"Was sucht Ihr?" Diese Frage sind die ersten Worte Jesu im Evangelium nach Johannes. Und die Antwort darauf ist eine Gewissheit: "Wir haben den Messias gefunden – das heißt übersetzt: Christus." (Johannes 1,41). Diese Frage und diese Antwort prägen die Adventszeit. In ihr bereitet sich die Christenheit auf das Fest der Geburt Jesu vor. Es ist die Zeit der Sehnsucht nach der Ankunft – das bedeutet das lateinische Wort "adventus" – eines Retters, der Befreiung und Erlösung bringt, die weder allein durch innere Umkehr noch durch sozio-politische Revolutionen erreicht werden kann. Diese Sehnsucht ist nicht nur in der Adventszeit prägend für das Christentum, sondern auch nach über 2000 Jahren erklingt noch immer im Vaterunser die an Gott gerichtete Bitte: "Dein Reich komme!"
Die Evangelien erzählen wie Jesus nicht sich selbst, sondern die Königsherrschaft Gottes verkündete. Doch diejenigen, die an ihn glauben, nennen sich Christen und verkünden ihn als Christus. Dieses Bekenntnis – Jesus (ist der) Christus – ist rein sprachlich betrachtet, nichts Weltbewegendes. Dieser Titel leitet sich von einem griechischen Wort ab, χριστὸς (gesprochen: christos), das bereits in der antiken Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische häufig vorkommt. Dort wird mit ihm das hebräische Wort מָשִׁיחַ (gesprochen: maschiach) übersetzt, von dem sich in der deutschen Sprache das Wort "Messias" ableitet. Eine der geschichtlichen Personen, die im hebräischen Alten Testament als ein solcher "Messias" bezeichnet werden, ist der von Gott auserwählte und später von ihm wieder verworfene erste König Israels, Saul. Über ihn sagt David, der von Gott gegen Saul zum neuen König auserwählt wird: "Um des HERRN willen sei dies fern von mir, dass ich meinem Herrn, dem Gesalbten des HERRN, das antue und meine Hand gegen ihn führe, denn er ist der Gesalbte des HERRN." (1 Samuel 24,7).
Der hebräische Begriff, von dem sich "Messias" im Deutschen ableitet, bedeutet weder "Retter", noch "Sohn Gottes", sondern bezeichnet die Person als jemanden, der zu einem Amt oder einem Dienst gesalbt wurde. Die Bibel erzählt von Menschen, die vom Volk, von Propheten oder vom Hohepriester zu Propheten, Priestern oder Königen gesalbt wurden – so wie auch die Gegenstände für den Tempel gesalbt wurden. Was oder wer gesalbt ist, ist heilig, das heißt, Gott nah, ihm übergeben. Selbst ein ausländischer König, der persische König Kyrus, kann im Buch Jesaja als "Gesalbter JHWHs" bekannt werden (siehe Jesaja 45,1). In diesem Sinne ist Jesu nur einer von vielen Gesalbten – aber im Neuen Testament erhält dieser Titel eine ganz neue Bedeutung und das Christentum entwächst als messianische Bewegung dem Judentum.
Auch König David trägt den Titel "Gesalbter JHWHs".
Im Alten Testament trägt auch König David den Titel "Gesalbter JHWHs". Ihm wurde von dem Propheten Natan im Auftrag Gottes eine ewige Dynastie verheißen: "Dein Haus und dein Königtum werden vor dir auf ewig bestehen bleiben; dein Thron wird auf ewig Bestand haben." (2 Samuel 7,16). Das davidische Königshaus ging jedoch unter – die Babylonier vernichteten das Königreich und führten das Volk ins Exil –, aber die Hoffnung auf dessen Wiedererrichtung stirbt nicht. Im Buch des Propheten Amos wird verkündet, dass Gott "die zerfallene Hütte Davids" wieder aufrichten werde. Und David selbst wird zum Ansatzpunkt für die Hoffnung Israels. Im Buch Jeremia wird der ideale zukünftige König als einen "gerechten Spross" beschrieben, den Gott "für David" erwecken werde (Jeremia 23,5). Wenig später heißt es gar: "Vielmehr werden sie [Juda und Israel] dem HERRN, ihrem Gott, dienen und David, ihrem König, den ich ihnen erstehen lasse." (Jeremia 30,9). Dieser König wird ein wiedererstandener David sein. In diesen Verheißungen wird die Zeit Davids idealisiert und als Hoffnungsbild in die Zukunft projiziert. Sie knüpfen an Aussagen über David an, in denen er im Buch der Könige im Kontrast zu den Erzählungen in den Samuelbüchern als jemand beschrieben wird, der Gott vollständig folgte, dessen Herz ungeteilt mit JHWH war und der stets dessen Gebote und Satzungen bewahrt habe.
Hoffnung auf "neuen David" entstand
Zwar spielt in diesen Zukunftshoffnungen der Titel "Gesalbter JHWHs" keine Rolle, aber die mit ihm in der Königsideologie verbundene Machtaussage steht im Hintergrund – so sagt Gott zum Beispiel in Psalm 2 zu dem von ihm als Sohn adoptierten König, "seinem Gesalbten": "Fordere von mir und ich gebe dir die Völker zum Erbe und zum Eigentum die Enden der Erde. Du wirst sie zerschlagen mit eisernem Stab, wie Krüge aus Ton wirst du sie zertrümmern." (Verse 8-9). So entstand die Hoffnung auf einen "neuen" David, der von Gott als dessen Gesalbter eingesetzt, machtvoll in der Geschichte auftreten werde, um mit Gottes Hilfe Israels Feinde zu vernichten und ein Friedensreich zu errichten. Doch dies war nur eine der vielen sich entwickelnden "messianischen Hoffnungen", die es zur Zeit des Neuen Testaments gab.
Unter der Überschrift "König der Juden" wird am Kreuz die Hoffnung auf die Wiederrichtung der davidischen Dynastie enttäuscht. Jesus, der wie ein König in Jerusalem eingezogen war, vernichtete weder die Feinde Israels, noch errichtete er ein irdisches, unabhängiges Königreich Israel. Jesus ist kein David. Sein Bekenntnis vor dem Hohepriester, dass er der Christus ist – "Ich bin es" –, und seine mehrdeutige Antwort vor dem römischen Statthalter Pontius Pilatus, auf die Frage, ob er der König der Juden sei – "Du sagst es" –, führt zum Todesurteil gegen ihn (siehe Markus 14,53-15,15). Damit wird er gemäß dem alttestamentlichen Gesetz nicht zu einer Heilsgestalt, sondern zu einem Verfluchten, denn im Buch Deuteronomium heißt es: "Wenn jemand ein Verbrechen begangen hat, auf das die Todesstrafe steht, wenn er hingerichtet wird und du den Toten an einen Pfahl hängst, dann soll die Leiche nicht über Nacht am Pfahl hängen bleiben, sondern du sollst ihn noch am gleichen Tag begraben; denn ein Gehenkter ist ein von Gott Verfluchter." (Deuteronomium 21,22-23).
Über dem Kreuz Jesu wird meist eine Tafel mit der Inschrift "INRI" dargestellt. Sie bekennt, dass "Jesus von Nazareth, König der Juden" war.
Das Evangelium nach Markus erklärt den Lesern jedoch, warum dieser Jesus von Nazareth dennoch der Christus, der Messias ist. Als Jesus seine Jünger fragt, für wen sie ihn halten, antworte Petrus: "Du bist der Christus!" – und auf dieses Bekenntnis folgt die erzählerische Feststellung: "Doch er gebot ihnen, niemandem etwas über ihn zu sagen." (Markus 8,29-30). Daraufhin belehrt er sie, dass er sterben und auferstehen muss. So wird die Auferstehung zum Erkenntniszeichen, dass Jesus der Christus ist. Diese theologische Erkenntnis verdichtet sich in den Briefen des Apostel Paulus, der eingesteht: "Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glauben." (1 Korinther 15,14). Paulus' Glaubensbekenntnis ist ein Christus-Bekenntnis: "Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift" (1 Korinther 15,3-4). Jesus wird von seinen Jüngern nicht aufgrund der Schrift als Christus erkannt, sondern seine Auferstehung zeigt an, dass seine Nähe zu Gott den Tod überwindet – in diesem Sinne ist er für die entstehende Christenheit der Gesalbte Gottes, weil er sich im Leben, Sterben und in der Auferstehung völlig Gott übergeben hat.
Allein auf der Grundlage des Alten Testaments kann Jesus nicht als Christus bekannt werden. Es bedarf aus christlicher Perspektive des Glaubens an seine Auferstehung. Er war eben nicht der von König Herodes befürchtete Thronrivale, sondern ein neuer, ein anderer Christus. Doch die Idee eines Gesalbten Gottes, der militant in der Geschichte auftreten wird, lebt auch heute noch im Christentum fort, denn nicht nur im Advent, sondern ganzjährigen Glauben richtet sich die christliche Existenz an der Wiederkunft Christi aus. Sie wird im Buch der Offenbarung in dramatischen, bildreichen Worten beschrieben – bekleidet mit einem "blutgetränkten Gewand" wird "er die Völker schlagen" und er wird "König der Könige und Herr der Herren" genannt werden (Offenbarung 19,11-16). Auch nach der Auferstehung Christi erwarten seine Gläubigen noch eine Veränderung der diesseitigen Welt zum Königreich Gottes. So befinden sich die Christen nicht nur im Advent, sondern in ihrer ganzen Existenz, immer noch zusammen mit dem Judentum im "Wartesaal der Geschichte", wie es Shalom Ben-Chorin formuliert hat, den Anbruch des Reiches Gottes im Gebet erbittend. Doch diese Bitte können sie nach der Auferstehung Christi selbst als Gesalbte aussprechen (siehe 1 Johannes 2,27).