Eine Figur des Kirchenpatrons Papst Gregor der Große
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Der Papst der europäischen Zeitenwende

Gregor der Große: Der Krisenmanager

Politiker, Mönch, Diplomat – Gregor I. brachte viele Erfahrungen zu seiner Papstwahl mit. Als Organisationstalent rettete er Rom vor dem Untergang und führte Europa ins Mittelalter. Dafür verlieh ihm die Nachwelt den Beinamen "der Große".

Von Valerie Mitwali |  Bonn - 03.09.2019

Gregors Familie konnte auf eine glorreiche Vergangenheit zurückblicken: Die Familie der Anicier zählte zum alten römischen Stadtadel und genoss hohes Ansehen. Mit Felix III. (gest. 530) zählt sogar ein Papst zu Gregors Vorfahren. Doch die goldenen Zeiten Roms gehörten der Vergangenheit an: Die einst so stolze Metropole war nun eine oströmische Provinz und unterstand dem byzantinischen Kaiser im fernen Konstantinopel. Und seit die Langobarden 568 weite Teile Italiens beherrschten, trennte nur noch ein schmaler Landstreifen Rom vor der Eingliederung in das "Barbarenreich".

Zunächst folgte Gregor seinem Vater in den Staatsdienst und stieg bis zum Stadtpräfekten auf – dem höchsten noch existierenden Amt Roms. Dann aber gab er seinem Leben eine völlig neue Wendung: Gregor stieg aus der Politik aus, wurde Mönch und wandelte den elterlichen Palast in ein Kloster um. Doch die Ruhe währte nicht lange, denn Papst Pelagius II. holte Gregor als Diakon in den Kirchendienst und sandte ihn nach Konstantinopel. Dort sollte er als Apokrisiar (Bevollmächtigter) den Papst am Kaiserhof vertreten.

Der erste "Mönchspapst" der Geschichte

Nach Pelagius‘ Tod fiel die Papstwahl am 3. September 590 auf Gregor und machte ihn so zum ersten "Mönchspapst" der Geschichte. Er fand eine Stadt am Abgrund vor: Gerade hatten Überschwemmungen Rom mitsamt den wichtigen Getreidespeichern verwüstet. Die Stadt war voller Kriegsflüchtlinge und unter der hungernden Bevölkerung wütete die Pest. Als ob das nicht schlimm genug wäre, drohten die feindlichen Langobarden damit, Rom zu belagern. Kein Wunder, dass Gregor seine Amtszeit mit einer stadtweiten Bußprozession eröffnete.

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Gleich darauf ging der talentierte Krisenmanager ans Werk. Durch die Neuorganisation der päpstlichen Ländereien in Süditalien und Sizilien gelang es Gregor, Rom schnell mit neuen Lebensmitteln zu versorgen. Der Sinn einer Predigt erreiche Hungernde schließlich nur, wenn sie zuvor konkrete Hilfe erfahren hätten, war Gregor überzeugt. Sich selbst nannte er "Knecht der Knechte Gottes" ("Servus servorum Dei") – bis heute tragen alle Päpste diesen Titel.

Zwar hielt Gregor wirtschaftliche Anreize zur Konversion für legitim, doch Gewalt lehnte er ab. Damit stand er im Widerspruch zu vielen anderen Kirchenführern der Spätantike. Die Gesetze zum Schutz der jüdischen Bevölkerung seien unbedingt einzuhalten und ihre Synagogen zu bewahren. Überhaupt seien keineswegs allein die Juden schuld am Kreuzestod Jesu, sondern alle Menschen. Gregors Schutzmaßnahmen setzten dem Papsttum im weiteren Mittelalter ein forderndes Beispiel.

Verhandlungen zum Missfallen des Kaisers

Nach außen hin handelte Gregor auf eigene Faust einen Abzug der Langobarden aus – zum Missfallen des Kaisers. Um das Verhältnis zu Konstantinopel nicht weiter eskalieren zu lassen, agierte Gregor ansonsten sehr bedächtig und hielt sich in theologischen Diskussionen lieber zurück. Gleichzeitig musste er nun die vereinbarten Tributzahlungen an die Langobarden selber stemmen. Dafür reformierte Gregor seinen Verwaltungsapparat. Nicht zufällig stammt das älteste erhaltene päpstliche Briefregister aus seinem Pontifikat.

Kirchenpolitisch war Rom zu dieser Zeit fast isoliert und nur eine Kirchenprovinz unter vielen. Damals beschränkte sich der Einfluss des Papsttums auf Mittel- und Süditalien. Viele der aufstrebenden Germanenreiche waren entweder noch gar nicht christianisiert oder sahen sich als von Rom unabhängig. Gregor aber gab nicht auf und sandte Missionare zu den heidnischen Angelsachsen. Die so in Großbritannien entstandene papsttreue Kirche beeinflusste bald weitere Regionen und prägte die mittelalterliche Kirchenidentität des gesamten Abendlandes.

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Gregor hinterließ zahlreiche Schriften, darunter etwa ein Moralhandbuch und eine Pastoralregel. Besonders wirkungsvoll aber waren seine Bücher der "Dialoge", in denen er italienische Asketen nach dem Beispiel ostkirchlicher Gottesmänner beschrieb. Erst Gregors Lobrede auf Benedikt machte den Mönchsvater später zu der monastischen Leitfigur schlechthin. Zwar zeugen Gregors Schriften noch von seiner Kenntnis der Patristik, doch war seine Theologie deutlich weniger intellektuell geprägt. Als mittelalterliche Gelehrte kaum noch Zugang zum anspruchsvollen antiken Denken hatten, dienten ihnen Gregors Texte als wichtige Wissensvermittler.

Der "letzte Römer" auf dem Stuhl Petri

Und die berühmte "gregorianische Liturgie"? Weder die nach ihm benannte Gebetssammlung noch der Gesang geht auf Gregor persönlich zurück. Doch nicht zuletzt durch seine Missionspolitik setzte sich die römische Liturgie auch im angelsächsischen und fränkischen Reich durch. Die später auf ihn zurückgeführte Urheberschafft verschaffte dieser Gottesdienstform zusätzliche Autorität.

Gregor starb nach fast 14 Amtsjahren am 12. März 604 in Rom und wurde in der Peterskirche bestattet. Der "letzte Römer" auf dem Stuhl Petri führte die Kirche durch die turbulente Übergangsperiode zwischen Antike und Mittelalter. Aufgrund seiner tatkräftigen Frömmigkeiten galt Gregor über viele Jahrhunderte hinweg als leuchtendes Vorbild für das Papsttum. Um Überschneidungen mit der österlichen Bußzeit zu verhindern, verschob die Liturgiereform 1969 Gregors Gedenktag auf den Jahrestag seiner Papstwahl: den 3. September.

Von Valerie Mitwali