Wie der Mensch zur Erfüllung seiner tiefsten Sehnsucht gelangt
Kolumne: Unterwegs zur Seele

Wie der Mensch zur Erfüllung seiner tiefsten Sehnsucht gelangt

Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Sehnsucht – und des Versuchs sie zu stillen. Kaum sei ein Ziel erreicht, stehe schon das nächste vor Augen, schreibt Brigitte Haertel. Doch was ist mit der Sehnsucht, die man nicht erfüllen kann?

Von Brigitte Haertel |  Bonn - 15.11.2019

Brigitte Haertel bei katholisch.de

Es ist eines der schönsten deutschen Wörter überhaupt: Sehnsucht! Und es müht sich, dieses Wort, scheinbar Unvereinbares zusammenzubringen. Trauriges und Heiteres, Geduld und Ungeduld. "Vielleicht ist die Sehnsucht der einzige Zustand, der einen am Leben hält", schrieb einmal der Autor Marc Fischer. "Wer auf nichts mehr wartet, ist verloren." Ein erschütternder Satz – mit Ewigkeitsanspruch. Marc Fischer ist bald nach diesem Satz gestorben.

Nun, die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte nicht enden wollender Sehnsucht, also des Verlangens – angefangen bei Adam und Eva, die nach Erkenntnis verlangten. Mit diesem Sehnen scheint alles Schöne seinen Anfang zu nehmen, jede Liebe, jede große Kunst, aber auch alles Entsetzliche: Verbrechen geschehen aus Sehnsucht – nach einer heilen Welt, nach Unabhängigkeit und Größe.

Wem sich die Dinge erfüllen, der findet Erlösung – für eine Weile. Doch mit der Sehnsucht ist es wie mit erhörten Gebeten, die nächste Bitte ist schon da, die nächste Sehnsucht hat ein neues Ziel. Ist es Zufall, dass eine Sehnsucht bleibt, die Irdisches nicht zu stillen vermag? So jedenfalls fühlen es Menschen, die nach Erkenntnis streben. Nicht Qual ist diese Sehnsucht, eher von stiller, manchmal zärtlicher Beharrlichkeit.

Der Zustand des Verliebtseins in der allerersten, glühenden Phase, der zwei Menschen einhüllt in ein Vakuum, dieser Zustand ist noch am ehesten imstande, diese Sehnsucht einmal gänzlich verstummen zu lassen – für einige Zeit. Spätestens wenn der Alltag die großen Gefühle hinweggespült, die Leidenschaft zur Ruhe gefunden hat, meldet sie sich wieder, klopft sie leise an, diese alte Sehnsucht.

Die Figur des Christus Salvator zieht den Blick des Besuchers in den Chorraum der Moritzkirche in Augsburg.

"Der Mensch leidet nicht aus diesem oder jenem Grund, sondern ganz allein, weil nichts auf dieser Erde seine Sehnsucht stillen kann", schrieb Jean-Paul Sartre und es mutet eigenartig an, dass der Dichter und Existenzialist aus dieser Erkenntnis nicht ein höheres Wesen oder wenigstens einen Bewusstseinszustand abzuleiten vermochte, der allein diese Sehnsucht stillen kann.

Warum sonst sollte der Mensch mit dieser Sehnsucht leben müssen? So, wie es Wasser geben muss, weil es Durst gibt, so muss es Erfüllung geben, weil die Sehnsucht da ist. Wenn diese Sehnsucht aber in dieser Welt keine Erfüllung findet, dann muss sie woanders zu finden sein. Die Bibel sagt von dem Menschen: "Gott hat die Ewigkeit in ihr Herz gelegt…" Und wer auf die Ewigkeit hin geschaffen ist, der kann in zerrinnenden Stunden, Minuten und Sekunden nie die Erfüllung seiner tiefsten Sehnsucht finden, und würden diese Stunden auch überschäumen vor Glück.

Wenn der Mensch Gottes Geschöpf ist, wie Christen es glauben, findet er nur Erfüllung in der Liebe, in einer Liebe, die seine Vorstellung von diesem Begriff weit übersteigt. Gott ist Liebe heißt es, die Liebe schlechthin, und womöglich kann nur sie diese Leere füllen, die häufig das Ergebnis eines gottfernen Lebens ist. Erst, wenn die Sehnsucht des Menschen auf Gott ausgerichtet ist, erst dann läuft sie – vielleicht – nicht mehr ins Leere.

"Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, oh Gott", sagt der heilige Augustinus. Dennoch: Die Sehnsucht gehört zum Menschen, sonst wäre sie nicht da. Sehnsucht heißt auch Wachheit, Dasein in der Schwebe, Bewegung. Der Sehnende will finden, und wenn Gott das Ziel seiner Sehnsucht ist, wird er Gott finden, vielleicht schon in dieser Welt.

Von Brigitte Haertel

Die Autorin

Brigitte Haertel ist Redaktionsleiterin von "theo – Das Katholische Magazin".

Hinweis: Der Artikel erschien zuerst im "theo"-Magazin.