Vor 150 Jahren würde der Orden der Afrikamissionarinnen gegründet

Die "Weißen Schwestern" im Kampf gegen die Not der Schwarzen

Aktualisiert am 09.09.2019  –  Lesedauer: 

Algier ‐ Es war ein schwieriges Kapitel Kirchenpolitik im kolonialen Nordafrika: Im Einsatz für Bildung, für Arme, Kranke und Waisenkinder gründete Erzbischof Lavigerie vor 150 Jahren eine Missionsgesellschaft: die "Weißen Schwestern".

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1866 grassierte in Algier die Cholera. Mehr als 50.000 Menschen starben; viele Kinder wurden zu Waisen. In dieser Lage suchte der Erzbischof der Hafenstadt, Charles-Martial Allemand Lavigerie, nach einer Schwesterngemeinschaft, um der Not entgegenzutreten. Er sandte einen französischen Priester aus Algier in die Bretagne, um junge Frauen anzuwerben, die bereit waren, den Menschen in Afrika zu dienen. "Weder Reichtum noch menschliche Größe" konnte er versprechen, sondern nur "Armut, Elend, Selbstverleugnung und einen möglichen Märtyrertod".

Wie schwierig die Aufgabe sein würde, dessen war sich Lavigerie durchaus bewusst: "Bei den Muslimen kann sich niemand einem weiblichen Wesen nähern, ohne selbst eine Frau zu sein", heißt es in seinem Missionsappell. "So wartet hier auf euch Frauen ein Auftrag, wie er euch in der Kirche kaum noch je anvertraut worden ist." Acht junge Frauen entschieden sich, nach Algier aufzubrechen. Die meisten hatten die Bretagne noch nie zuvor verlassen. Am 9. September 1869, vor 150 Jahren, trafen sie ein. Noch tags zuvor waren sie in einen Sturm geraten - mit dem die Geschichte der "Missionsschwestern Unserer Lieben Frau von Afrika" quasi begann.

Das antike Christentum in Nordafrika war mit der islamischen Eroberung des 7. Jahrhunderts untergegangen. Erst im kolonialen Fahrwasser Frankreichs ergab sich Mitte des 19. Jahrhunderts eine Chance, ein neues Kapitel der Christianisierung aufzuschlagen. Eine Schlüsselfigur für diesen Versuch war der spätere Kardinal und "Primas Afrikas" Lavigerie (1825-1892). Gebürtig in Bayonne im Baskenland, wurde er Bischof von Nancy und 1867 von Pius IX. zum Erzbischof von Algier ernannt.

Bild: ©Alain Pinoges/CIRIC/KNA

Kardinal Charles-Martial Allemand Lavigerie gründete 1868 die "Weißen Väter" und ein Jahr später die Afrikamissionarinnen.

Mit der Wiederbelebung des Christentums in Nordafrika fasste Lavigerie sogar eine Verbreitung in ganz Afrika ins Auge. Sein Mittel dafür waren Missionsgesellschaften, die sich für Bildung, für Arme, Kranke und Waisenkinder einsetzen sollten. Im Herbst 1868 gründete er die Gesellschaft der Afrikamissionare ("Weiße Väter"). Ein Jahr später folgte nun ein weiblicher Zweig, die "Weißen Schwestern".

Kurz nach den acht Bretoninnen folgten weitere junge Frauen aus Frankreich und Belgien; bis Ende September 1869 waren 22 Postulantinnen eingetroffen. Sie wurden von Borromäerinnen (Karlsschwestern) aus Lavigeries früherer Bischofsstadt Nancy ins klösterliche Leben eingeführt. Das erste Noviziat öffnete im November; die ersten Weißen Schwestern legten ihre Gelübde im April 1871 ab. Der Erzbischof sandte eine Gruppe nach Laghouat in die Sahara. Gleichzeitig wurde in Frankreich ein Postulat eröffnet.

Respekt für die einheimische Bevölkerung grundlegend

Die ersten Schwestern, meist robuste Bauernmädchen, lebten äußerst einfach, in nackten Unterkünften mit Hitze und Ungeziefer. In kleinen Gemeinschaften bearbeiteten sie das Land, beteten und kümmerten sich um die Waisen. Die Bildung und religiöse Erziehung der Kinder und die Verbindung zu den örtlichen Frauen wurden die Hauptaufgaben der Schwesternkongregation. Später kam verstärkt die Krankenpflege hinzu.

Die landläufige Bezeichnung der "Weißen Väter/Schwestern" knüpft an das weiße Ordensgewand an. Allerdings wurde der Name allzu häufig mit der Hautfarbe der Priester assoziiert - weshalb später eher die Bezeichnung "Afrikamissionare/Afrikamissionarinnen" bevorzugt wurde. Die Mitglieder sollten die Kultur der einheimischen Bevölkerung respektieren und eine bodenständige Kirche aufbauen.

Bild: ©KNA

Schwester Lea Ackermann (m.), Gründerin der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation Solwodi, mit zwei kenianischen Solwodi-Mitarbeiterinnen vor dem Hauptsitz der Organisation in Boppard-Hirzenach. Ackermann gehört dem Orden der Afrikamissionarinnen an.

1882 wurde Schwester Marie Salome zur Generaloberin gewählt. Die Bretonin war anstelle ihrer Cousine nach Nordafrika gekommen, die das Klima nicht verkraftet hatte. Ab 1874 diente sie in Les Attafs, einem Dorf, das Lavigerie für erwachsene Waisen eingerichtet hatte.

Doch noch war der Erzbischof nicht wirklich von seiner zweiten Ordensgründung überzeugt. Einige Schwestern erschienen ihm zu wenig qualifiziert für die große Aufgabe. Marie Salome kämpfte für ihre Schwestern - und setzte sich durch. 1909 wurde die Gemeinschaft von Papst Pius X. bestätigt. Sie blieb bis 1925 Generaloberin und starb 1930, mit 83 Jahren, in Algier.

1903 wurde die erste Schwesterngemeinschaft in Quebec/Kanada gegründet, 1926 in Deutschland. In den nordafrikanischen Missionsgebieten gab es Anfang der 1930er Jahre 34 Niederlassungen mit rund 300 Schwestern; weltweit waren es zu dieser Zeit bereits fast 1.000 und 1966 schon 2.163.

Doch bis 2003 fiel die Zahl wieder auf 1.050 Schwestern zurück; zuletzt waren es 2018 rund 600: je ein Drittel aus Europa, Nordamerika und aus Afrika. Die bekannteste "Weiße Schwester" aus Deutschland ist die Saarländerin Lea Ackermann (82), vielfach geehrte Kämpferin gegen Zwangsprostitution in Afrika.

Heute gibt es Gemeinschaften in 15 afrikanischen Ländern, von Algerien bis Uganda. Das Generalhaus ist in Rom, das Regionalhaus für Deutschland in Trier-Ruwer. Wie zu Beginn verfolgen die Ordensschwestern weiter den Aufbau einer dienenden Kirche in Afrika - in Respekt gegenüber der Spiritualität des anderen.

Von Alexander Brüggemann (KNA)