Kolumne: Unterwegs zur Seele

Warum es sich lohnt, nach Gemeinschaft zu streben

Aktualisiert am 12.12.2019  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Auf seinem Weg zur Selbstverwirklichung gibt der moderne Mensch häufig die Gemeinschaft mit anderen auf. Das berge Risiken, schreibt Brigitte Haertel. Die Rückbesinnung auf das Wir könne zwar mühevoll sein – aber auch Lebenssinn schenken.

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Individualisierung, soziologisch betrachtet, meint den Prozess zunehmender Selbstbestimmung, der in unserer Gesellschaft einhergeht mit wachsendem Einkommen und der Schwächung sozialer Bindungen. Ein Blick in die Menschheitsgeschichte offenbart: Ohne die Fähigkeit zu kooperieren und zu teilen hätte kaum jemand überleben können, und Sokrates, der etwa 500 vor Christus im alten Griechenland lebte und wirkte, hielt den Menschen gar für ein "Gemeinschaftstier".

Wie also konnte es zu dieser Ich-Bezogenheit einer Gesellschaft kommen? Das Streben nach persönlicher Freiheit wird von esoterischen Heilslieferanten, von Gurus und Welterklärern als das Nonplusultra gefeiert, der Weg vom Wir zum Ich als Selbstverwirklichungspfad mit Reinkarnationsgarantie bejubelt – frei von moralischen und verpflichtenden Zwängen.

Resultat eines auf Leistung fixierten Systems

Immer häufiger führt dieser Weg in eine Sackgasse. Und vor allem: Er ist oft gar nicht selbstgewählt, sondern das Resultat eines auf Leistung fixierten Systems, das dem Einzelnen hohe Flexibilität und Mobilität abverlangt. Wer ständig Überstunden schiebt und alle zwei Jahre umziehen muss, kann nur schwer soziale Bindungen aufrechterhalten, und wer sich und seine Ich-AG nach vorne bugsieren will, braucht Ehrgeiz und Durchsetzungsstärke.

Doch es ist eine riskante Freiheit, der der moderne Mensch entgegenstrebt. Er gibt etwas auf, dass ihm Sicherheit und Geborgenheit schenken, ihn vor Isolation und Einsamkeit schützen kann: die Gemeinschaft mit anderen.

Vor ein paar Jahren machte der Schriftsteller und Publizist Christian Schüle mit seinem Buch "Vom Ich zum Wir" auf sich und auf die gesellschaftliche Entwicklung aufmerksam. "Wir brauchen dringend ein neues Selbstverständnis als Gemeinwesen", resümmiert er darin.

Bild: ©grafxart/Fotolia.com

Isolation und Einsamkeit sind Folgen der zunehmenden Leistungsgesellschaft.

Die steigende Nachfrage der Menschen nach ehrenamtlichem Engagement, das Zusammenfindung von Klimarettern in der Bewegung "Fridays for Future", aber auch von Populisten und Rassisten im Netz ist bereits der Erkenntnis geschuldet, allein doch nicht so viel bewegen zu können. Die Rückbesinnung auf das Wir ist demnach nicht ohne Risiken, aber sie bleibt wünschenswert.

Für Menschen, die sich in ihrem "Allein-Leben" eingerichtet haben, kann diese Rückbesinnung ein mühevoller Weg sein. "Ich bin kein Gruppenmensch" ist ein typischer Single-Satz, und in der Tat ist es schwierig für Individualisten, also eigenständige Denker und Macher, sich in einer Gruppe, einem Team, einer Gemeinschaft anzupassen.

Ich-Werte und Wir-Werte gehen schwer zusammen, das Trennende macht sich eher bemerkbar als das Verbindende. Sich in einer Gruppe einsam zu fühlen, ist um ein vielfaches schmerzhafter als dieses Gefühl allein zu erfahren. Doch Vorsicht: Mit der totalen Abwendung von Gemeinschaften geht Lebensfreude verloren, die ihren Ursprung im Miteinander hat.

Der Partner als Regulativ

Es lohnt sich, nach Gemeinschaft zu streben, vielleicht erst einmal in der kleinstmöglichen Form: Ein Partner beziehungsweise eine Partnerin bietet nicht nur emotionale Geborgenheit, Partner sind einander auch Regulative, schützen vor dem Zementieren von Marotten und allzuviel Egozentrik. Für eine Bindung braucht es eine Entscheidung, ein klares Ja.

Vertrauen und Zuneigung – statt Angst und Gier – sind eben doch die stärksten Kraftquellen. Und die stellen sich nicht am Computer ein, dafür braucht es die Hinwendung zum anderen. Wer diese Hinwendung zu einem Menschen schafft, schafft es früher oder später auch, sich in Gemeinschaften wohl zu fühlen.

Der Aufbau und die Pflege tragfähiger Beziehungen ist eine echte Kunst, die, wie das Erlernen jeder Kunst, Zeit und Energie kostet, die aber langfristig viel mehr gibt: das Gefühl dazuzugehören und Lebenssinn.

Von Brigitte Haertel

Die Autorin

Brigitte Haertel ist Redaktionsleiterin von "theo – Das Katholische Magazin".

Hinweis: Der Artikel erschien zuerst im "theo"-Magazin.