Kirchenvertreter und Indigene singen gemeinsam bei der Eröffnung der Amazonas-Synode im Petersdom.
Blog: Aus der Aula der Amazonas-Synode – Teil 3

Stoßen die Impulse aus Lateinamerika in Rom auf offene Ohren?

Sehen, urteilen, handeln - so gehe man in Mittel- und Südamerika Probleme an. Eine Methode, die auch bei der Synode in Rom funktionieren könnte, meint Pater Michael Heinz von Adveniat. Doch müssten dafür Frauen und Indigene häufiger gehört werden.

Von Pater Michael Heinz SVD |  Vatikanstadt - 12.10.2019

Pater Michael Heinz

"Wir müssen heute nicht mehr Stimme der Armen sein, sondern der Stimme der Armen zuhören." Das hat mir Gustavo Gutiérrez in einem persönlichen Gespräch am Rand der Amazonien-Synode mitgegeben. Der peruanische Theologe und Dominikaner, der mit seinem 1970 erschienen Werk "Theología de la liberación" der Befreiungstheologie ihren Namen gegeben hat, ist auch mit seinen 91 Jahren eine beeindruckende Persönlichkeit. Er ist aktiv, hellwach und aufmerksam auf die Zeichen der Zeit.

In den vergangenen Tagen im Plenum der Synoden-Aula konnte ich beobachten, wer spricht, wie die Redeanteile verteilt sind. Wenn dann bei 40 Statements pro Tag überwiegend Bischöfe zu Wort kommen, während gerade einmal drei von Frauen vorgetragen werden, dann drängt sich der Eindruck auf: Eine hörende Kirche müssen wir erst noch werden. Ich habe deshalb bei einem der abendlichen Rückblicke die Chance genutzt, um in einem dreiminütigen Kommentar, die 40 Frauen und die Indigenen in der Synoden-Aula ermutigt, häufiger das Wort zu ergreifen.

Außerdem habe ich mich für eine vorrangige Option für die Schöpfung ausgesprochen, für die Mutter Erde, wie es die Indigenen formulieren, oder für den Planeten, wie es die Jugendlichen der Fridays-for-Future-Bewegung sagen. Es wäre die logische Erweiterung der vorrangigen Option für die Armen, die 1968 von den lateinamerikanischen Bischöfen auf ihrer Versammlung im kolumbianischen Medellín formuliert wurde, und der Option für die Jugend, die 1979 im mexikanischen Puebla als Schwerpunkt kirchlichen Handelns beschlossen wurde. So kann sich die Amazonas-Synode in die lateinamerikanische Tradition stellen. Und damit stoßen die Impulse aus Lateinamerika endlich auf die offenen Ohren, die sie in der römischen Zentrale schon viel länger verdient hätten. Keine Ortskirche hat sich nach den wegweisenden Entscheidungen des Zweiten Vatikanischen Konzils so konsequent auf den Weg gemacht und theoretisch wie praktisch durchbuchstabiert, was diese für das konkrete Kirche-Sein in der Welt von heute und für die Menschen, insbesondere die Armen, bedeuten.

In Rom sind wir noch beim Sehen und Hören

Wir haben auf der Synode die Chance gemäß der befreiungstheologischen Methode „sehen, urteilen, handeln“ eine vielfältige Weltkirche mitzugestalten. Nach zwanzig Jahren in Lateinamerika merke ich, wie selbstverständlich für mich und die Menschen dort dieses Vorgehen ist. Am Anfang steht das Sehen und Zuhören, um dann im Licht des Evangeliums gemeinsam Entscheidungen zu treffen, die dann den jeweiligen Situationen vor Ort entsprechend umgesetzt werden. Das erscheint mir menschenfreundlicher als die häufig in Europa zu beobachtende „Problem-Lösungs-Logik“. Da wird meist zuerst theoretisch ein Konzept er-arbeitet, das dann praktisch buchstabengetreu abge-arbeitet werden muss.

Wir sind in Rom noch beim Sehen und Hören, was manchmal langwierig ist, ein anderes Mal für breite Erheiterung sorgt: So berichtete ein Bischof, dass in seiner Diözese auf 5000 Quadratkilometer ein Priester kommt. Das wäre ungefähr so, als ob es für ganz Deutschland 72 Priester gäbe oder für ganz Italien 61 – oder für den Vatikan gar keinen. Bei solchen Vergleichen muss sogar der Papst lachen.

Von Pater Michael Heinz SVD

Der Autor

Pater Michael Heinz SVD ist Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat.