Viele bunt bekleidete Arme und Hände, die in der Mitte aufeinander liegen.
Kolumne: Mein Religionsunterricht

Der Religionsunterricht ist kein Refugium für Exoten und Träumer

Im Religionsunterricht geht es um das richtige Leben, im Alltag und dem Nächsten gegenüber. Doch das Weltgeschehen scheint diese Prinzipien oft zu konterkarieren. Ein Grund mehr, daran festzuhalten, findet Lehrer Heinz Waldorf.

Von Heinz Waldorf |  Wentorf - 13.09.2019

Lehrer Heinz Waldorf

Im neuesten Tatort aus Ludwigshafen hält der Klinikseelsorger alias Heinz Hoenig es für den größten Erfolg des Teufels, uns Menschen meinen zu lassen, dass es ihn nicht gäbe. Der Aphorismus von Charles Baudelaire, der mir nicht zum ersten Mal in Film und Fernsehen begegnet ist, hat mich auch am vergangenen Sonntag nicht überzeugt. Welch kurzsichtiger Versuch, den Menschen aus seiner Verantwortung zu entlassen! Mir persönlich ist es noch niemals besonders wichtig gewesen, die Frage zu beantworten, ob es den Teufel gibt oder nicht. Die Botschaft der Engel vom Frieden auf Erden war mir immer Lebensinspiration genug und Nelly Sachs' Vers "du bist in der Gnade" hat mich zu einem Menschen werden lassen, der davon überzeugt ist, keine Angst haben zu müssen. Hinzu kommt seit langem ein Nach-Denken des Verses "Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott" (Mi 6,8). Vielleicht bin ich etwas forsch und auch nicht von ausreichendem Sachverstand gesegnet, den Gehalt des Verses disputierend zu entschärfen. Aber mal ehrlich: Was ist daran misszuverstehen! Je länger ich nachdenke, umso klarer wird mir, dass es absolut stimmt: Ich weiß in aller Regel, was ich zu tun und zu lassen habe. Und nichts und niemand nimmt mir die Verantwortung ab, wenn ich mich gegen meine Überzeugungen stelle und etwas tue, von dessen Richtigkeit und "Gutheit" ich nicht überzeugt bin.

Das sind zwei Säulen meines Unterrichts: Im Vordergrund steht die wirklich frohe Nachricht, bei der meine Kinder in der Tat immer mal wieder durchatmen: Du brauchst dich vor nichts zu fürchten. Dann aber bestehe ich darauf, dass der Glaube nichts, aber auch gar nichts zu tun hat mit der Unart, irgendjemandem die Verantwortung für ein gutes Leben zuzuschieben und damit ja unfrei und unselbstständig zu werden. Das Gegenteil ist der Fall. Du brauchst keinerlei Angst zu haben, also nimm dein Leben in die Hand und tu das, von dessen Richtigkeit du überzeugt bist. Immer wieder zeichnen wir Labyrinthe (hier steht, wie es geht) und machen uns klar, dass wir unter dem Versprechen leben, auf jeden Fall unser Ziel zu erreichen, auch wenn es sich manchmal dreht und windet, wir die Richtung wechseln und umkehren müssen.

Zu Beginn des Schuljahres hatte ich wieder ausgiebig Gelegenheit zu erfahren, von was die Kinder überzeugt sind. In der ersten Stunde denken wir über die Regeln nach, die für uns gelten. Wir fragen uns, was wir brauchen, damit es uns miteinander im Unterricht gutgeht. Hoch im Kurs steht die Erwartung, dass in der Lerngruppe Respekt und Achtung herrschen. Es besteht der Wunsch, so in der Gruppe sein zu dürfen wie man ist, angstfrei seine Meinung sagen zu dürfen und nicht ausgelacht zu werden. In aller Regel kann ich schon zu Beginn der Veranstaltung zusagen, dass diese Erwartungen sich weitgehend erfüllen werden. Denn schließlich arbeiten wir kontinuierlich und beharrlich daran, dass hier jeder Mensch seine Verantwortung erkennt und auch übernimmt. Dass es Kinder gibt, die leise Töne einfach nicht verstehen und daher manchmal etwas lautere zu hören bekommen müssen, versteht sich von selbst. Sorgen bereitet mir seit langem eher der Verdacht, dass wir im Unterricht auf Dinge Wert legen, die allüberall in der Welt gar nicht (mehr) en vogue zu sein scheinen. Ich denke oft, man könne ja geradezu froh darüber sein, dass so viele Schülerinnen und Schüler unter mangelndem politischen Bewusstsein leiden oder zumindest an vielen Stellen nicht so kritisch sind, wie es vielleicht angebracht wäre.

Respekt gegenüber der Schöpfung

Montags reden wir über Respekt – auch der Schöpfung gegenüber. Nachmittags erreicht uns die Nachricht, dass irgendwer in Brasilien den Wald in Brand steckt. Was hat das mit Respekt zu tun? Und sind diejenigen, die das alles völlig in Ordnung finden, die Leute der Stunde – oder diejenigen, die so naiv sind, Visionen zu haben von einer anderen Welt?

Dienstags reden wir über eine geglückte Sprechsituation und herrschaftsfreie Kommunikation. Ich konfrontiere meinen Oberstufenkurs mit der Idee des "zwanglosen Zwangs des besseren Arguments". Nachmittags lese ich in der Zeitung, dass in London die Abgeordneten, die sich dem Premierminister nicht beugen wollen, aus der Fraktion fliegen sollen. Wer ist hier eigentlich verrückt? Sind wir Religionskursteilnehmenden es, die mit ihrem spinnerten Kram mal erwachsen werden sollen? Oder entlarven wir gerade eine Politikerkaste als große Spielkinder, die mit Sand aufeinander werfen und sich um ihre Spielzeuge streiten?

US-Präsident Donald Trump

In Sachen Respekt und Achtung sind manche Politik er wie US-Präsident Donald Trump eher ein Negativbeispiel.

Mittwochs stelle ich zwei Schüler zur Rede und frage sie, warum sie nicht weiterkauen, wenn ich sie anschaue. Ich frage sie, ob sie nicht genau wüssten, was zu tun sei und ich es ihnen daher doch nicht erst sagen müsse. Frühstück im Unterricht ist nun einmal nicht! Am nächsten Morgen stehen wieder Autos um Autos vor der Schule im absoluten Halteverbot und dokumentieren genau das Gegenteil von dem, was wir vortags besprochen haben. Solange keiner guckt, kann hier offenbar jeder machen was er will. Der Religionsunterricht – ein Refugium für Exoten und Träumer! Tatsächlich?

Kein Schaden, sich dem besseren Argument zu beugen

Ich halte sehr viel von Pflicht und Verantwortung. Ich möchte gern vermitteln, dass es kein Schaden ist, wenn man sich dem besseren Argument beugt (es zumindest ins Kalkül einbezieht). Ich finde die Frage, ob ich das, was ich tue, jedem Menschen zubilligen würde, einfach unschlagbar – und so sehr praktisch. Es geht am Ende immer um Menschwerdung – und das ist offenbar sehr viel. Wenn ich meinen Beitrag hier leisten kann, habe ich eine Menge getan.

Wenn ich nach London schaue, wenn ich mich in einen italienischen Hafen versetze oder neue Nachrichten aus Washington lese (von dem unsäglichen Rechtsruck in Sachsen und Brandenburg mal ganz zu schweigen), dann werde ich sehr selbstbewusst. Der Religionsunterricht erscheint mir dann als ein (wenn auch kleiner) Hort der Vernunft und der Aufklärung. Wie wir es machen, so müsste es gehen. In den großen Herren aus den Schlagzeilen erkenne ich doch nur allzu oft das Gesicht des Pharaos, dessen Heer nicht geblieben ist. Jedes halbwegs sozialisierte Kind ist klüger als manch einer, der in diesen Wochen unsere Schlagzeilen bevölkert.

Ich habe am letzten Freitag mir mit meiner Mischgruppe von Erst-, Zweit- und Drittklässlern eine Birne geteilt. Am Ende war für mich nichts mehr übrig. Der Kleinste, derjenige, der so aus der Reihe tanzt, dass er eine Schulbegleitung braucht, der ein neues "Sorgenkind" werden könnte, sah mich an, hielt mir seine Hand mit seinem Stück Birne hin und sagte: "Komm, wir teilen!" Mehr Menschwerdung kann gar nicht kommen!

Von Heinz Waldorf

Der Autor

Heinz Waldorf ist Lehrer am Gymnasium Wentorf bei Hamburg.

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