Wie der Evangelist Lukas mit Worten Bilder malt
Ein geschliffener Erzähler mit Szenen voller Details

Wie der Evangelist Lukas mit Worten Bilder malt

Hat Lukas wirklich ein Gemälde der Muttergottes gemalt? Die Legende will es so, historisch gesehen ist das jedoch unwahrscheinlich. Doch Lukas ist trotzdem ein Maler: Mit einem erzählenden Auge verwandelt er sein Evangelium in ein Wortgemälde.

Von Fabian Brand |  Bonn - 18.10.2019

Ob der Evangelist Lukas zu seinen Lebzeiten jemals ein eigenes Bild gemalt hat, lässt sich wohl stark bezweifeln. Dennoch existiert seit den ersten Jahrhunderten die Legende, Lukas sei nicht nur Arzt, sondern auch Maler gewesen und habe als solcher die Ehre besessen, die Gottesmutter auf einem Gemälde festzuhalten. Freilich ist man heutzutage überzeugt, dass diese Vermutung ihren Platz im Reich der Legenden hat. Doch trotzdem ist es gar nicht so abwegig, Lukas als Maler zu charakterisieren. Sein Gedenktag ist eine gute Anregung, um sich einmal neu mit seinem Evangelium und seiner Apostelgeschichte auseinanderzusetzen und die ein oder andere Neuentdeckung innerhalb dieser beiden Schriften zu wagen.

Dass Lukas wirklich Maler war und mit Farbe und Pinsel ansprechende Gemälde geschaffen hat, kann man wohl zu Recht bezweifeln. Immerhin ist diese Geschichte erst sehr spät aufgekommen, vermutlich sogar erst im 6. oder 8. Jahrhundert. Sicherer ist man sich dagegen, dass Lukas wohl als Arzt gearbeitet hat. Zumindest bezieht man sich damit auf eine Stelle im vierten Kapitel des Kolosserbriefes, in der es heißt: „Es grüßen euch Lukas, der geliebte Arzt, und Demas.“ Da angenommen wird, dass Lukas den Apostel Paulus auf unterschiedlichen Missionsreisen begleitet hat, haben schon die frühen Kirchenväter den im Kolosserbrief erwähnten Arzt Lukas mit dem gleichnamigen Evangelisten identifiziert. Freilich ist auch diese Gleichsetzung höchst fragwürdig, zumal die These, dass Lukas ein Begleiter des Paulus war, auch erst im 2. Jahrhundert aufgekommen ist. Zumindest gäbe es hierzu immerhin einen neutestamentlichen Anhaltspunkt, wohingegen die Annahme, Lukas sei Maler gewesen, alleine auf legendarischen Berichten beruht.

Bild hat sich bis heute erhalten

Als Maler, so wollen es diese Erzählungen, habe Lukas vor allem ein herausragendes Motiv festgehalten: nämlich die Gottesmutter selbst. In anderen Versionen sei das Bild auf wundersame Weise durch den Heiligen Geist fertiggestellt worden oder gar aufgrund des bloßen Kontakts einer Leinwand mit dem Körper Mariens entstanden. Wie dieses Madonnenbild ausgesehen hat, weiß man bis heute: Es soll nämlich das Gnadenbild "Salus populi Romani" sein, das in der Kirche Santa Maria Maggiore in Rom verehrt wird und zahlreiche Nachbildungen erfahren hat. Doch daneben gibt es noch eine weitere Kirche, die für sich beansprucht, das originale Bild des Lukas zu besitzen: Es ist die kleine armenische Markuskirche, die sich etwas verborgen inmitten der Altstadt von Jerusalem befindet. Auch hier hängt über dem Taufbecken eine Marien-Ikone, von der man bis heute gerne erzählt, dass sie vom Evangelisten Lukas geschaffen worden sei. Und auch das Hodegonkloster, das in Konstantinopel östlich der Hagia Sophia lag, soll ein solches Marienbildnis beherbergt haben. Zumindest heißt es, das Gemälde des Lukas sei im fünften Jahrhundert nach Konstantinopel gelangt; aufgrund der ihm zugesprochenen Wundertätigkeit führten es die Einwohner bei militärischen Auseinandersetzungen mit oder stellten es auf der Stadtmauer auf. Doch ob nun Konstantinopel, Jerusalem oder Rom: Ob eine der dort gezeigten Bilder wirklich von Lukas gemalt wurden oder auf ein Urbild vom Evangelisten zurückgehen, lässt sich wohl nicht mit Sicherheit bestimmen. Es ist aber doch höchst unwahrscheinlich.

Papst Franziskus vor der Ikone "Salus Populi Romani" in der römischen Kirche Santa Maria Maggiore.

Doch so ganz lässt sich die Zuschreibung, Lukas sei Maler gewesen, auch nicht zurückweisen. Denn Lukas mag zwar nicht mit Pinsel und Leinwand gemalt haben, seine Handwerkszeuge waren vielmehr Papyrus und Griffel. Mit seinem Evangelium hat Lukas durchaus ein Werk geschaffen, das man als bedeutendes "Wortgemälde" bezeichnen könnte. Wie kein anderer der Evangelisten bemüht sich Lukas, nicht nur die Grundbotschaft des Evangeliums zu vermitteln, sondern sie zugleich in wunderbare Geschichten zu kleiden. Lukas schreibt anschaulich und zwar so, dass man gewissermaßen in die Erzählungen hineinspringen kann, um die Nähe der Gottesherrschaft am eigenen Leib zu spüren. Wo die anderen Evangelien nur auf der Ebene der Andeutung verharren, da greift Lukas zu, führt aus und malt sein Wortgemälde.

Inspiration für viele Künstler

Das Lukasevangelium ist deshalb auch ein reicher Fundus an Motiven geworden, die von anderen großen Künstlern auf Leinwänden festgehalten worden sind. Das beginnt bei der Weihnachtserzählung, die bis hinein in die Kunst der Krippenfiguren und Krippendarstellungen bis heute alljährlich in der Weihnachtszeit nachwirkt. Zu nennen sind die großen Gleichniserzählungen, wie der verlorene Sohn, dessen Rückkehr sehr prominent von Rembrandt dargestellt wurde, oder der barmherzige Samariter, mit dem sich künstlerisch zum Beispiel Vincent van Gogh und andere auseinandergesetzt haben. Und schließlich steht gewissermaßen achtergewichtig die Begegnung der Emmausjünger mit dem auferstandenen Herrn, die beispielsweise von Caravaggio in einem beeindruckenden Gemälde verarbeitet wurde. Was Lukas mit Worten malt, wird so sichtbar und nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit den Augen erfassbar.

So stellt Rembrandt die "Rückkehr des verlorenen Sohnes" dar.

Die Geschichten des Lukasevangeliums sind von einer hohen Dichte an Details und genauen Beobachtungen gekennzeichnet. Vieles, was in den anderen Evangelien nur andeutungsweise oder gar nicht erzählt wird, beschreibt Lukas sehr ausführlich. Dazu gehört vor allem die Kindheitsgeschichte: Lukas beginnt nicht erst beim Auftreten des erwachsenen Jesus (wie Markus und Johannes), mit einer großen Detailverliebtheit beschreibt er die großen Linien der Vorgeschichte, beginnend bei der Verkündigung der Geburt des Täufers Johannes bis hin zur Darstellung des zwölfjährigen Jesus im Tempel. All dies fehlt bei Markus und Johannes, Matthäus berichtet ansatzweise davon. Es erweckt gerade den Eindruck, als ob Lukas sich gar nicht bremsen konnte und mit einem hohen Maß an Eifer und Begeisterung sein Evangelium geschrieben hat. Lukas ist ein Autor, der Gefallen an der Aufgabe findet, den Bios des Jesus von Nazareth festzuhalten, und zwar so, dass er nicht nur darüber berichtet, sondern den Leser mit seiner Schrift fesseln möchte. Gerade für den antiken Leser konnte die Evangelienschrift des Lukas begeistern und unterhalten. Die abwechslungsreichen Episoden von Evangelium und Apostelgeschichte langweilen nicht; sie regen vielmehr die Fantasie an und inspirieren, die Lektüre des Werkes fortzusetzen. Damit ist Lukas auch ganz ein Schriftsteller seiner Zeit.

Der Legende nach ist Lukas vor allem der Maler der Muttergottes. Auch das lässt sich in seinem Evangelium nachvollziehen, immerhin setzt sich Lukas in ganz besonderer Weise mit Maria auseinander. Sie empfängt die Botschaft des Engels und wird so zu Gottes Magd, die sich ganz und gar hörend in seinen Dienst stellt. Mehr noch: Lukas legt ihr ein herausragendes Lied in den Mund, das von der unbegreiflichen Größe Gottes und seinem barmherzigen Handeln an den Armen und Niedrigen singt. Maria ist aber auch die, die vor allem ein hörendes Herz auszeichnet, mit dem sie das Erlebte reflektiert und es zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügt. So malt Lukas tatsächlich ein Bild der Gottesmutter, das einen besonderen Akzent auf die Verbindung zu ihrem Sohn legt, dessen Wort sie in sich aufnimmt, um es in sich wirksam werden zu lassen.

Der Evangelist Lukas malt – und seine Gemälde laden ein, gehört zu werden. Doch nicht nur das: Wer sie hört, der stellt sie sich auch vor, der entwirft vor seinem inneren Auge ein Bild dessen, wovon Lukas in seinem Evangelium berichtet. Keines dieser Gemälde gleicht dem anderen, jedes dieser Bilder sieht anders aus. Dadurch wird jeder selbst zum Maler und kommt in Berührung mit dem, wovon Lukas in seinem Evangelium schreibend berichtet: Mit dem menschgewordenen Gott, der sich den Menschen in ihren vielfältigen Lebenssituationen barmherzig erweist.

Von Fabian Brand