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Standpunkt

Der gute Geist ist auch außerhalb der Kirche zu finden

Ob vor 50 Jahren oder heute: Inmitten von Musik und Spaß seien Festival-Besucher auch auf der Suche nach Sinn und Orientierung, kommentiert Dominik Blum. Eine neue Inkulturation des Evangeliums könnte den guten Geist von Woodstock und Co. entdecken.

Von Dominik Blum |  Bonn - 16.08.2019

Dominik Blum leitet das Referat Erwachsenenseelsorge beim Bischöflich Münsterschen Offizialat in Vechta.

Am 15. August 1969 begannen auf einer Kuhweide in der Nähe der Kleinstadt Bethel im US-Bundesstaat New York "3 Days of Peace and Music". Sie gingen unter dem Namen Woodstock in die Geschichte ein. Heute vor 50 Jahren spielten dort Santana, Janis Joplin oder The Who. Woodstock – in der etwa 70 km vom tatsächlichen Veranstaltungsort liegenden Künstlerkolonie sollte das Hippie-Festival ursprünglich stattfinden – ist zum Mythos geworden. Ja, auch für "sex, drugs and Rock ’n’ Roll". Aber das Open-Air-Musikfestival mit einer halben Million Besuchern hatte weit mehr zu bieten als Schlamm, freie Liebe und LSD.

"Love, peace and happiness" – Liebe, Frieden und Glück – waren echte Sehnsuchtsworte der Blumenkinder, deren gegen den Middleclass-Mainstream gerichtete Kultur in Woodstock zu ihrem Höhepunkt kam. Viele der jungen Leute in der Flower-Power-Bewegung und ihrer ernsten politischen 68er-Schwester waren Suchende. Sie suchten nach Liebe angesichts von Rassenhass, Frieden für Vietnam und den Rest der Welt, Glück in Musik und Gemeinschaft. Als Richie Havens das Line-up von Woodstock mit seinem berühmt gewordenen Ruf "Freedom!" eröffnete, war sein Schrei nach Freiheit die Antwort auf das Gefühl einer ganzen Generation: "Sometimes I feel like a motherless child."

Woodstock ist die Mutter aller Festivals, auch des Weltjugendtags, der übrigens heute vor 14 Jahren, im August 2005, in Köln stattfand. Festival-Besucher – manche jung, andere älter geworden – suchen mitten in Spaß und Musik, in der Gemeinschaft zwischen Boxen und Bierwagen bis heute Sinn, Orientierung, Moral und Glück. Im besten Fall finden sie hier einen kleinen Moment des richtigen Lebens im falschen. Und mancher Musiker protestiert und predigt und singt sich die Seele aus dem Leib, wie es anderswo nur selten zu hören ist. Mit dem tschechischen Theologen Tomáš Halík lässt sich zu Recht diagnostizieren, dass die Kirche in der Kulturrevolution des Jahres 1968 die suchende Jugend verloren hat, aus Angst vor Sex, autonomer Moral und, so ließe sich ergänzen, ihrer eigenen kulturellen Sprachlosigkeit angesichts all der Festivals nach Woodstock. Eine neue Inkulturation des Evangeliums könnte den guten Geist von Woodstock und Wacken, von Rock am Ring und im Park entdecken und sich wenigstens daran freuen. Das wäre ein erster Schritt. Rock on, Baby.

Von Dominik Blum

Der Autor

Dominik Blum ist Dozent für Theologie an der Katholischen Akademie in Stapelfeld.

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