Glücksspiel kann süchtig machen.
Kolumne: Unterwegs zur Seele

Chaos, Schicksal, Fügung – Gott?

Die Frage gehört zu einer der größten der Menschheit: Gibt es den Zufall? Auch wenn sich schon viele Denker an der Beantwortung den Kopf zerbrochen haben, versucht Brigitte Haertel in ihrer Kolumne Chaos, Schicksal und göttlicher Fügung nachzugehen.

Von Brigitte Haertel |  Bonn - 10.10.2019

Brigitte Haertel bei katholisch.de

"Wie es der Zufall will?" Diese Redewendung markiert treffend einen Tyrannen der Weltgeschichte: Die unterschiedlichsten Wissenschaften und Pseudowissenschaften arbeiten sich seit Ewigkeiten an der Frage ab, ob der Zufall existiert – und können sie trotz aller Bemühungen nicht endgültig beantworten. Dabei gehört die Frage zu einer der größten überhaupt – wäre sie gelöst, wäre diese Welt eine andere – und wir Menschen sowieso.

Gott würfelt nicht, dieses dem genialen Physiker Albert Einstein zugeschriebene Postulat hat mich schon immer beeindruckt – dahinter verbirgt sich eine ganze Weltformel, nämlich jene, dass nichts zufällig geschieht, dass alles Gottes Plan unterworfen sein müsse. Aber kann das wirklich sein? Der französische Schriftsteller Théophile Gaultier nennt den Zufall etwas abmildernd "das Pseudonym Gottes, wenn er nicht selbst unterschreiben will" und Wilhelm Busch fasste bündig zusammen: "Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt."

Das kann doch kein Zufall sein!

Erstaunlich viele Menschen glauben nicht an den Zufall, ohne dass sie dabei zwingend Gott ins Spiel bringen. Sie nennen es Schicksal oder Fügung. Spirituell begabte Menschen, die nach Erkenntnis streben, glauben naturgemäß noch seltener an Zufälle, also an das Prinzip des Chaos. Kopfmenschen stehen allen "paranormalen" Zusammenhängen wie dem Glauben oder auch der Intuition skeptisch gegenüber. Ob ein Mensch bei bestimmten Ereignissen eher an Zufall oder an nicht sichtbare Zusammenhänge glaubt, bleibt ihm aus wissenschaftlicher Sicht selbst überlassen.

Ein Zufall ist die zusammengefasste Wirkung aller Faktoren, welche ständig tätig, nicht klar erkennbar, nicht zuschreibbar und nicht kontrollierbar sind und deren Effekte wir im Einzelnen nicht vorhersagen können, schreibt Herbert Immich, Professor für medizinische Statistik im Magazin "Nature". Zu allen Zeiten hat es Versuche gegeben, den Zufall durch Prophezeiungen auszuhebeln. In der Bibel sind viele Seher beheimatet, die schicksalhafte Ereignisse wie das Kommen des Erlösers vorwegnehmen.

Albert Einstein (1879-1955) schrieb 1942 in einem Brief an Cornelius Lanczos: "Es scheint hart, dem Herrgott in die Karten zu gucken. Aber dass er würfelt und sich telepathischer Mittel bedient (wie es ihm von der gegenwärtigen Quantentheorie zugemutet wird), kann ich keinen Augenblick glauben."

Aber was bedeutet das alles für unser Leben, für unseren Alltag? So lange wir jung sind, messen wir dem Zufall keine besondere Bedeutung bei. Mit dem Älterwerden und dem Schatz gesammelter Erfahrungen haben viele von uns das Gefühl, dass im scheinbar Beliebigen eine Botschaft steckt. Wir alle kennen Augenblicke und Ereignisse, die wir uns nicht erklären können: Da läuft uns jemand in die Arme, den wir ewig nicht gesehen, an den wir aber gerade intensiv gedacht haben. Der Schweizer Psychoanalytiker C.G. Jung entwickelte für solch zeitlich korrelierende Ereignisse, die nicht über Kausalbeziehungen verknüpft sind, vielmehr durch Assoziationen miteinander verbunden wahrgenommen werden, den Begriff der "Synchronizität".

Da greift einer am Küchentisch sitzenden Mutter eine unsichtbare Hand in den Rücken, in dem Moment, in dem ihr Sohn mit dem Fahrrad stürzt. Dass es Telepathie geben mag zwischen Menschen, das ist eine Sache. Doch kommt da nicht noch eine weitere Dimension ins Spiel? Spiegelt sich da die innere Bewegung der Seele in der realen Welt oder umgekehrt?

Die Quantenphysik bastelt seit langem an Erkenntnissen herum, nach denen der Mensch mittels seiner Gedanken Realitäten selbst erschafft oder nicht erschafft. Dass unser Gehirn nicht (!) darauf programmiert ist, an Zufälle zu glauben, auf dieser Theorie ruht der gegenwärtige Stand der Hirnforschung. Es ist anzunehmen, dass der Zufall das bleibt, was er ist und was er war: rätselhaft und geheimnisvoll – wie Gott selbst.

Von Brigitte Haertel

Die Autorin

Brigitte Haertel ist Redaktionsleiterin von "theo – Das Katholische Magazin".

Hinweis: Der Artikel erschien zuerst im "theo"-Magazin.