückkommen. Außerdem glaube ich, dass die Zeit der Massenkirche vorbei ist. Aber ich habe den Anspruch, für die Leute, die kommen ein gutes Angebot zu machen – und das können manchmal fünf sein, meistens 15 oder bei größeren Formaten auch mal 80 Menschen. Diesen jungen Erwachsenen will ich eine gute Zeit und eine tolle Erfahrung bieten, die zu ihrem Lebensabschnitt passt. Wenn das gelingt, ist Pastoral für junge Erwachsene erfolgreich und nicht nur, wenn über 150 Leute kommen.

Frage: Wenn Sie auf die Zukunft der Kirche gucken: Wie wünschen Sie sich Kirche, damit sie attraktiv auch für junge Erwachsene wird?

Gewand: Kirche muss die unterschiedlichen Lebensphasen im Blick haben und ernst nehmen. Es hilft nicht, nur auf die Sakramente und die klassischen Formen der Pastoral zu setzen. Wir müssen uns mehr an den Lebensentwürfen und Fragen der Menschen an dem Ort orientieren, an dem wir Kirche sind. Dann spielen junge Erwachsene automatisch eine Rolle und fallen nicht, so wie jetzt, durch das Raster – auch weil es erst mit der Hochzeit wieder ein klassisches Sakrament für sie gibt. Außerdem müssen wir uns mehr anbieten, mehr im öffentlichen Raum als Seelsorger präsent sein. Wir haben als Kirche ja einen Tendenz dazu, uns in den eigen vier Wänden zu verstecken. Ich habe gute Erfahrungen gemacht mit offenen Gesprächsangeboten gemacht: einfach mal über längere Zeit auf dem Marktplatz oder in einem Café sitzen und für die Menschen ansprechbar sein. Letzten Herbst habe ich sogar in einer Kneipe Thekengespräche angeboten. Das ist eine Form von Kirche, die viele überrascht: das Einfach-da-sein.

Frage: Kommen denn überhaupt Menschen zum Gespräch, wenn Sie dort sitzen?

Gewand: Ich sitze auch schon mal alleine da, aber es kommen meistens Leute, die sich mit mir unterhalten wollen. Was jedoch sehr interessant ist: An der Theke war immer etwas los. (lacht)

Von Roland Müller