Maria zeigt mit einem Griffel auf die Stelle im Buch, die ihre Mutter Anna ihr weist.
Ein Bild vermittelt den Wert des Wortes

Unterweisung Mariens – Mittelalterliches Vorbild für Frauenbildung?

Eine Mutter, die ihre Tochter im Lesen unterrichtet – eine ungewöhnliche Szene und doch schon 600 Jahre alt. Damals war Bildung eigentlich Männersache. Doch diese Skulptur stammt aus einer Zeit großer Veränderung im Leben und Beten der Menschen.

Von Cornelius Stiegemann |  Bonn - 22.08.2019

"Ich bin die Magd des Herrn", sagt Maria dem Engel bei der Verkündigung. Doch das bedeutet mitnichten, dass Maria ungebildet gewesen ist. Vielmehr ist das Buch eines ihrer Erkennungszeichen. Eigentlich ungewöhnlich für eine Frau der Antike. "Maria gilt seit frühchristlicher Zeit als lesekundig", sagt Dagmar Preising. Das werde in spätantiken und frühmittelalterlichen Texten erwähnt. Die Kunsthistorikerin ist Kuratorin am Aachener Suermondt-Ludwig-Museum. "In mittelalterlichen Gemälden sieht man sie zum Beispiel in der Verkündigungsszene mit einem aufgeschlagenen Buch oder ins Lesen vertieft." Bei vielen Gemälden oder Skulpturen kann man darin die Psalmen oder die Schriften des Propheten Jesaja, der das Kommen des Messias ankündigt, entziffern. "Das ist eine Präfiguration der Verkündigung", sagt Preising. Die Frohe Botschaft ist im Bild enthalten, noch bevor sie geschehen ist.

Auf den ersten Blick ist Maria eine Ausnahme, denn Bildung und deren Weitergabe war in der antiken Welt überwiegend männlich geprägt. Doch dann steht man im Erzbischöflichen Diözesanmuseum Paderborn vor einer Skulptur, die das genaue Gegenteil zeigt: Liebevoll neigt sich die Mutter zu ihrer Tochter. Mit dem linken Zeigefinger deutet sie auf eine Stelle in dem Buch, das beide zwischen sich halten. Maria vollzieht die Weisung der Mutter mit einem Griffel nach. Anna bringt ihrer Tochter anhand der heiligen Schrift das Lesen bei. Das Buch bildet nicht nur das Zentrum der Darstellung, sondern ist gleichzeitig die eigentliche Verbindung zwischen den beiden Figuren.

Eine Veränderung der Religiosität im Spätmittelalter

Ein unbekannter Meister hat diese "Unterweisung Mariens" Anfang des 15. Jahrhunderts sehr fein in Sandstein gearbeitet. Sie stammt aus dem ehemaligen Zisterzienserinnenkloster an der Gaukirche in Paderborn, nur einen Steinwurf von ihrem heutigen Standort im Diözesanmuseum entfernt. Es ist eine bemerkenswerte Szene, weil hier zwei Frauen im Kontext einer Wissensvermittlung abgebildet werden. Und weil es keine schriftlichen Vorlagen für das Motiv gibt. Denn das Motiv ist weder in den Evangelien überliefert, noch in den populären Heiligenlegenden des Mittelalters.

Dass es diese Figur überhaupt gibt, hat mit einer spirituellen Veränderung im Spätmittelalter zu tun: Inspiriert von Theologen wie Meister Eckhart, propagierten die Mystiker im Spätmittelalter die meditative Versenkung des Einzelnen in das Leben und Leiden Christi oder der Heiligen. Religiosität wird subjektiv. In diesem Kontext entsteht im 13. Jahrhundert eine neue Bildform: Im Andachtsbild werden Figuren aus dem narrativen Kontext ihrer biblischen oder legendenhaften Erzählungen herausgerissen und in oftmals emotionalisierender Weise dargestellt. So soll die persönliche Andacht erleichtert werden. Das bedeutet aber auch eine Befreiung des Bildes von seiner dienenden Funktion als Illustration des Wortes. So entwickeln sich unabhängig von textlichen Vorlagen Bildtypen wie der Schmerzensmann, die Pietà und die Unterweisung Mariens.

Die Unterweisung Mariens aus dem ehemaligen Zisterzienserinnenkloster an der Gaukirche in Paderborn

Die Unterweisung Mariens aus dem ehemaligen Zisterzienserinnenkloster an der Gaukirche in Paderborn: Das Mädchen Maria zeigt mit einem Griffel auf die Stelle in einem Buch, die ihre Mutter Anna ihr weist.

Die ersten Beispiele für solche Unterweisungsszenen finden sich Anfang des 14. Jahrhunderts in Stundenbüchern in England, bald darauf in Frankreich. Diese Bücher versammeln Gebete und Psalmen für die täglichen Gebetszeiten katholischer Laien. "Und vielfach haben Frauen solche Stundenbücher besessen", sagt Preising und meint damit natürlich nur die adligen oder wohlhabenden Frauen. Ihnen wurden prächtig ausgemalte Exemplare zu Festen wie der Kommunion oder der Verlobung geschenkt.

Die Unterweisungsszene in einem solchen Buch wird damit zur Selbstreferenz. "Denn die Frauen haben damit beten gelernt oder täglich damit gebetet." Oder als Mütter ihre Kinder im Lesen und Schreiben sowie im Beten unterwiesen. "Anna und die lesende Maria hatten Vorbildfunktion für die Stundenbuchbesitzerinnen." Sie befanden sich ja in einer sehr ähnlichen, häuslichen Lehr- und Lernsituation.

Die Paderborner Skulptur stammt nun – anders als die Stundenbücher – nicht aus einem Laienkontext, sondern aus einem Kloster. Sie stand wohl nicht auf dem Hochaltar der Gaukirche. Viel eher wird man sie in einem kleinen Andachtsraum oder Kirchwinkel angetroffen haben, einem Ort für die persönliche Versenkung des einzelnen Gläubigen.

Wem galt die Botschaft der Unterweisungsszene?

Wenn eine Novizin der Zisterzienserinnen nun vor dieser Figur gestanden haben mag, wird sie auf den ersten Blick zwei Frauen, eine Mutter, eine Tochter, ein Buch und den Vorgang des gemeinsamen Lesens erkannt haben. Sie mag darin sich selbst in der Rolle der Maria und ihre Oberin oder eine andere Nonne als ihre mütterliche Lehrerin Anna gesehen haben. Hier spielt weniger eine Wissensvermittlung als eine Unterweisung im Glauben und in der Tugendhaftigkeit eine Rolle. "Für die Menschen der Zeit war es ein Ziel, Anna und Maria in ihrer Tugendhaftigkeit nachzustreben", so Preising.

Die Botschaften der Skulptur galten übrigens nicht nur adligen Töchtern und den Frauenorden, auch Männern diente die Szene als Vorbild. So richtet der Humanist Johannes Trithemius im späten 15. Jahrhundert seine pädagogische Schrift über die Unterweisung Mariens an Mütter, aber auch an alle Mönche und Gelehrte. "Die gesamte Gesellschaft sollte sich in der Imitatio Mariae üben, also Maria nacheifern", sagt Kunsthistorikerin Preising. Und um wie Maria in der Heiligen Schrift lesen zu können, musste man eben dies: Lesen können.

Das "befreite" Bild erzeugt eigene Realitätsebenen. Es geht um mehr als nur um die beiden Heiligen und eine Illustrierung der legendenhaften Glaubens- und Wissensvermittlung an Maria. Stattdessen spielen auch die liebevolle Beziehung zwischen Mutter und Tochter und eine Würdigung der weisen oder gebildeten Frau eine Rolle, sowie eine Wertschätzung des Alten, Tradierten durch das Junge, Neue. Und nicht zuletzt betont sie damals wie heute den Wert der Kulturpraktiken des Lesens und Schreibens für die Buchreligion Christentum.

Von Cornelius Stiegemann