Panorama von Würzburg mit dem Kiliansdom im Mittelpunkt.
Hunderte Fälle körperlicher "Züchtigung" bekannt geworden

Anwalt: Viel Gewalt in einstigen Internaten des Bistums Würzburg

Es war kein sexueller Missbrauch, und doch körperliche Gewalt – und zwar hundertfach: Im Bistum Würzburg wurden Vorfälle in drei früheren katholischen Jungen-Internaten untersucht. Jetzt gibt es die Ergebnisse.

Würzburg - 19.11.2019

der drei früheren katholischen Jungen-Internate des Bistums Würzburg finden sich keine Hinweise auf weitere Fälle sexuellen Missbrauchs. Es gebe aber zahlreiche Fälle körperlicher Gewalt, sagte Christian Stadler von der mit der Prüfung beauftragten Rechtsanwaltskanzlei Cornea Franz am Dienstag in Würzburg. In den drei "Kilianeen" in Würzburg (Betrieb: 1872-1998), Miltenberg (1927-1983) und Bad Königshofen (1964-1995) habe es 67 Anzeichen für Personal-Gewalt gegen Schüler gegeben. Als Täter seien in 23 Fällen Kleriker verdächtig, in sechs Laien. In 24 Fällen sei keine konkrete Person zu bestimmen gewesen.

Nicht erfasst sind in der Untersuchung laut Generalvikar Thomas Keßler zwei Fälle sexuellen Missbrauchs in den Kilianeen. Sie stünden nicht in den Akten, sondern seien in der Vergangenheit von den Betroffenen mitgeteilt worden. Beide Fälle seien der Staatsanwaltschaft gemeldet und eingestellt worden. Es habe auch kirchenrechtliche Schritte gegeben. Die Betroffenen hätten zudem eine finanzielle Anerkennung erlittenen Leides bekommen.

Dazu kommen laut Anwalt Stadler 761 Fälle körperlicher Gewalt in den Kilianeen, die sich bei diversen Nikolausfeiern ereignet hätten. Der "Knecht Ruprecht" - gespielt von Zwölftklässlern - habe Schüler bei Verfehlungen mit Rutenschlägen auf das Gesäß bestraft. Mit 644 Fällen gab es dem Bericht zufolge einen Schwerpunkt im Würzburger Kilianeum.

Rechtfertigung durch das teils noch geltende Züchtigungsrecht scheide aus

Zur strafrechtlichen Bewertung sagte Stadler, eine Rechtfertigung durch das teils noch geltende Züchtigungsrecht scheide aus. Körperliche Gewalt sei nicht erst als Ultima Ratio angewandt worden. "Vielmehr zeichnet sich das Bild ab, dass körperliche Gewalt in den Internaten bei Verfehlungen der Schüler eher unmittelbar eingesetzt wurde, als dass zuvor pädagogisch auf die Schüler eingewirkt worden wäre."

Die Fälle seien alle verjährt. Dieser Einschätzung der Kanzlei habe sich die Generalstaatsanwaltschaft Bamberg angeschlossen, die eine Ergebniszusammenfassung erhalten habe. Diese habe sie dem Bundesjustizministerium zur Stellungnahme vorgelegt. Eine Rückmeldung stehe aus. Generalvikar Keßler ergänzte zu den Gewalttaten, "das Vorgehen war falsch und das tut uns als Kirche sehr leid". Er bitte Betroffene um Vergebung. "Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Würde und körperliche Unversehrtheit." Keßler fügte an, mit der "umfangreichen Aufarbeitung" versuche seine Diözese, Betroffenen zu helfen und verlorenes Vertrauen wiederzugewinnen. Würzburgs Bischof Franz Jung habe dazu in den zurückliegenden Monaten zahlreiche Gespräche geführt. Ein weiteres Treffen für Opfer sexualisierter Gewalt finde am 15. Januar 2020 ab 17 Uhr im Würzburger Burkardushaus statt

Als Ergänzung zur MHG-Studie der deutschen Bischöfe hatte das Bistum Würzburg eine eigene Untersuchung durchführen lassen und dabei zahlreiche weitere Hinweise auf Missbrauch gefunden. Bei einer Sichtung alter Personalakten von Seelsorgern durch eine externe Anwaltskanzlei ergaben sich in 47 Fällen Hinweise auf sexuelle Übergriffe, teilte die Diözese Ende Mai mit. Betroffen seien ausschließlich Priester, nicht aber Diakone, Gemeinde- und Pastoralreferenten, hieß es. Knapp 3.000 Akten von Seelsorgemitarbeitern für den Zeitraum von 1946 bis 1999 waren geprüft worden. Die Ergebnisse für die Kilianeen standen bislang noch aus. (tmg/KNA)